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Soziologie Renaissance der Bürgertugenden

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Sind diese Fragen ungehobelt oder berechtigt?

Berechtigt natürlich. Aber es macht einen Unterschied ums Ganze, ob man etwas über das Leben dieser Gruppe wissen oder gerade nichts von ihr wissen will, weil man alles schon zu wissen meint. Im ersten Fall bin ich offen, im zweiten mache ich zu. Beides wäre ein bürgerliches Verhalten: Das Interesse am Allgemeinen oder der Rückzug aufs eigene Milieu. Es ist nicht zu leugnen, dass heute die Tendenz zur Abschottung, die Tendenz zur Einbeziehung überwiegt. Das Bürgerliche hat den Ton des Bangen, des Wütenden und des Verhärteten angenommen. Dahinter steckt nicht nur das Gefühl, etwas verlieren zu können, sondern auch der Schreck über die Einsicht in die wachsende Heterogenität unserer Gesellschaft.

Was meinen Sie denn damit?

Der klassische Bürger entstammt einem ethnisch homogenen Milieu. In ihm bildet er seine Identität aus, von ihm wird er honoriert. Plötzlich aber merkt er: Es gibt dieses homogene Milieu nicht mehr, sondern allerorten Konkurrenz von Leuten ohne biodeutschen Hintergrund.

Wieso sollten Ausländer der „biodeutschen“ Mitte Angst bereiten?

Weil diese Mitte nicht mehr weiß, was es braucht, um ihre Kinder konkurrenzfähig zu halten. Früher galt: Man lernte was und wurde was in Deutschland. Jetzt gibt es plötzlich viele, die vielleicht etwas mehr Drive haben und auf den Fachkräftemarkt drängen. Natürlich würde niemand etwas offen gegen diese Migrationsgewinner einwenden. Also verlegt man sich auf die Migrationsverlierer...

...und das Bürgertum wird plötzlich unbürgerlich, stinkig, roh...

und neigt zur Enttabuisierung von Dingen, die bisher in der Latenz gehalten wurden. Man kann das als Ankunft in der Wirklichkeit begrüßen, man muss den Mangel an Takt und den Wegfall von Ausdrucksdisziplin zur Kenntnis nehmen. Da spielen die Bürgerinnen mit der Angst um ihre Kinder eine nicht zu unterschätzende Rolle. Viele sagen sich: Ich weiß doch, dass in zehn Jahren in den Großstädten mehr als 50 Prozent der Schulkinder einen Migrationshintergrund haben. Was bedeutet das für meine Kinder oder für meine Enkel? – Wo bleibe ich da mit meinen Kindern? Und natürlich weiß ich, dass es Deutschenfeindlichkeit an Schulen gibt. » » Warum tut die Politik nichts dagegen? Warum redet sie nicht mal darüber?

Der Ärger staut sich an – und schießt plötzlich übers Ziel hinaus?

Die Situation ist schwierig. Die Politik darf die Erfahrungen der Menschen nicht dementieren. Aber die Konsequenzen, die die Leute aus ihren Erfahrungen ziehen, sind leider hilflos.

Hilflos – oder gefährlich?

Hilflos. Weil ihnen jeder Begriff von gesellschaftlicher Zukunft fehlt. Dazu muss man sich klarmachen, dass die gesellschaftliche Mitte sich in einem ideologischen Vakuum befindet. Jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, weiß heute, dass man sich weder auf den Staat noch auf den Markt verlassen kann...

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