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SPD Peer Steinbrück kämpft nur noch für sich selbst

Der SPD-Kanzlerkandidat war auf dem besten Wege, ein gut verdienender, allseits gehörter Elder Statesman zu werden. Stattdessen wurde er Kanzlerkandidat der SPD. Seitdem kämpft ein Mann verbissen um die Wiederherstellung seines Rufs.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück scheint bis heute nach einer überzeugenden Antwort zu suchen. Quelle: Reuters

An diesem Leipziger Vormittag im Mai ist selbst der Himmel ein Genosse, und da draußen sonnt sich jemand genüsslich in der eigenen Bedeutung. Nach und nach rollen die Limousinen vor, Referenten reißen Türen auf, Hannelore Kraft steigt aus, Olaf Scholz, Altkanzler Gerhard Schröder, sie alle schreiten auf ihn zu. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes erweist ihm die Ehre, Hände werden geschüttelt, hier und da gibt es Umarmungen oder gar einen kleinen Scherz. Kurz vor Schluss kommt die Bundeskanzlerin, dann erscheint der Bundespräsident und - als Ehrengast - Frankreichs Präsident Francois Hollande. Immer mittendrin im Pulk ein vor Stolz glühender Gastgeber, der wichtigste Mann der SPD - Sigmar Gabriel.

Steinbrücks Pannen im Wahlkampf
Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig ist Mitglied in Peer Steinbrücks Kompetenzteam und hat nach Spiegel-Informationen jahrelang doppelte Gehälter kassiert. Das könnte Steinbrück jetzt um die Ohren fliegen Machnig habe sowohl sein Einkommen als Minister in Thüringen als auch Übergangsgeld und Ruhegehalt aus seinem vorherigen Amt als Staatssekretär im Bundesumweltministerium erhalten, schreibt der Spiegel. Quelle: dpa
Den von Peer Steinbrück vorgestellten SPD-Slogan für die Bundestagswahl - "Das Wir entscheidet" - nutzt ausgerechnet eine Leiharbeitsfirma schon seit 2007. Da der Spruch nicht rechtlich geschützt ist, will das Unternehmen ProPartner allerdings nicht rechtlich gegen die SPD vorgehen. Unglücklich ist die Parallele auch deshalb, weil sich die SPD thematisch gegen die zunehmende Leiharbeit positioniert hat. Quelle: dpa
Es gibt viele Arten, sich unangreifbar zu machen. Der SPD-Kanzlerkandidat forderte von seinen Genossen gleich am Anfang: "Das Programm muss zum Kandidaten passen, der Kandidat zum Programm. Ihr müsst dem Kandidaten an der einen oder anderen Stelle auch etwas Beinfreiheit einräumen." Peer Steinbrück wollte damit volle Richtlinienkompetenz - und das Recht, das sagen zu dürfen, worauf er gerade Lust hat. Steinbrück hat von diesem Recht reichlich Gebrauch gemacht. Quelle: AP
In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung attestierte Steinbrück seiner Gegnerin Angela Merkel (CDU) einen Sympathievorsprung. "Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat", sagte Steinbrück der FAS. Das klang nicht nur nach der beleidigten Ausrede eines Kandidaten, der sich damit schon als künftigen Verlierer outet, sondern war auch nicht feinfühlig - und das zu einer Zeit, in der viele Frauen darum kämpfen müssen, ihren Beruf mit der Familie in Einklang zu bringen. Quelle: dapd
Der Peer Steinbrück folgte dem Rat seiner Kommunikationsberater: Er müsse auch im Internet Präsenz zeigen. Gesagt, getan. Aber nicht allein. Beim Twitterview konnte man sehen, wie Steinbrück seinem Nebenmann die Antworten diktierte. Der SPD-Finanzexperte machte dazu einen unbeholfenen Eindruck. Prompt meldete sich der politische Gegner: Bundesumweltminister Altmaier (CDU), der selbst aktiv zwitschert, forderte Steinbrück auf, kenntlich zu machen, wann er persönlich auf Twitter aktiv ist. Quelle: dpa
Es gibt kaum etwas solideres als die gute alte Sparkasse. Steinbrück findet, dass man den Sparkassendirektor für sein Gehalt beneiden kann. Vor allem, wenn man Regierungschef ist. „Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin“, sagte Steinbrück zum Jahresende 2012. Auch wenn der Satz faktisch richtig ist: Vielen Genossen dürften ihrem Kanzlerkandidaten diese Aussage nicht verzeihen. Auch andere Wähler nicht. Zumal im internationalen Vergleich sich das derzeitige Gehalt der Bundeskanzlerin sehen lassen kann. Quelle: dapd
Überhaupt hat Herr Steinbrück für einen SPD-Genossen ein eher untypisches Verhältnis zum Geld. Für Reden vor Banken, der Finanzindustrie und betuchtem Publikum ließ er sich gut bezahlen, mittlerweile hat er damit mehr als eine Millionen Euro Honorargeld erhalten. Auch von der Stadt Bochum, die mit einem Haushaltsdefizit in Höhe von 125 Millionen Euro zu kämpfen hat, ließ er sich ein Honorar von 25 000 Euro pro Vortrag auszahlen. Der Aufschrei war groß - allein weil ein sozialdemokratischer Kanzlerkandidat, der die Finanzbranche bändigen will, mit solch lukrativen Nebenjobs nicht glaubwürdig ist. Quelle: dapd

Peer Steinbrück steht zur gleichen Zeit nur wenige Meter Luftlinie entfernt ziemlich allein in einem Treppenaufgang des Gewandhauses. Nur eine knappe Handvoll Leute aus seiner Entourage stehen um ihn herum, alle anderen Gäste schauen lieber runter durch die Glasscheibe, Promis gucken. "Wollt ihr auch 'nen Kaffee?", fragt Steinbrück in die kleine Runde. Beim 150-Jahre-Jubiläumsfest der SPD, das kurz darauf beginnen wird, hat immerhin Hannelore Kraft die Gnade, ihn kurz in ihrer Begrüßungsrede erwähnen. Das war’s. Die Show machen andere. So wenig Bedeutung war selten.

In jenem Frühsommer 2013 muss Peer Steinbrück ganz stark sein. Er steht vor den rauchenden Trümmern dessen, was mal seine Kanzlerkandidatur sein sollte. Um das Ausmaß der Katastrophe ganz zu ermessen, muss man allerdings noch ein Stück weiter zurückgehen. Ende 2011, ein Jahr vor der Kandidatur, ist der beliebteste Politiker des Landes im ZDF Politbarometer nicht etwa Angela Merkel, sondern er. Altkanzler Helmut Schmidt stellt ihm im selben Herbst öffentlich per SPIEGEL das Tauglichkeitszeugnis aus ("Er kann es"). Damals sieht es wirklich so aus, als müsse Steinbrück - wenn er denn wollte - gar nicht am Zaun des Kanzleramtes rütteln, um reinzukommen, sondern einfach nur zur offenen Tür hereinspazieren. Wer den Steinbrück des ersten Halbjahres 2013 daneben stellt, glaubt nicht, dass es sich um dieselbe Person handelt.

Am kommenden Sonntagabend, nach einer langen Wahlnacht, wird Peer Steinbrück seine Berliner Wohnung in der Torfstraße im Wedding betreten und den ganzen Zirkus ein für alle Mal hinter sich lassen. Die Demütigungen, die Häme, die eigenen Fehler. Er war Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Bundesfinanzminister, er hat Deutschland gemeinsam mit Angela Merkel souverän durch die Lehman-Krise gesteuert. Zwischenzeitlich aber gab es in der Öffentlichkeit nur noch das Bild vom Tölpel, vom arroganten Deppen. Kanzler kann er wohl nicht mehr werden, aber den Respekt, den wollte er zurück und den hat er mittlerweile zurück. Tür zu, Ende.

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