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Sinus-Studie zur Jugend Jugendliche sind pro Asyl und gelegentlich offline

Deutsche Jugendliche sind vielleicht angepasst, aber dennoch schwer berechenbar, wie eine Studie zeigt. Was Jugendliche zu Themen wie Asyl, Mobilität und anderes denken - und welche Ergebnisse überraschen.

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Alle vier Jahre erforscht die Sinus-Akademie die Frage, wie Deutschlands Jugend tickt. Quelle: dpa

Sie wollen Flüchtlingen helfen, aber nicht unbegrenzt. Sie pfeifen auf autonomes Fahren und gehen auch gerne mal offline. Alle vier Jahre erforscht die Sinus-Akademie die Frage, wie Deutschlands Jugend tickt – und die ist nicht immer berechenbar. Im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung und anderer Verbände wurden 72 Jugendliche im Alter von 14- bis 17-Jährige in langen Interviews befragt. Die Themen reichten von Flucht und Asyl bis hin zu Mobilität. Vier Erkenntnisse über die Jugend von heute, die überraschen.

Was Deutschlands Jugend wichtig ist
Ihre Familie hat für die meisten Jugendlichen einen hohen Stellenwert. Quelle: dpa
Ein sicherer Job ist fast allen (95 Prozent) wichtig oder sehr wichtig. Karriere ist aber eher zweitrangig Quelle: dpa
Etwa jeder dritte Jugendliche ist in der Freizeit gesellig Quelle: dpa
72 Prozent gehen nach eigener Aussage vorsichtig mit ihren Daten um Quelle: dpa
Das Interesse der Jugend an Politik steigt. Quelle: dpa
62 Prozent der Jugendlichen sind stolz, Deutsche zu sein. Quelle: dpa
Freundschaft, Partnerschaft und Familie stehen ganz oben Quelle: dpa

1. Das Internet ist auch für die Jugend Neuland

Egal ob Whatsapp oder Facebook – immer mehr Eltern nutzen die beliebten Dienste selbst. Und so verwundert es nicht, dass sie nur noch selten in den Internetkonsum ihrer Kinder eingreifen.  In der Schule fällt die Frage, wie man beantwortungsbewusst surft, ebenfalls hintenüber, was die Jugendlichen schade finden. Dadurch werden sie aber nicht zu Medienjunkies, sondern eher zu vorsichtigen Internetnutzern, die die sozialen Folgen ihres Konsums und ihren digitalen Fußabdruck aufmerksam kontrollieren. Die Autoren sprechen von „Selbstregulationskompetenz“, also bewusstes offline gehen. Benimmregeln im Umgang mit dem Smartphone sind manchen Jugendlichen genauso wichtig, wie andere darauf achten nicht mit ihren Daten zu bezahlen.

2. Keine Lust auf autonomes Fahren

Ein erstes Opfer scheint die Übersättigung mit digitalen Technologien bereits gefunden zu haben: Das autonome Fahren. Viele Punkte würden gegen diese Technologie sprechen, meinen die Jugendlichen, darunter die Entmündigung des Menschen und Anfälligkeit auf Hacker-Angriffe. Zwar würde auch der Fahrspaß erheblich gemindert, doch dies ist nur für einen Teil der Jugendlichen relevant. Der Großteil plant einen Fahrzeugkauf erst in weiter Ferne, wenn überhaupt. Denn mit den öffentlichen Verkehrsmitteln stünde eine Plattform offen, die nicht nur gut funktioniert, sondern auch Raum bietet zum Freunde treffen.

3. Keine Zeit die Erde zu retten

Umweltverschmutzung wird laut Studie von allen Befragten als eine große Herausforderung angesehen. Nur sehen sich die meisten aus Zeitgründen nicht imstande, sich für den Umweltschutz zu engagieren. Stattdessen wird häufiger das Bedenken geäußert, dass es schon zu spät sei, die Erde vor der menschgemachten Zerstörung zu retten. 

In Bezug auf den eigenen Konsum sind viele Jugendliche gut informiert, aber nicht bereit ihr eigenes Verhalten zu ändern. Vor allem die Kauflustigen und Modebewussten unter den Befragten sind gut über die Produktionsbedingungen in der Textilindustrie informiert. Doch fühlen sie sich durch ein begrenztes Budget nicht in der Lage auf fair produzierte Produkte zurückzugreifen.

Weniger informiert sind die Jugendlichen über die Folgen des Klimawandels. Das Problem wird, außer von einigen bildungsnahen Befragten, als diffus, weit entfernt oder übertrieben angesehen. Ein Teil stimmt in ihren Vorstellungen mit einer gängigen Wirtschaftstheorie überein, dass die technologische Entwicklung Lösungen für den Klimawandel hervorbringen wird.

Klare Meinung zur Asylpolitik

4. Asyl ist eine Grundaufgabe des Staates, hat aber Grenzen

Für Deutschland ist es seit einem Jahr das beherrschende Thema: Die Asylpolitik. Kein Wunder also, dass auch die 14- bis 17-Jährigen darüber eine klare Meinung haben. Die häufigste: Der Staat muss Asyl für Kriegsflüchtlinge gewährleisten, vor allem wenn die Fluchtursache unverschuldet ist. Aber Deutschland habe auch Kapazitätsgrenzen, die nicht überschritten werden dürfen. In diesem Zusammenhang bewältigt Deutschland die Aufgabe gut – von EU-Mitgliedstaaten wünschen sich die Jugendlichen jedoch mehr Engagement. Das Spannungsfeld zwischen der Not der Flüchtlinge und der Angst vor Überfremdung und Überforderung stellt sich den Jugendlichen als moralisches Dilemma dar. In Einzelfällen äußert sich diese Angst als Fremdenfeindlichkeit und sogar Rassismus.

Ähnlich ist es bei allgemeineren Fragestellungen zu Herkunft und Nation. Für den Großteil der Befragten beschreibt Herkunft lediglich „woher man kommt“. Nichtsdestotrotz spielen Stereotype bei der Beschreibung von Nationalität noch eine Rolle. Vereinnahmte Klischees werden dabei laut den Autoren nicht immer als solche erkannt. Am stärksten ausgeprägt sind Vorbehalte, soweit vorhanden, gegenüber Menschen mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund, die von den Autoren vor allem auf Islamfeindlichkeit, als auf Rassismus zurückgeführt werden.

Die Auftraggeber wollen die Ergebnisse der Studie nun nutzen, um noch bessere Angebote für die Jugend zu entwerfen. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, sieht Handlungsbedarf bei Stereotypen und Ressentiments gegenüber Ausländern. „An diesen müssen wir uns nun offen abarbeiten. Dabei ist es klar, dass es keine einfachen Antworten gibt.“, sagte er bei der Vorstellung der Studie in Berlin. Michael Weber-Wenz, Geschäftsführer der Akademie des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen sieht die Jugendlichen als „kritische Seismographen“, die zukünftige Trends vorfühlen könnten. Er sieht großes Potential für vernetzte, multimodale Mobilität und hofft, dass die Verkehrsverbände öffentlichen Verkehrsmitteln zu Orten der Begegnung erweitern.

Die Studie kann hier kostenlos abgerufen werden.



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