Sozialdemokraten Ein SPD-Beben in der CDU-Zentrale

Quelle: dpa

Diese historische Regierungsbildung bekommt am Ende eine besonders dramatische Note. Statt Martin Schulz soll es künftig Andrea Nahles für die Sozialdemokraten richten. Er wirkt erschöpft - nach der Aufgabe seines SPD-Vorsitzes.

Da stehen sie am Ende eines für die SPD durchaus historischen Tages vor der roten SPD-Wand, im Schatten der Skulptur von Willy Brandt. SPD-Chef Martin Schulz versucht, mit Wortgirlanden diesen 7. Februar 2018 zu erklären - was da so passiert ist.

Unterm Strich: Einigung auf einen Koalitionsvertrag mit Kanzlerin Angela Merkel geschafft, den Vorsitz der Partei aber verloren. Neben ihm strahlt Andrea Nahles (47), die ab März zunächst kommissarisch die erste Vorsitzende in der fast 155-jährigen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie werden soll. Was sie besser könne als Schulz, wird die Chefin der Bundestagsfraktion gefragt. Antwort: „Stricken“. Schulz, 62, verkauft das als Generationenwechsel, aber den hätte man auch beim Parteitag im Dezember vollziehen können.

Es sieht wieder mal nach SPD-Sturzgeburt aus. Als Trostpflaster soll Schulz Außenminister werden dürfen - aber er verzichtet auf das Amt des Vizekanzlers. Weil der Außenminister ganz viel unterwegs sei, und sich zum Beispiel um die Beziehungen mit Lateinamerika kümmern müsse.

Acht Stunden zuvor: Das Konrad-Adenauer-Haus, die CDU-Zentrale. Hier haben die Sozialdemokraten mehr als 24 Stunden durchverhandelt, um den Vertrag mit der Union zu zimmern. Ein Foto danach spricht Bände: Nach der schlaflosen Nacht und der Einigung veröffentlicht die SPD-Spitze um 10.37 Uhr ein Selfie-Bild. Aufgenommen von Generalsekretär Lars Klingbeil. Neben ihm vorne Vize Olaf Scholz und Fraktionschefin Nahles. Im Hintergrund, fast versteckt: Schulz.

„Müde. Aber zufrieden. Der Vertrag steht“, schreiben sie dazu. Was da noch keiner draußen weiß: Das ist die neue Rangordnung der Partei. Kein Jahr, nachdem Schulz wie ein Messias mit 100 Prozent zum neuen SPD-Vorsitzenden gewählt worden war und der „Schulz-Zug“ ihn in das Kanzleramt bringen sollte, ist er in die zweite Reihe gerückt.

Es ist die Tragik dieses Tages, an dem die SPD der Union und Merkel fast sensationell viel abgetrotzt hat und sich mit der „Eroberung“ von Schlüsselministerien wie Außen, Finanzen und Arbeit/Soziales als Sieger fühlt, Schulz einer der Verlierer ist. Niedergeschlagen steht er nach dem Verhandlungsmarathon in der CDU-Zentrale neben Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer. Es ist ein Moment, der zeigt: Politik kann ein unerbittliches Geschäft sein, zwischen Höhenrausch und Absturz.

Schulz referiert ermattet über Verbesserungen für Rentner und Familien bis hin zu Europa - über das, was die SPD alles rausgeholt habe. Merkel schaut neben ihm leicht genervt auf die Uhr. Zwar soll Schulz, der frühere Präsident des Europaparlaments, Sigmar Gabriel als Außenminister beerben. Gabriel wird damit zum großen Verlierer im GroKo-Poker der SPD - trotz seiner allgemeinen Beliebtheit.

Aber führende Genossen hatten Schulz klar gemacht, mit ihm gehe es wegen der Volten und des Absturzes nicht weiter. Die resolute Nahles (Schulz: „Sie kann Hammer und Amboss zugleich sein“) soll die Partei aus der Krise führen. Als Vizekanzler ist Hamburgs Regierungschef Olaf Scholz (59) eingeplant, der neuer Finanzminister werden soll.

Das steht alles noch unter Vorbehalt. Denn nun hat die Basis das Wort: Rund 463 000 Mitglieder werden in den nächsten Wochen bis Anfang März über den 177 Seiten langen Koalitionsvertrag abstimmen. Dass nun Nahles als erste Frau in der Geschichte der SPD den Parteivorsitz übernehmen soll, dürfte auch damit zu tun haben.

Nahles hatte mit klarer Kante und schlüssigen Argumenten für den Gang in die ungeliebte GroKo beim Parteitag in Bonn an der Basis viel Zustimmung gewonnen. „Die zeigen uns nen Vogel“, hatte sie mit Blick auf viel rote Handschrift in den Vereinbarungen mit der Union gerufen. Man könne doch die Bürger nicht vor den Kopf stoßen, wenn man für Rentner, Pfleger, Familien und Azubis viel rausholen könne.

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