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Soziologie Renaissance der Bürgertugenden

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Dass der Staat sich kümmern soll, wird von vielen, die sich „liberal“ wähnen, zunehmend in Zweifel gezogen. Stattdessen werden die Armen und Arbeitslosen zu Parasiten der Rechtschaffenden herabgewürdigt. Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk...

...spricht von einer „Tendenz zur Ausbeutungsumkehrung“, ich weiß. Er meint damit, dass die Reichen heute nicht mehr unmittelbar die Armen ausbeuten, wie früher, sondern dass die Unproduktiven heute mittelbar auf Kosten der Produktiven leben.

Und an dieser Stelle wird das Bürgerliche doch ziemlich hässlich, finden Sie nicht? Werden hier nicht, wie im Falle von Sarrazin, berechtigte Anliegen der Bürger aufgegriffen, um Ressentiments zu schüren?

Ich meine schon. Aber ich glaube, dass sich der Akzeptanzraum für diese Art von Agitationsargumenten schon wieder geschlossen hat. Es war ja richtig von Sloterdijk, den Wunsch nach Größe in der Tendenz zur Selbstständigkeit ernst zu nehmen. Nur hat er dabei das Bedürfnis der Menschen nach Sorge vergessen.

Sloterdijk will diese Sorge zurück ins Private verlegen. Er plädiert für die Abschaffung von Steuern und vertraut auf die Gabe-Bereitschaft der Wohlhabenden.

Das ist ein frivoler Gedanke für eine komplexe Gesellschaft. Der englische Premier David Cameron hat eine bessere Formel gefunden für das, worauf es ankommt: Wir loben die, die für sich selbst sorgen können – und wir vergessen die nicht, die es nicht können.

Die FDP nennt es „mitfühlenden Liberalismus“.

Wohl wahr. Auch der Liberalismus muss denken können, dass der Bürger nicht nur ein mechanischer Steuerzahler sein will. Er will sich auch aufgehoben fühlen – und Größe zeigen können. Das steckt dahinter, wenn Wohlhabende sich heute zum Steuerzahlen bekennen. Die Vereinigten Staaten haben am Beispiel von Bill Gates vorgeführt, dass sogar nervige Nerds zu guten Bürgern reifen können.

Zum Selbstverständnis des reifen Bürgers gehört, dass er sich in seiner Größe unterscheidet. Das aber hieße, dass dem Bürgerlichen die Gefahr des Ressentiments immer innewohnt. Warum wird aus Bill Gates ein reifer Bürger – und aus Thilo Sarrazin ein Poltergeist?

Die entscheidende Frage ist, ob sein Distinktionsbedürfnis dem Bürger die nötige Ruhe, Sicherheit und Sorgebereitschaft verschafft, um als Norm vorbildhaft zu erscheinen – oder ob er sein Distinktionsbedürfnis gegen andere wendet und sich nur selbst feiert. Beides ist im Spielraum der Bürgerlichkeit möglich.

Der Philosoph Georg Lukács hat bürgerliche Lebensführung definiert als „Herrschaft der Ordnung gegenüber der Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die Genialität“. Der Bürger nimmt sich in Zucht.

Wunderbar. Ein wirklicher Bürger hält sich zurück. Er pflegt nicht nur seinen kulturellen Narzissmus, sondern auch seine Dienstbereitschaft. Wolfgang Schäuble ist dafür ein herausragendes Beispiel. Er führt, im Rollstuhl sitzend, ein schwieriges Leben – und ist bereit, seinen Dienst fürs Ganze zu tun.

Sind die Milieus, die Menschen wie Wolfgang Schäuble prägen, noch intakt?

Vielleicht mehr denn je. Ein Indiz dafür ist das frisch erwachte Interesse an der Religion in bürgerlichen Kreisen. Offenbar sucht man heute wieder Orientierungen, die einem selbst etwas abverlangen. Man ist wieder interessiert an Konzepten der Selbstbindung. Will sich wieder in größere Zusammenhänge eingebettet sehen und Solidarität als etwas empfinden, das man sich selbst schuldig ist.

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