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Soziologie Renaissance der Bürgertugenden

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Heinz Bude Quelle: Foto: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Ein Bürger ist tugendhaft...

…und redet nicht ständig von Werten. Tugenden bewähren sich im Handeln und begründen eine Alltagsmoral. Tugendhaft sein – das heißt nicht, einen Wertehimmel aufzuspannen, sondern sich einer Ethik des Handelns zu verschreiben.

Ein Leben in tätiger Bewährung.

Genau. Soziale Rechte implizieren soziale Pflichten – darauf hat Ralf Dahrendorf, der große Liberale, immer hingewiesen. Bürgerrechte waren für Dahrendorf nicht nur Appellationsrechte im Blick auf den Staat, sondern beinhalteten immer auch Verkörperungspflichten im Verein der Bürgergesellschaft.

Und dieser Tugendbegriff ist uns irgendwann in der wohlstandsverwöhnten Bundesrepublik abhandengekommen? Wie kam es dazu?

Der Erfolg der Bundesrepublik bestand darin, dass sie aus Arbeitern ohne Eigentum Staatsbürger mit Eigentum gemacht hat. Es bedeutete keinen Unterschied mehr, Bürger zu sein. Dadurch verlor sich der exemplarische Anspruch, der im Bürgerbegriff steckte. Die Generalisierung der Staatsbürgerrolle hing innerlich mit dem Aufbau des Sozialstaats zusammen. Daran hatten die Volksparteien, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften jeweils ihren Anteil, sodass die Bundesrepublik aufs Ganze gesehen zu einer bürgerlichen Gesellschaft wurde.

Machen Sie es an einem Beispiel deutlich.

Nehmen Sie Herbert Wehner, dieses Urgestein der SPD. Wehner hat für seine Partei einen bürgerlichen Teilhabestatus reklamiert – und er war stolz darauf, sagen zu können: Wir Sozialdemokraten sind nicht mehr negativ integriert, wie im Kaiserreich, sondern ein positiver Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft: Die Arbeiterpartei als Staatsbürgerpartei.

Sie meinen, das „Bürgerliche“ hat sich sozusagen zu Tode gesiegt?

Sozusagen. Die Generalisierung hat paradoxerweise wieder Raum geschaffen für einen engeren Bürgerbegriff. Nicht der politische Bürgerstatus ist das Thema der neueren Debatte über Bürgerlichkeit, sondern die bürgerliche Lebensform. Es geht dann nicht um das Recht auf Teilhabe, sondern um den Stil der Unterscheidung.

Die „Neue Bürgerlichkeit“ ist also aus dem Wunsch zur Abgrenzung geboren? Sie richtet sich gegen die alte Arbeitnehmergesellschaft?

Sie geht zumindest mit einem scharfen Distinktionswillen einher. Plötzlich gibt es eine Unterschicht und ein Unterschichtfernsehen, prollige Vornamen, prollige Tätowierungen und prollige T-Shirts, was alles nichts mehr mit der Idee des Proletarischen zu tun hat, die bei Brecht wie bei Gottfried Benn noch voller Geschichtsphilosophie war.

Aber warum? Als Gerhard Schröder seine Reformen durchsetzte, hörte sich die Umkehr zur Bürgerlichkeit noch tugendhaft an: Man sprach viel von Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft. Warum ist der Ton in den vergangenen Jahren so rau geworden?

Weil das Abgrenzungsmotiv in der „neuen Mitte“ sich dramatisiert und den Aufbruchswillen verdrängt hat. Man wollte einen Sozialstaat auf Augenhöhe schaffen, der fördert, aber auch fordert, und sieht sich jetzt mit einer Schicht konfrontiert, die sich vom Lebenszuschnitt der Mehrheitsklasse verabschiedet zu haben scheint. Da fragt sich die bürgerliche Mitte: Wer sind die 1,5 Millionen Menschen, von denen die Arbeitsagenturen sagen, man könne nichts mit ihnen anfangen? Wieso soll ich denen mein Geld geben? Und: Was habe ich eigentlich mit denen zu schaffen?

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