WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Soziologie Renaissance der Bürgertugenden

Seite 6/6

Na ja, die Kirchen sind vor allem an Weihnachten voll. Man benimmt sich auch gerne wieder und deckt den Tisch ein mit dem Silberbesteck der Großmutter.

Natürlich gibt es diese Tischdecken- und Messerbänkchen-Bürgerlichkeit. Aber die wirkt ganz schnell kleinbürgerlich. Und ich finde auch diesen blöden genealogischen Stolz so mancher jungen Mütter und Väter in Berlin...

...diesen ostentativen Elternstolz...

...einigermaßen peinlich. Anders Ursula von der Leyen, unsere Sozialministerin. Die hat sieben Kinder und redet nicht ständig drüber. Von der hören Sie kein Wort über Work-Life-Balance. Sie praktiziert Familie und demonstriert sie nicht. Das ist, ehrlich gesagt, bürgerlich.

Politiker können ein Beispiel von Bürgerlichkeit geben – okay. Was aber kann die Politik tun, damit Bürgerlichkeit nicht entgleist, sondern sich in Größe und Dienstbereitschaft ausdrückt?

Es wäre zum Beispiel die große Aufgabe der SPD, Lebenswege wie die eines Franz Müntefering stark zu machen. Müntefering kommt ja, wie Gerhard Schröder, aus kleinen Verhältnissen. Im Unterschied zu diesem verkörpert er aber nicht ein auftrumpfendes „Ich hab’s geschafft”, sondern eine stille bürgerliche Verbindung von Leistung mit Demut. Er ist immer noch die perfekte sozialdemokratische Verkörperung einer belastungsfähigen Alltagsmoral. Das Problem ist, dass sich das politische Personal in den Volksparteien nicht mehr die Ruhe gönnt, älter zu werden, andere Seiten zu zeigen und bürgerlicher zu werden.

Was genau meinen Sie damit?

Wenn Bürgerlichkeit nicht nur ein ästhetischer Diskurs sein soll und mehr als Ausdruck eines verwilderten Distinktionsbewusstseins, dann braucht es die Volksparteien als Temperierungs- und Sozialisierungsinstanz, die Erfahrungen schätzen, Bilanzen ziehen und Personen formen – ohne bloß menschlich zu werden.

Sie selbst haben ein Buch über die „Ausgeschlossenen“ geschrieben, die sich im Graubereich zwischen Arbeitslosigkeit, subventioniertem Job und Schwarzarbeit aufhalten – jenseits der bürgerlichen Gesellschaft. Sind die nicht längst vergessen? Haben die sich nicht aufgegeben?

Ich glaube, dass wir eine Kultur gerechter Anstrengung brauchen. Natürlich ist Teilhabe an materielle Voraussetzungen gebunden. Aber die ist ja selbst unter Hartz-IV-Bedingungen relativ gut gegeben. Das Problem ist also nicht, dass es zu wenig Geld für Arbeitslose und Antriebsschwache gibt, sondern zu wenig Bewährungsräume. Es gibt Hauptschüler, die nur deshalb Bildungsverweigerer sind, weil sie die pädagogische Lüge durchschauen, dass auch ihnen die Welt angeblich offensteht. Diese Hauptschüler sind oft total fit. Die wissen genau, dass sie mit ihrem Abschluss praktisch nichts in der Hand haben. Aber auch diese Hauptschüler wollen ein Leben von Bedeutung führen.

Wir hatten zuletzt den Eindruck, dass die Bürgerlichen daran kein Interesse mehr haben könnten.

Der grobe Ton ist in der Welt – und den kriegt man nicht so schnell wieder weg. Ich bin dennoch guter Dinge. Und wissen Sie, warum? Weil ich weiß, dass sich die Leute in ihrer Vergrobung und Verrohung unglücklich fühlen. Sie wollen ihr eigenes Leben führen, aber im Zweifelsfall nicht allein gelassen werden.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%