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SPD-Chef Kann Sigmar Gabriel Kanzler?

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Gabriel 2017 als "roter Ludwig Erhard"?

Doch das Hauptproblem liegt anderswo: Es gibt ein Überangebot an Strom – auch an grünem. Darum ist Gabriels größte offene Baustelle bei der Energiewende der Ausbau der Stromnetze. Die müssen den Ökostrom intelligent managen und im Land wie auch auf dem europäischen Binnenmarkt effizient verteilen können. Immerhin forciert Gabriel den Netzausbau, etwa indem Erdkabel Vorrang vor Freilandleitungen erhalten. Doch das treibt die Baukosten um bis zu acht Milliarden Euro nach oben. Von seinem erklärten Ziel, einer bezahlbaren Energiewende, entfernt sich Gabriel so immer weiter.

Trotzdem herrscht gerade vorsichtige Euphorie im Umfeld von Gabriel. Die Flüchtlingskrise nagt an Merkels Nimbus der Unverletzbarkeit mehr, als es Griechenlandwirren oder der NSA-Skandal jemals vermochten. Gabriel, der Kanzlerkandidat, ist überhaupt nicht stärker geworden. Zum ersten Mal jedoch ist die Kanzlerin schwächer.

Die Flüchtlingskrise mit all ihren neuen Fragen nach Umbruch, Aufstiegschancen, Verteilungsgerechtigkeit ist zudem wie gemacht für einen Bauchpolitiker wie ihn. Dass Gabriel viel Kraft aus der neuen deutschen Lage saugen kann, war Mitte Oktober in Mainz beim SPD-Perspektivkongress zu besichtigen: Da verflocht der oberste Genosse die Flüchtlingsfrage in seiner Rede beeindruckend elegant mit der sozialdemokratischen Programmatik („Wir brauchen einen modernen, weltoffenen, kompetenten, gut finanzierten Staat“). Dazu passt sein neues Leitmotiv für den Wahlkampf 2017, der Anwalt der arbeitenden Mitte sein zu wollen, Botschafter der Leistungsträger, egal, ob es sich dabei um Paketboten, Manager, Selbstständige oder aufstiegshungrige Migranten handelt. Eine Art „roter Ludwig Erhard“, der Wohlstand für alle liefert in einem moderneren, bunteren Deutschland.

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Auf dem Tag der Deutschen Industrie am Dienstag dieser Woche berief sich Gabriel auch auf Erhard. Doch er stellte zu Beginn seiner Rede klar, als Fußballer ein linker Verteidiger gewesen zu sein, was er ein Leben lang zu bleiben gedenke. Das klang nach Wahlkampfmodus. Aber ein direktes Aufeinandertreffen mit Merkel, die vor ihm sprach, vermied er wohlweislich. Seine Parteiauguren haben ihm vor Kurzem wieder interne Ergebnisse präsentiert, was für eine starke Gegnerin die Kanzlerin auf dem Platz sein wird.

Die SPD hatte Bürger zur sozialdemokratischen Bilanz befragt, jemand erwähnte den Mindestlohn. Die Genossen frohlockten, auf dessen Einführung sind sie sehr stolz. Aber die Bürgerantwort ging weiter: Frau Merkel habe den ja eingeführt – und Gabriels SPD dessen Umsetzung versaut.

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