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SPD-Kanzlerkandidat Der glücklose Peer Steinbrück

Die jüngsten Umfragewerte für den SPD-Herausforderer sind miserabel. Kandidat und Programm wollen einfach nicht zueinanderfinden.

Steinbrücks Pannen im Wahlkampf
Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig ist Mitglied in Peer Steinbrücks Kompetenzteam und hat nach Spiegel-Informationen jahrelang doppelte Gehälter kassiert. Das könnte Steinbrück jetzt um die Ohren fliegen Machnig habe sowohl sein Einkommen als Minister in Thüringen als auch Übergangsgeld und Ruhegehalt aus seinem vorherigen Amt als Staatssekretär im Bundesumweltministerium erhalten, schreibt der Spiegel. Quelle: dpa
Den von Peer Steinbrück vorgestellten SPD-Slogan für die Bundestagswahl - "Das Wir entscheidet" - nutzt ausgerechnet eine Leiharbeitsfirma schon seit 2007. Da der Spruch nicht rechtlich geschützt ist, will das Unternehmen ProPartner allerdings nicht rechtlich gegen die SPD vorgehen. Unglücklich ist die Parallele auch deshalb, weil sich die SPD thematisch gegen die zunehmende Leiharbeit positioniert hat. Quelle: dpa
Es gibt viele Arten, sich unangreifbar zu machen. Der SPD-Kanzlerkandidat forderte von seinen Genossen gleich am Anfang: "Das Programm muss zum Kandidaten passen, der Kandidat zum Programm. Ihr müsst dem Kandidaten an der einen oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit einräumen." Peer Steinbrück wollte damit volle Richtlinienkompetenz - und das Recht, das sagen zu dürfen, worauf er gerade Lust hat. Steinbrück hat von diesem Recht reichlich Gebrauch gemacht. Quelle: AP
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung attestierte Steinbrück seiner Gegnerin Angela Merkel (CDU) einen Sympathievorsprung. "Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat", sagte Steinbrück der FAS. Das klang nicht nur nach der beleidigten Ausrede eines Kandidaten, der sich damit schon als künftigen Verlierer outet, sondern war auch nicht feinfühlig - und das zu einer Zeit, in der viele Frauen darum kämpfen müssen, ihren Beruf mit der Familie in Einklang zu bringen. Quelle: dapd
Der Peer Steinbrück folgte dem Rat seiner Kommunikationsberater: Er müsse auch im Internet Präsenz zeigen. Gesagt, getan. Aber nicht allein. Beim Twitterview konnte man sehen, wie Steinbrück seinem Nebenmann die Antworten diktierte. Der SPD-Finanzexperte machte dazu einen unbeholfenen Eindruck. Prompt meldete sich der politische Gegner: Bundesumweltminister Altmaier (CDU), der selbst aktiv zwitschert, forderte Steinbrück auf, kenntlich zu machen, wann er persönlich auf Twitter aktiv ist. Quelle: dpa
Es gibt kaum etwas solideres als die gute alte Sparkasse. Steinbrück findet, dass man den Sparkassendirektor für sein Gehalt beneiden kann. Vor allem, wenn man Regierungschef ist. „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin“, sagte Steinbrück zum Jahresende 2012. Auch wenn der Satz faktisch richtig ist: Vielen Genossen dürften ihrem Kanzlerkandidaten diese Aussage nicht verzeihen. Auch andere Wähler nicht. Zumal im internationalen Vergleich sich das derzeitige Gehalt der Bundeskanzlerin sehen lassen kann. Quelle: dapd
Überhaupt hat Herr Steinbrück für einen SPD-Genossen ein eher untypisches Verhältnis zum Geld. Für Reden vor Banken, der Finanzindustrie und betuchtem Publikum ließ er sich gut bezahlen, mittlerweile hat er damit mehr als eine Millionen Euro Honorargeld erhalten. Auch von der Stadt Bochum, die mit einem Haushaltsdefizit in Höhe von 125 Millionen Euro zu kämpfen hat, ließ er sich ein Honorar von 25 000 Euro pro Vortrag auszahlen. Der Aufschrei war groß - allein weil ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat, der die Finanzbranche bändigen will, mit solch lukrativen Nebenjobs nicht glaubwürdig ist. Quelle: dapd

Wer Peer Steinbrück in den vergangenen Tagen und Wochen beobachtete, dem drängte sich Mitleid nicht sofort als erste Gefühlsregung auf. Der Kanzlerkandidat hat weder seine Fähigkeit zu ausgeprägter Selbstironie verloren noch seine Schlagfertigkeit. Auch wie ein Geschlagener sieht er wahrlich nicht aus. Diese Woche absolvierte Steinbrück entschlossen bis munter einen weiteren Teil seiner bis Mai dauernden Länderreise, traf sich in der Hauptstadt mit jungen Startup-Unternehmern, besuchte das Deutsche Theater und das Musiklabel Universal, stempelte SPD-Jubiläumsbriefmarken, und jettete zum französischen Präsident Francois Hollande. Der ist zwar selber gerade alles andere als ein vorzeigbarer sozialdemokratischer Aktivposten, aber was soll’s.

Wenn Steinbrück auf seinen Touren (stets begleitet von einem üppigen Pulk Journalisten und Kameraleuten) auf Menschen trifft, dürfte er nicht den Eindruck bekommen, auf verlorenem Posten zu kämpfen. Er wird beachtet und beobachtet, und wenn er abends zu seinem Wahlkampfauftritten namens „Klartext mit Peer Steinbrück“ einlädt, dann sind die Hallen voll (gerade mit Genossen), der Applaus meist warm (dank der Genossen) und seine Scherze sitzen (weil sie tatsächlich ganz gut sind).

Wenn Peer Steinbrück Klartext spricht
Die Grünen stoßen mit ihrer Idee eines fleischlosen Tags in den Kantinen auf Widerspruch. Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hatte sich im Zuge eines Wahlkampfauftritts im BR-Fernsehen von seinem Wunschpartner Grüne mit dem ironischen Satz distanziert: "Die haben noch nicht mitgekriegt, dass es jetzt um die Wurst geht." Quelle: dpa
Zurück aus dem Urlaub gab Steinbrück der „Süddeutschen Zeitung“ Mitte August 2012 ein ausführliches Interview. Thema Nummer 1 war selbstverständlich die Euro-Krise. Zu dem Vorstoß von SPD-Chef Sigmar Gabriel, dass die Euro-Länder auf längere Sicht gemeinsam für ihre Schulden haften sollten, sagte Steinbrück: „Wenn Europa die richtige Antwort auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist, und wenn Europa die richtige Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist, dann wird sich dieses Europa einig aufstellen müssen.“ Quelle: rtr
Wenig später greift Steinbrück in dem Interview die Regierungskoalition an: „Wir sind im Zeitalter der Rettungsschirme längst in einer Haftungsgemeinschaft, an der die verbalen Kraftprotze von Union und Liberalen mitgewirkt haben. Umso dümmlicher sind die Vorwürfe von FDP und CSU, die SPD plädiere für einen ,Schuldensozialismus’.“ Quelle: dapd
Mit seinen 65 Lenzen sieht Peer Steinbrück in seinem Alter kein Hindernis für eine Kanzlerkandidatur. „Erfahrung und ein gutes Rüstzeug sind vielleicht mehr denn je nachgefragte Qualitäten. Offensichtlich erscheine ich vielen noch nicht als politisches Auslaufmodell“, sagte er Ende Juli der Zeitung „Bild am Sonntag“. Quelle: rtr
Auf dem SPD-Parteitag in Berlin Äußerte sich Peer Steinbrück zu den Steuersenkungsplänen der schwarz-gelben Regierung: „Diese sind nichts anderes als ein Pausentee für die FDP auf der Wegstrecke zur nächsten Wahl – manche sagen Abführtee. Ich nehme an, dass sich Wolfgang Schäuble jeden Tag in der Adventszeit eine, vielleicht zwei Kerzen ins Fenster stellt, damit die SPD im Bundesrat diesen Schwachsinn verhindert“. Quelle: rtr
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Steinbrück ab, die europäische Geschichte zu verstehen. Sie habe keinen Zugang zur „europäischen Story“, sagte er auf dem Parteitag im Dezember 2011 in Berlin. Mit Blick auf Merkels Studium ätzte er: „Europa ist nicht Physik“. Quelle: rtr
Steinbrück über die FDP und ihren neuen Vorsitzenden Philipp Rösler ("Bild" vom 26.09.2011): "Eine Primanerriege, Leichtgewichte wohin man blickt. Bei manchem Interview von FDP-Chef Rösler denke ich: Das ist eine alte Loriot-Aufnahme. Diese Unbedarftheit und Naivität – Entschuldigung, wir reden hier vom deutschen Wirtschaftsminister und Vizekanzler." Quelle: rtr

Er könnte sich also passabel fühlen. Wäre da nicht diese nachhaltige Wirkungslosigkeit, die seine Kampagne auf Schritt und Tritt begleitet. Keiner der von SPD-Wahlkampfstrategen bisher lancierten Vorstöße hat Steinbrück aus der Defensive gebracht. Nicht das Strategiepapier gegen Wohnungsnot, nicht die Solidarrente, auch nicht der Mindestlohn. Und als sich während der Zypern-Rettung kurz mal die Gelegenheit bot, der Krisenkanzlerin Angela Merkel schlechtes Management anzuheften, war es Instinktpolitiker und Parteichef Sigmar Gabriel, der als einzige SPD-Stimme vernehmbar war. Der Kanzlerkandidat? Untergetaucht.

Er muss sich also – hinter der Fassade des wackeren Kämpfers –  in Wahrheit miserabel fühlen. Die jüngsten Zahlen des ARD-Deutschlandtrends tragen nur dazu bei: Nur 32 Prozent der Wähler sind mit Steinbrücks Arbeit zufrieden, der schlechteste Wert seit – Achtung! – 2005.  Merkel hingegen verzeichnet 68 Prozent Zustimmung. Und im imaginären Direktwahlvergleich steht es 60 zu 25 Prozent für die Kanzlerin.

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Was für ein Kontrast: Steinbrück ist bei seiner Nominierung als Liebling der Medien und des ökonomisch aufgeklärten Bürgertums gestartet. Mittlerweile hat er sich dank zahlreicher rhetorischer Irrungen und dank eines nicht auf ihn zugeschnittenen Wahlprogramms zu einem Ritter von der traurigen Gestalt gewandelt. Der Kandidat gefällt sich punktuell als aufrechter Streiter gegen den Populismus (Steuern rauf, keine Bafög-Erhöhung, Euro-Haftungsunion), vor allem aber schimmert immer wieder das Bemühen durch, Inhalte zu verteidigen, die Steinbrück bestenfalls für suboptimal halten dürfte.

In Niedersachsen habe die SPD trotz eines populären CDU-Spitzenkandidaten (David McAllister) siegen können. Trotz eines mäßigen Wahlkampfes. Trotz eines blassen eigenen Spitzenmannes. Das ist Mut-Parole, die derzeit überall bei Sozialdemokraten zu vernehmen ist: Was in Hannover geht, kann auch in Berlin klappen. Nur überzeugt klingt es nicht.

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