WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Soziologie Renaissance der Bürgertugenden

Seite 4/6

Und weil man nichts mehr hat, woran man sich halten kann, greift man zum Lebensideal der Bürgerlichkeit. Man wird zum Selbsthelfer...

genau, und zwar zum aggressiven Selbsthelfer, der sich nur noch auf sich selbst verlässt – und sich zugleich von denen abgrenzt, die es nicht schaffen.

Sie sprechen von Thilo Sarrazin und seiner Fangemeinde...

...aber auch vom Erfolg der Grünen, die die ideologische Unsicherheit der Deutschen, ihr Unvertrauen in Staat und Markt, perfekt verkörpern. Die klassische grünbürgerliche Klientel will weder mehr Staat noch mehr Markt. Sie ist relativ reich, relativ gebildet, bekleidet relativ gute berufliche Positionen. Aber sie ist zugleich geprägt von einem tiefen Gefühl der Verwundbarkeit. Schauen Sie nur nach Hamburg. Die Entscheidung der Hamburger Bürger gegen die Einführung der sechsjährigen Primarschule ist vor allem bei den Wählern der Grünen gefallen, die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder hatten.

Das heißt, man muss den Erfolg Sarrazins und der Grünen zusammen denken?

Irgendwie schon. Nur unter umgekehrten Vorzeichen. Sarrazin öffnet die Erfahrung der Menschen und leiht ihr seine Stimme – und er ist zugleich ein Propagandist der sozialen Schließung. Bei den Grünen ist es genau umgekehrt. Sie propagieren die soziale Öffnung – und verschließen sich im Zweifel der Erfahrung.

Wie kann die politische Klasse die Gewissensnöte der Bürger denn adressieren – und zugleich verhindern, dass sie sich mit fragwürdigen Argumenten bewaffnen und entsolidarisieren?

Ich glaube, das zentrale Manko beider Volksparteien ist, dass sie im Moment zu keiner verlässlichen Deutung der Lage fähig sind. Die Leute wollen ihre Situation interpretiert wissen, das ist alles, sie wollen Deutungsangebote für eine widersprüchliche Realität. Beide Volksparteien sind dazu offenbar nicht in der Lage.

Sie meinen, die Volksparteien wären vor allem als Soziologen gefragt, die dem Volk Auskunft geben über seine Orientierungsschwäche?

Ja. Aber natürlich nicht in dem Sinn, dass sie die Hilflosigkeit der Bürger verstärken, indem sie entweder das Nichtstun oder die Alternativlosigkeit bevorzugen. Politik muss die Kraft zur Darstellung der Lage haben, ohne den Mut zum Blick in die Zukunft zu verlieren. Das kann sie nur, wenn sie über einen belastbaren Begriff des Allgemeinen verfügt. Der Staat muss sich als eine Adresse fürs Kümmern verstehen – und zwar nicht nur für die, die keine Chance haben, sondern auch für die, die viele Chancen haben. Nur dadurch kann er verhindern, dass die verunsicherten Staatsbürger zu aggressiven Selbsthelfern werden.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%