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Soziologie Renaissance der Bürgertugenden

Der Soziologe Heinz Bude über die bürgerliche Sehnsucht nach Größe, das Vorbild der Musterbürger zu Guttenberg, van der Leyen und Müntefering sowie die Verunsicherung der Mitte.

Heinz Bude Quelle: Foto: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Karl-Theodor zu Guttenberg ist der „Mann des Jahres“, verehrt als Tugendrepräsentant und bürgerlicher Held. Ist das nicht eine ungeheure Ironie der Geschichte? Einst vertrieben die Bürger die Fürsten von ihren Schlössern – heute steht ihnen ausgerechnet ein Freiherr Modell.

Bude: In gewisser Weise haben Sie recht. Aber vergessen Sie nicht, dass der Bürger immer auch ein Adliger im Kleinformat ist. Alle bürgerlichen Begriffe von Würde und Ehre sind letztlich adeliger Herkunft. Im Wunsch, ein Bürger zu sein, steckt die Vorstellung, dass es etwas gibt, was über die pure Selbstbewahrung und das bloße Durchkommen hinausreicht.

Hat ein Bürger also auch etwas Paternalistisches an sich?

Warum nicht? Ich glaube, ein bisschen „liberaler Paternalismus“ würde uns heute guttun. Das wäre ein Paternalismus, der uns Bürgern sagt: Ihr führt euer Leben nach eigenen Vorstellungen, das ist wunderbar, wir schätzen das sehr – aber trotzdem lassen wir euch nicht allein, wenn einmal etwas schiefgeht.

Tony Blair und Gerhard Schröder haben das einmal den „Dritten Weg“ genannt.

Es geht immer wieder darum, aus der Falle zwischen Sozialismus und Liberalismus herauszukommen. Der „liberale Paternalismus“ vermeidet einerseits den schnellen Ruf nach dem Staat, der alles richten soll – und andererseits die Herzlosigkeiten des Neoliberalismus, der den Schwachen schulterzuckend bedeutet, dass sie nicht stark genug sind. Ich glaube, die Zeit ist heute reif dafür.

Und Guttenberg wird in dieser Zeit deshalb zu einer Identifikationsfigur, weil er es eigentlich gar nicht nötig hätte, sich ums Ganze zu kümmern?

So ist es. Guttenberg führt erstens die Bedeutung des Familienmotivs vor Augen, er ist zweitens bereit, ständischen Zeichen Ausdruck zu verleihen – etwa in der Art, wie er sich anzieht –, und er setzt sich drittens fürs Allgemeine ein. Mit dieser Dreiheit ist er die Idealbesetzung für eine gesellschaftliche Mitte, die etwas darstellen will. Der Bürger will auf keinen Fall als Kleinbürger erscheinen.

Kleinbürger – das wären dann die Steuerflüchtlinge, die Faulpelze, die Gier- und Geizhälse, die „Masters of the Universe“, die sich selbst für die Größten hielten?

Vom französischen Soziologen Luc Boltanski stammt der Gedanke: Wenn Sie eine Gesellschaft verstehen wollen, müssen Sie danach fragen, was für die Leute Größe ist. Im Neoliberalismus war Größe die Siegessicherheit des Erfolgs – und dieser Erfolg war wichtiger als die Leistung. Heute geht es in der Mitte darum, eine neue Idee von Größe zu entwickeln. Sie hat viel mit Reputation zu tun, mit Anerkennung – und mit der Idee eines exemplarischen Lebens. Für den amerikanischen Schriftsteller Philip Roth besteht das bürgerliche Streben darin, ein Leben von Bedeutung führen zu wollen.

Heinz Bude Quelle: Foto: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Ein Bürger ist tugendhaft...

…und redet nicht ständig von Werten. Tugenden bewähren sich im Handeln und begründen eine Alltagsmoral. Tugendhaft sein – das heißt nicht, einen Wertehimmel aufzuspannen, sondern sich einer Ethik des Handelns zu verschreiben.

Ein Leben in tätiger Bewährung.

Genau. Soziale Rechte implizieren soziale Pflichten – darauf hat Ralf Dahrendorf, der große Liberale, immer hingewiesen. Bürgerrechte waren für Dahrendorf nicht nur Appellationsrechte im Blick auf den Staat, sondern beinhalteten immer auch Verkörperungspflichten im Verein der Bürgergesellschaft.

Und dieser Tugendbegriff ist uns irgendwann in der wohlstandsverwöhnten Bundesrepublik abhandengekommen? Wie kam es dazu?

Der Erfolg der Bundesrepublik bestand darin, dass sie aus Arbeitern ohne Eigentum Staatsbürger mit Eigentum gemacht hat. Es bedeutete keinen Unterschied mehr, Bürger zu sein. Dadurch verlor sich der exemplarische Anspruch, der im Bürgerbegriff steckte. Die Generalisierung der Staatsbürgerrolle hing innerlich mit dem Aufbau des Sozialstaats zusammen. Daran hatten die Volksparteien, Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften jeweils ihren Anteil, sodass die Bundesrepublik aufs Ganze gesehen zu einer bürgerlichen Gesellschaft wurde.

Machen Sie es an einem Beispiel deutlich.

Nehmen Sie Herbert Wehner, dieses Urgestein der SPD. Wehner hat für seine Partei einen bürgerlichen Teilhabestatus reklamiert – und er war stolz darauf, sagen zu können: Wir Sozialdemokraten sind nicht mehr negativ integriert, wie im Kaiserreich, sondern ein positiver Teil der bundesrepublikanischen Gesellschaft: Die Arbeiterpartei als Staatsbürgerpartei.

Sie meinen, das „Bürgerliche“ hat sich sozusagen zu Tode gesiegt?

Sozusagen. Die Generalisierung hat paradoxerweise wieder Raum geschaffen für einen engeren Bürgerbegriff. Nicht der politische Bürgerstatus ist das Thema der neueren Debatte über Bürgerlichkeit, sondern die bürgerliche Lebensform. Es geht dann nicht um das Recht auf Teilhabe, sondern um den Stil der Unterscheidung.

Die „Neue Bürgerlichkeit“ ist also aus dem Wunsch zur Abgrenzung geboren? Sie richtet sich gegen die alte Arbeitnehmergesellschaft?

Sie geht zumindest mit einem scharfen Distinktionswillen einher. Plötzlich gibt es eine Unterschicht und ein Unterschichtfernsehen, prollige Vornamen, prollige Tätowierungen und prollige T-Shirts, was alles nichts mehr mit der Idee des Proletarischen zu tun hat, die bei Brecht wie bei Gottfried Benn noch voller Geschichtsphilosophie war.

Aber warum? Als Gerhard Schröder seine Reformen durchsetzte, hörte sich die Umkehr zur Bürgerlichkeit noch tugendhaft an: Man sprach viel von Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft. Warum ist der Ton in den vergangenen Jahren so rau geworden?

Weil das Abgrenzungsmotiv in der „neuen Mitte“ sich dramatisiert und den Aufbruchswillen verdrängt hat. Man wollte einen Sozialstaat auf Augenhöhe schaffen, der fördert, aber auch fordert, und sieht sich jetzt mit einer Schicht konfrontiert, die sich vom Lebenszuschnitt der Mehrheitsklasse verabschiedet zu haben scheint. Da fragt sich die bürgerliche Mitte: Wer sind die 1,5 Millionen Menschen, von denen die Arbeitsagenturen sagen, man könne nichts mit ihnen anfangen? Wieso soll ich denen mein Geld geben? Und: Was habe ich eigentlich mit denen zu schaffen?

Sind diese Fragen ungehobelt oder berechtigt?

Berechtigt natürlich. Aber es macht einen Unterschied ums Ganze, ob man etwas über das Leben dieser Gruppe wissen oder gerade nichts von ihr wissen will, weil man alles schon zu wissen meint. Im ersten Fall bin ich offen, im zweiten mache ich zu. Beides wäre ein bürgerliches Verhalten: Das Interesse am Allgemeinen oder der Rückzug aufs eigene Milieu. Es ist nicht zu leugnen, dass heute die Tendenz zur Abschottung, die Tendenz zur Einbeziehung überwiegt. Das Bürgerliche hat den Ton des Bangen, des Wütenden und des Verhärteten angenommen. Dahinter steckt nicht nur das Gefühl, etwas verlieren zu können, sondern auch der Schreck über die Einsicht in die wachsende Heterogenität unserer Gesellschaft.

Was meinen Sie denn damit?

Der klassische Bürger entstammt einem ethnisch homogenen Milieu. In ihm bildet er seine Identität aus, von ihm wird er honoriert. Plötzlich aber merkt er: Es gibt dieses homogene Milieu nicht mehr, sondern allerorten Konkurrenz von Leuten ohne biodeutschen Hintergrund.

Wieso sollten Ausländer der „biodeutschen“ Mitte Angst bereiten?

Weil diese Mitte nicht mehr weiß, was es braucht, um ihre Kinder konkurrenzfähig zu halten. Früher galt: Man lernte was und wurde was in Deutschland. Jetzt gibt es plötzlich viele, die vielleicht etwas mehr Drive haben und auf den Fachkräftemarkt drängen. Natürlich würde niemand etwas offen gegen diese Migrationsgewinner einwenden. Also verlegt man sich auf die Migrationsverlierer...

...und das Bürgertum wird plötzlich unbürgerlich, stinkig, roh...

und neigt zur Enttabuisierung von Dingen, die bisher in der Latenz gehalten wurden. Man kann das als Ankunft in der Wirklichkeit begrüßen, man muss den Mangel an Takt und den Wegfall von Ausdrucksdisziplin zur Kenntnis nehmen. Da spielen die Bürgerinnen mit der Angst um ihre Kinder eine nicht zu unterschätzende Rolle. Viele sagen sich: Ich weiß doch, dass in zehn Jahren in den Großstädten mehr als 50 Prozent der Schulkinder einen Migrationshintergrund haben. Was bedeutet das für meine Kinder oder für meine Enkel? – Wo bleibe ich da mit meinen Kindern? Und natürlich weiß ich, dass es Deutschenfeindlichkeit an Schulen gibt. » » Warum tut die Politik nichts dagegen? Warum redet sie nicht mal darüber?

Der Ärger staut sich an – und schießt plötzlich übers Ziel hinaus?

Die Situation ist schwierig. Die Politik darf die Erfahrungen der Menschen nicht dementieren. Aber die Konsequenzen, die die Leute aus ihren Erfahrungen ziehen, sind leider hilflos.

Hilflos – oder gefährlich?

Hilflos. Weil ihnen jeder Begriff von gesellschaftlicher Zukunft fehlt. Dazu muss man sich klarmachen, dass die gesellschaftliche Mitte sich in einem ideologischen Vakuum befindet. Jeder, der einigermaßen bei Verstand ist, weiß heute, dass man sich weder auf den Staat noch auf den Markt verlassen kann...

Und weil man nichts mehr hat, woran man sich halten kann, greift man zum Lebensideal der Bürgerlichkeit. Man wird zum Selbsthelfer...

genau, und zwar zum aggressiven Selbsthelfer, der sich nur noch auf sich selbst verlässt – und sich zugleich von denen abgrenzt, die es nicht schaffen.

Sie sprechen von Thilo Sarrazin und seiner Fangemeinde...

...aber auch vom Erfolg der Grünen, die die ideologische Unsicherheit der Deutschen, ihr Unvertrauen in Staat und Markt, perfekt verkörpern. Die klassische grünbürgerliche Klientel will weder mehr Staat noch mehr Markt. Sie ist relativ reich, relativ gebildet, bekleidet relativ gute berufliche Positionen. Aber sie ist zugleich geprägt von einem tiefen Gefühl der Verwundbarkeit. Schauen Sie nur nach Hamburg. Die Entscheidung der Hamburger Bürger gegen die Einführung der sechsjährigen Primarschule ist vor allem bei den Wählern der Grünen gefallen, die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder hatten.

Das heißt, man muss den Erfolg Sarrazins und der Grünen zusammen denken?

Irgendwie schon. Nur unter umgekehrten Vorzeichen. Sarrazin öffnet die Erfahrung der Menschen und leiht ihr seine Stimme – und er ist zugleich ein Propagandist der sozialen Schließung. Bei den Grünen ist es genau umgekehrt. Sie propagieren die soziale Öffnung – und verschließen sich im Zweifel der Erfahrung.

Wie kann die politische Klasse die Gewissensnöte der Bürger denn adressieren – und zugleich verhindern, dass sie sich mit fragwürdigen Argumenten bewaffnen und entsolidarisieren?

Ich glaube, das zentrale Manko beider Volksparteien ist, dass sie im Moment zu keiner verlässlichen Deutung der Lage fähig sind. Die Leute wollen ihre Situation interpretiert wissen, das ist alles, sie wollen Deutungsangebote für eine widersprüchliche Realität. Beide Volksparteien sind dazu offenbar nicht in der Lage.

Sie meinen, die Volksparteien wären vor allem als Soziologen gefragt, die dem Volk Auskunft geben über seine Orientierungsschwäche?

Ja. Aber natürlich nicht in dem Sinn, dass sie die Hilflosigkeit der Bürger verstärken, indem sie entweder das Nichtstun oder die Alternativlosigkeit bevorzugen. Politik muss die Kraft zur Darstellung der Lage haben, ohne den Mut zum Blick in die Zukunft zu verlieren. Das kann sie nur, wenn sie über einen belastbaren Begriff des Allgemeinen verfügt. Der Staat muss sich als eine Adresse fürs Kümmern verstehen – und zwar nicht nur für die, die keine Chance haben, sondern auch für die, die viele Chancen haben. Nur dadurch kann er verhindern, dass die verunsicherten Staatsbürger zu aggressiven Selbsthelfern werden.

Dass der Staat sich kümmern soll, wird von vielen, die sich „liberal“ wähnen, zunehmend in Zweifel gezogen. Stattdessen werden die Armen und Arbeitslosen zu Parasiten der Rechtschaffenden herabgewürdigt. Der Karlsruher Philosoph Peter Sloterdijk...

...spricht von einer „Tendenz zur Ausbeutungsumkehrung“, ich weiß. Er meint damit, dass die Reichen heute nicht mehr unmittelbar die Armen ausbeuten, wie früher, sondern dass die Unproduktiven heute mittelbar auf Kosten der Produktiven leben.

Und an dieser Stelle wird das Bürgerliche doch ziemlich hässlich, finden Sie nicht? Werden hier nicht, wie im Falle von Sarrazin, berechtigte Anliegen der Bürger aufgegriffen, um Ressentiments zu schüren?

Ich meine schon. Aber ich glaube, dass sich der Akzeptanzraum für diese Art von Agitationsargumenten schon wieder geschlossen hat. Es war ja richtig von Sloterdijk, den Wunsch nach Größe in der Tendenz zur Selbstständigkeit ernst zu nehmen. Nur hat er dabei das Bedürfnis der Menschen nach Sorge vergessen.

Sloterdijk will diese Sorge zurück ins Private verlegen. Er plädiert für die Abschaffung von Steuern und vertraut auf die Gabe-Bereitschaft der Wohlhabenden.

Das ist ein frivoler Gedanke für eine komplexe Gesellschaft. Der englische Premier David Cameron hat eine bessere Formel gefunden für das, worauf es ankommt: Wir loben die, die für sich selbst sorgen können – und wir vergessen die nicht, die es nicht können.

Die FDP nennt es „mitfühlenden Liberalismus“.

Wohl wahr. Auch der Liberalismus muss denken können, dass der Bürger nicht nur ein mechanischer Steuerzahler sein will. Er will sich auch aufgehoben fühlen – und Größe zeigen können. Das steckt dahinter, wenn Wohlhabende sich heute zum Steuerzahlen bekennen. Die Vereinigten Staaten haben am Beispiel von Bill Gates vorgeführt, dass sogar nervige Nerds zu guten Bürgern reifen können.

Zum Selbstverständnis des reifen Bürgers gehört, dass er sich in seiner Größe unterscheidet. Das aber hieße, dass dem Bürgerlichen die Gefahr des Ressentiments immer innewohnt. Warum wird aus Bill Gates ein reifer Bürger – und aus Thilo Sarrazin ein Poltergeist?

Die entscheidende Frage ist, ob sein Distinktionsbedürfnis dem Bürger die nötige Ruhe, Sicherheit und Sorgebereitschaft verschafft, um als Norm vorbildhaft zu erscheinen – oder ob er sein Distinktionsbedürfnis gegen andere wendet und sich nur selbst feiert. Beides ist im Spielraum der Bürgerlichkeit möglich.

Der Philosoph Georg Lukács hat bürgerliche Lebensführung definiert als „Herrschaft der Ordnung gegenüber der Stimmung, des Dauernden über das Momentane, der ruhigen Arbeit über die Genialität“. Der Bürger nimmt sich in Zucht.

Wunderbar. Ein wirklicher Bürger hält sich zurück. Er pflegt nicht nur seinen kulturellen Narzissmus, sondern auch seine Dienstbereitschaft. Wolfgang Schäuble ist dafür ein herausragendes Beispiel. Er führt, im Rollstuhl sitzend, ein schwieriges Leben – und ist bereit, seinen Dienst fürs Ganze zu tun.

Sind die Milieus, die Menschen wie Wolfgang Schäuble prägen, noch intakt?

Vielleicht mehr denn je. Ein Indiz dafür ist das frisch erwachte Interesse an der Religion in bürgerlichen Kreisen. Offenbar sucht man heute wieder Orientierungen, die einem selbst etwas abverlangen. Man ist wieder interessiert an Konzepten der Selbstbindung. Will sich wieder in größere Zusammenhänge eingebettet sehen und Solidarität als etwas empfinden, das man sich selbst schuldig ist.

Na ja, die Kirchen sind vor allem an Weihnachten voll. Man benimmt sich auch gerne wieder und deckt den Tisch ein mit dem Silberbesteck der Großmutter.

Natürlich gibt es diese Tischdecken- und Messerbänkchen-Bürgerlichkeit. Aber die wirkt ganz schnell kleinbürgerlich. Und ich finde auch diesen blöden genealogischen Stolz so mancher jungen Mütter und Väter in Berlin...

...diesen ostentativen Elternstolz...

...einigermaßen peinlich. Anders Ursula von der Leyen, unsere Sozialministerin. Die hat sieben Kinder und redet nicht ständig drüber. Von der hören Sie kein Wort über Work-Life-Balance. Sie praktiziert Familie und demonstriert sie nicht. Das ist, ehrlich gesagt, bürgerlich.

Politiker können ein Beispiel von Bürgerlichkeit geben – okay. Was aber kann die Politik tun, damit Bürgerlichkeit nicht entgleist, sondern sich in Größe und Dienstbereitschaft ausdrückt?

Es wäre zum Beispiel die große Aufgabe der SPD, Lebenswege wie die eines Franz Müntefering stark zu machen. Müntefering kommt ja, wie Gerhard Schröder, aus kleinen Verhältnissen. Im Unterschied zu diesem verkörpert er aber nicht ein auftrumpfendes „Ich hab’s geschafft”, sondern eine stille bürgerliche Verbindung von Leistung mit Demut. Er ist immer noch die perfekte sozialdemokratische Verkörperung einer belastungsfähigen Alltagsmoral. Das Problem ist, dass sich das politische Personal in den Volksparteien nicht mehr die Ruhe gönnt, älter zu werden, andere Seiten zu zeigen und bürgerlicher zu werden.

Was genau meinen Sie damit?

Wenn Bürgerlichkeit nicht nur ein ästhetischer Diskurs sein soll und mehr als Ausdruck eines verwilderten Distinktionsbewusstseins, dann braucht es die Volksparteien als Temperierungs- und Sozialisierungsinstanz, die Erfahrungen schätzen, Bilanzen ziehen und Personen formen – ohne bloß menschlich zu werden.

Sie selbst haben ein Buch über die „Ausgeschlossenen“ geschrieben, die sich im Graubereich zwischen Arbeitslosigkeit, subventioniertem Job und Schwarzarbeit aufhalten – jenseits der bürgerlichen Gesellschaft. Sind die nicht längst vergessen? Haben die sich nicht aufgegeben?

Ich glaube, dass wir eine Kultur gerechter Anstrengung brauchen. Natürlich ist Teilhabe an materielle Voraussetzungen gebunden. Aber die ist ja selbst unter Hartz-IV-Bedingungen relativ gut gegeben. Das Problem ist also nicht, dass es zu wenig Geld für Arbeitslose und Antriebsschwache gibt, sondern zu wenig Bewährungsräume. Es gibt Hauptschüler, die nur deshalb Bildungsverweigerer sind, weil sie die pädagogische Lüge durchschauen, dass auch ihnen die Welt angeblich offensteht. Diese Hauptschüler sind oft total fit. Die wissen genau, dass sie mit ihrem Abschluss praktisch nichts in der Hand haben. Aber auch diese Hauptschüler wollen ein Leben von Bedeutung führen.

Wir hatten zuletzt den Eindruck, dass die Bürgerlichen daran kein Interesse mehr haben könnten.

Der grobe Ton ist in der Welt – und den kriegt man nicht so schnell wieder weg. Ich bin dennoch guter Dinge. Und wissen Sie, warum? Weil ich weiß, dass sich die Leute in ihrer Vergrobung und Verrohung unglücklich fühlen. Sie wollen ihr eigenes Leben führen, aber im Zweifelsfall nicht allein gelassen werden.

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