Social-Media-Pannen Piraten streiten über Twitteraktivitäten

In der Partei häuft sich der Unmut über Peinlichkeiten auf den eigenen Twitter- und Facebookseiten. Der Vorstand zieht erste Konsequenzen, nachdem inzwischen selbst die Schließung der Kanäle gefordert wird.

Die Werkzeuge der Piraten
PiratenpadEs ist der kollektive Notizblock der Piratenpartei: Im Piratenpad können gemeinsam Protokolle geschrieben oder Pressemitteilungen entworfen werden. Der Vorteil: In Echtzeit können mehrere Personen ein Dokument online bearbeiten, es wird farblich hervorgehoben, wer was geändert hat – das lässt sich damit unterscheiden. Technische Grundlage ist die inzwischen zu Google gehörende Software EtherPad, die auch Unternehmen nutzen können.
MumbleEines der wichtigsten internen Kommunikationswerkzeuge ist Mumble – eine Mischung aus Chat und Telefonkonferenz. Sogar viele Vorstandssitzungen werden hier abgehalten. Gegenüber klassischen Telefonkonferenzen gibt es mehrere Vorteile: Das Programm lässt sich leicht auf dem Computer installieren und über den Chat kann parallel kommuniziert werden – so können beispielsweise Links verschickt werden. Wenn jemand spricht wird das Mundsymbol neben dem Nutzernamen rot, dadurch kann man die Stimmen besser auseinanderhalten, als bei normalen Telefonkonferenzen. Ähnliche Funktionen bieten auch Skype oder TeamSpeak, dass vor allem von Online-Computerspielern zur Verständigung genutzt wird. Eine Institution bei den Piraten ist vor allem der „Dicke Engel“ (inzwischen umbenannt in ErzEngel). Jeden zweiten Donnerstag um 19:30 Uhr versammeln sich zahlreiche Piraten in diesem Mumble-Raum und diskutieren teils mit Gästen aktuelle Themen.
Liquid FeedbackEin zentrales Element ist das Computerprogramm Liquid Feedback (LQFB), eine Art Abstimmungstool, mit dem ermittelt werden soll, wie die Mehrheit der Partei zu bestimmten Positionen steht. Die Besonderheit: Das Programm gibt den Parteimitgliedern die Möglichkeit, ihre Stimme an eine andere Person zu delegieren, der sie mehr Kompetenz in bestimmten Fragen zutrauen. Allerdings ist Liquid Feedback so revolutionär wie umstritten. Während vor allem der Berliner Landesverband LQFB intensiv nutzte, waren andere Teile der Partei und auch der Bundesvorsitzende Sebastian Nerz lange skeptisch. Wie intensiv das Programm genutzt wird und welche Bedeutung den Entscheidungen zukommt ist daher noch in der Diskussion.
Wikis  Wikis sind der Klassiker, die meisten Webseiten nutzen eine Wiki-Software. Sie lassen sich leicht erstellen, erweitern und vor allem auch von vielen Beteiligten bearbeiten. Das Piratenwiki ist damit die zentrale Informations- und Koordinationsplattform.     Auch manche Unternehmen setzen inzwischen Wikis ein – vor allem für die interne Kommunikation. Das bekannteste Projekt ist Wikipedia.
Blogs   Auch Weblogs werden intensiv genutzt. Viele Piraten betreiben eigene Blogs, auf denen sie Debatten anstoßen oder bestimmte Dinge kommentieren. Auch die Piratenfraktion Berlin hat nach dem ersten Einzug in ein Landesparlament ein Blog gestartet, um über ihre Arbeit zu informieren.
Twitter   Der Kurznachrichtendienst ist der vielleicht beliebteste Kanal der öffentlichen Auseinandersetzung, kaum ein Tag vergeht an dem nicht irgendeine Äußerung oder ein echter oder vermeintlicher Fehltritt zum #Irgendwasgate und #epicfail ausgerufen werden. 
Diaspora   Auch andere soziale Netzwerke werden natürlich intensiv genutzt. Jedoch ist Facebook beispielsweise bei manchem Piraten schon wieder out. Julia Schramm beispielsweise, Herausforderin von Sebastian Nerz um den Parteivorsitz, hat sich wieder abgemeldet: „Es ist wie ein widerlicher Kaugummi.“ Stattdessen nutzt sie das alternative Netzwerk Diaspora.

Wer der Piratenpartei bei Twitter folgen möchte hat seit heute morgen eine Möglichkeit mehr. „Da es Unmut über den Account @Piratenpartei gab starten wir nun dieses Alternativangebot“, verkünden die Macher des selbst ernannten „offiziellen Alternativaccounts“ @PiratenparteiD. Etwas später stellen sie klar, dass der Kanal kein offizielles Sprachrohr der Partei sei – „wir zeigen hier nur wie wir uns das so vorstellen“.

Und auch an anderen Stellen machen Parteimitglieder ihrem Ärger über die Kommunikationsaktivitäten Luft. „Es kam immer wieder vor, dass Aussagen auf Facebook oder Twitter durch den Account verbreitet wurden, die nicht den Grundsätzen der Piratenpartei entsprechen“, heißt es in einer Initiative auf der parteiinternen Meinungsbildungsplattform Liquid Feedback. Der Bundesvorstand werde daher aufgefordert, geschultes Personal für die Social Media Aktivitäten einzusetzen.

Die Partei streitet über ihre Kernkompetenz

Ein anderer Antrag fordert gar, alle Social Media-Accounts zu schließen. Es gäbe genügend Parteimitglieder mit genug Reichweite im Netz, um offizielle Accounts der Piratenpartei Deutschland überflüssig zu machen. „Des weiteren begibt sich die Partei dadurch seltener in Situationen, sich für Einzelaktionen als Gesamtgruppe rechtfertigen zu müssen.“

Eigentlich galten die Aktivitäten bei Twitter & Co. immer als vorbildlich. Wie kommt es, dass die Partei nun sogar über eine ihrer verbliebenen Kernkompetenzen streitet?

Jüngster Auslöser war ein Artikel am Wochenende. Spiegel Online hatte berichtet, dass Parteichef Bernd Schlömer und sein Vize Sebastian Nerz stärker inhaltlich Position beziehen wollen – auch wenn das in der Basis auf Kritik stoße. Ein großer Aufreger ist das eigentlich nicht, statt dem alten Motto „Themen statt Köpfe“ hat Schlömer schon lange die Parole „Themen und Köpfe“ ausgegeben.

Doch da sich die Aussagen der dazu nicht im offiziellen Protokoll der Vorstandssitzung wiederfanden, wurde vom offiziellen Twitteraccount der Partei und auf Facebook als Reaktion ein Video der HipHop-Truppe „Die Bandbreite“ verbreitet, in der der „Spiegel“ als Lügenblatt bezeichnet wird.

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