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Social-Media-Jubiläum Angekommen im #Neuland

Facebook, Twitter und jetzt auch Instagram: Die Kanzlerin beschreitet immer neue Wege in der digitalen Welt. Zumindest auf den ersten Blick. Denn Experten zweifeln an der politischen Digitalkompetenz.

Merkels Instagram-Account: PR-Sprech ist die Regel. Quelle: dpa

BerlinWeißwurst oder Weißbier – das ist hier die Frage. Beides steht fesch drapiert auf blau-weiß bayerischem Karo. Dazu noch eine herzhafte Brez’n, fertig ist die kulinarische Bildkomposition. Das Foto dazu stammt nicht etwa aus einem Heimatjahrbuch Garmisch-Partenkirchens. Der findige soziale Netzwerker kann es auf der Instagram-Seite der Bundeskanzlerin liken und teilen.

Instagram? Das ist eine soziale digitale Plattform wie Twitter und Facebook, nur eben mit Fokus auf Bildern, Hashtags und allem Drum und Dran. Unter dem Profilnamen „@bundeskanzlerin“ macht „#Merkel“ seit dem 2. Juni online jetzt auch in Fotos.

Das Profil soll im #Neuland frische Einblicke in die althergebrachte Politik zeigen: Hintergrundbilder vom #G7-Gipfel, zu Tisch mit deutschen Soldaten in der Südtürkei oder beim Besuch in Santiago de Compostela mit ihrem spanischen Kollegen Mariano „#Rajoy“ (der übrigens auch ein eigenes Instagram-Profil betreibt).

Weniger Abonnenten als @barackobama

Die Absicht dahinter ist wie bei Facebook oder dem Twitter-Kurznachrichten-Gezwitscher klar: Die Wählerschar vergrößern. Vor allem junge Menschen nutzen Instagram. 71 Prozent der weltweit 300 Millionen Nutzer sind unter 34 Jahre alt. Einzelne Länderstatistiken weist Instagram nicht aus. Social-Media Experten schätzen jedoch knapp 4,2 Millionen Nutzer in Deutschland. Das entspricht der Reichweite von Twitter. Tendenz steigend.

Immerhin: Die #Kanzlerin hat in einem Monat knapp 45.000 Abonnenten gesammelt – also zehnmal so viel wie @marianorajoy, aber verschwindend wenig gegenüber Polit-Superstar @barackobama, der es auf über vier Millionen Likes bringt.

Das Instagram-Profil der Bundeskanzlerin passt hervorragend ins Konzept ihres Generalsekretärs @petertauber, der die CDU jünger, weiblicher und vielfältiger machen möchte. Peter Tauber beherrscht die sozialen Netzwerke deutlich besser als seine Chefin. Das hat einen Grund: Er kümmert sich persönlich um seine Profile.

Denn nicht überall, wo @bundeskanzlerin drauf steht, ist auch die echte Bundeskanzlerin drin. Das Instagram-Profil betreut ein Social-Media-Team gemeinsam mit den Fotografen im Bundespresseamt. Selbst greift Merkel für Instagram nicht zur Kamera. Auch redaktionelle Entscheidungen, welche Inhalte gepostet werden, treffe die Kanzlerin nicht, erklärte ein Regierungssprecher.


Die persönliche Note fehlt

Zwar gibt es auch auf Facebook ein Profil von Angela Merkel, aber auch dieses wird vom Social-Media-Team der Bundesregierung gestaltet. Auf Twitter ist die Kanzlerin gar nicht zu erreichen, sondern nur ihr Regierungssprecher Seibert (@RegSprecher)

Was für soziale Netzwerke der Schlüssel ist – die persönliche Note – fehlt. „Ibrahim Evsan, Social-Media-Experte und bis Januar 2015 Mitglied in der Medienkommission des Landes Nordrhein-Westfalen, sieht in Merkels Profil eine verpasste Chance. „Ihre Fotos wirken gestellt. Menschen wollen aber einen bildhaften Eindruck aus dem Leben haben“, sagt Evsan.

Selbiges gilt für die Bildtitel. Texte im PR-Sprech à la „Servicepersonal im Schlosse #Bellevue wartet vor dem #Staatsbankett auf die Gäste“ sind die Regel.

Den gleichen Fehler haben schon einige vor Merkel gemacht: @peersteinbrueck etwa. Der stilisiert sich auf Instagram immer noch als SPD-Kanzlerkandidaten. Sein letzter Post: Vor 21 Monaten, Steinbrück gemeinsam mit seiner Frau an der Wahlkampfurne. Ihm Sog der verlorenen Wahl ging auch Steinbrücks Instagram-Profil mit unter.

Bei seinem Parteikollege @martinschulz_eu bietet sich – im wahrsten Sinne des Wortes – ein sehr ähnliches Bild: Im bis dato letzten Foto ist Schulz an der Wahlurne zu sehen. Der Post liegt 13 Monate zurück. Und trotz verlorener Präsidentschaftswahl, ist Schulz zumindest laut Instagram-Profil noch immer Kandidat für die EU-Kommissionspräsidentschaft.

Thüringer Linke geht voran

Es sind Beispiele wie diese, weshalb Social-Media-Experten an der politischen Digitalkompetenz zweifeln. „Solche Profile dienen lediglich für die Zeit der Wahl zu Werbezwecken. Die Politiker sind leider nicht fähig, digital zu denken“, sagt Evsan.

Alle? Mitnichten. Wie es funktionieren kann, zeigen etwa @katharinakoenig von der Thüringer Linken oder – erneut – CDU-Generalsekretär @petertauber. Der hat mehr Abonnenten als Steinbrück und Schulz zusammen – 1480 versus 814 – und postet fleißig persönliche Fotos: vom Stadtfest im hessischen Gelnhausen oder von seinen Lauftrainings, die er mit eigenem Hashtag bewirbt: #laufpeter.

Nun kann man zu Recht einwenden: Die Kanzlerin hat wahrlich Wichtigeres zu tun, als die sozialen Medien zu bespaßen. Aber die Jugend von heute sind die Wähler von morgen – auch das gehört zum Job. Vielleicht findet die Kanzlerin ja doch einmal einen Moment der Ruhe. Dann könnte sie ihren Unions-Parteisekretär nach ein paar Tipps für die schöne neue Welt der sozialen Medien fragen – oder einfach einmal selbst zur Kamera greifen.

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