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Sprachexperte Funk "Firmen sollten Flüchtlingen Deutschkurse anbieten"

Deutschen Unternehmen entgehen Aufträge, weil Mitarbeiter fehlen, die viele Fremdsprachen sprechen. Doch die meisten Flüchtlinge sind mehrsprachig – Firmen müssen das nur nutzen, sagt Sprachprofessor Hermann Funk.

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Hermann Funk lehrt

WirtschaftsWoche: Herr Funk, wie gut sprechen Flüchtlinge Deutsch, wenn sie bei uns ankommen?

Hermann Funk: Leider gibt es keine gesicherten Daten. Aber ich kann Ihnen aus meinen Erfahrungen sagen: Die meisten fangen sprachlich bei Null an.

Reichen die bisherigen Maßnahmen der Politik aus, um Deutschunterricht für Flüchtlinge zu fördern?
Klares Nein! Es gibt leider immer noch kein Gesamtkonzept von der Bundesregierung, geschweige denn eines zur berufssprachlichen Integration. Warum fragt keiner nach dem Nutzen der Fremdsprachen, die jetzt mit den Flüchtlingen nach Deutschland kommen? Das kann ein großer Gewinn für Deutschland sein, auch wirtschaftlich.

Zur Person

Wie das denn?
Viele deutschen Unternehmen haben seit Jahren ein Problem: Sie können Aufträge aus dem Ausland nicht annehmen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen, welche die benötigte Fremdsprache sprechen können. Europäischen Mittelständlern entgehen deshalb zahlreiche Aufträge. Wir reden von einem Gesamtverlust für die europäische Wirtschaft von rund 100 Milliarden Euro pro Jahr! Das zeigt eine Studie im Auftrag der EU-Kommission.

Diese Zahlen sind aus dem Jahr 2006.
Ja, das müsste man heute noch mal erheben. Wichtig ist aber der Hinweis: Unternehmen fehlt es an Mehrsprachigkeit.

Woran liegt das?
Kaum ein Unternehmen erfasst die Fremdsprachenkenntnisse seiner Mitarbeiter systematisch. Die Dax-Konzerne, mit denen ich zusammenarbeite, wissen aus den Personalakten einiges über die Kompetenzen ihrer Angestellten. Aber die Betriebsräte sperren sich zumeist dagegen, die Mehrsprachigkeit zu erfassen. Aus Datenschutzgründen.

Deutsch für Flüchtlinge – 5 Tipps von Sprachexperte Hermann Funk

Wie könnten Flüchtlinge, etwa aus Syrien, deutschen Unternehmen helfen?
Viele von ihnen sind zwischen 25 und 40 Jahren alt und sprechen neben ihrer Heimatsprache gutes Englisch – das sind schon mal zwei Sprachen. Wenn dann noch Deutsch dazu kommt, haben Firmen einen sprachlich hochqualifizierten Mitarbeiter, der bei global tätigen Unternehmen Karriere machen kann.

"Der Staat kann nicht alles machen"

Bis die Flüchtlinge gut genug Deutsch sprechen, braucht es viele Stunden Unterricht – und das wird teuer. Der Deutsche Akademische Auslandsdienst schätzt zum Beispiel, dass ein Flüchtling, der für den Zugang zu einer Universität ein Jahr Deutschunterricht braucht, etwa 5000 Euro kostet.
Wir reden immer über die Kosten des Sprachunterrichts. Viel teurer ist doch die Sprachlosigkeit! Außerdem heißt es ja nicht, dass einer keine Fachkenntnisse hat, nur weil er kein Deutsch spricht. In Deutschland fehlen Ingenieure, aus Syrien kommen teils gut ausgebildete Leute zu uns. Warum gehen Firmen nicht gezielt auf die zu?

Was schlagen Sie vor?
Der Staat kann nicht alles machen. Firmen sollten selbst Sprachkurse für Flüchtlinge anbieten.

So engagieren sich Ehrenamtler als Deutschlehrer für Flüchtlinge

Für Menschen, bei denen Unternehmen nicht einmal wissen, ob sie im Land bleiben dürfen?
Firmen geben ja bereits Kurse für Deutsch als Fremdsprache, das Personal ist da. Wir haben in einer Umfrage mit 30 Unternehmen, darunter viele Dax-Konzerne, herausgefunden, dass die Nachfrage nach Deutschunterricht stärker steigt als die nach Englischkursen.

Ich sehe die Gefahr, dass sich Unternehmen für Sprachkurse nur Menschen aussuchen, die großes Potenzial bieten. Da werden doch viele Flüchtlinge ausgeschlossen.
Das glaube ich nicht, denn wir brauchen ja nicht nur Ingenieure in Deutschland. Handwerker und Handwerkskammern können genauso gut Sprachkurse anbieten. Klar ist: Flüchtlinge sind in erster Linie junge und arbeitswillige Menschen, die viel getan haben, um zu uns zu kommen. Diese Chance müssen wir nutzen! Außerdem wäre es auch gut für das Image von Unternehmen.

Welchen Unternehmen könnten Flüchtlinge am meisten nutzen?
Zunächst mal all jenen, die Beziehungen in den arabischen Raum haben. Deutschland ist eine Exportnation und Arabisch ist eine Weltsprache: Mehr als 300 Millionen Menschen weltweit sprechen arabisch.

Was Flüchtlinge dürfen

Was bringt das der deutschen Wirtschaft langfristig?
Die Deutschen haben schon jetzt ein hervorragendes Image im arabischen Raum. Und schauen Sie sich die Entwicklung bei den Türken der dritten Generation in Deutschland an: Dort haben wir einen hohen Anteil an Selbstständigen. Einige gehen zurück in ihre Heimat und bauen dort die Wirtschaft mit auf – mit deutscher Ausbildung. Das wirkt sich sehr positiv auf die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei aus. Warum sollen wir das mit Syrern nicht auch schaffen?

Große Teile Syriens sind vom Krieg zerstört, das Land ist in einem katastrophalen Zustand.
Ich hoffe, dass dort irgendwann wieder eine Normalität einkehrt. Und dann kehren auch Menschen dorthin zurück, die in Deutschland viel gelernt haben – nicht zuletzt die deutsche Sprache.

"Im Deutschunterricht lernen Flüchtlinge auch Demokratie"

Welche Maßnahmen braucht es in Deutschland noch, um die Sprachkenntnisse von Flüchtlingen zu verbessern?
Jeder Lehrer in Deutschland sollte neben seinen Fachkenntnissen auch wissen, wie er Deutsch als Fremdsprache unterrichtet.

Sie meinen, dass auch jeder Biolehrer in der Universität auch Kurse über „Deutsch als Fremdsprache“ besucht haben soll?
Ja. In einigen Bundesländern gibt es diese Regelung schon. Mittlerweile haben wir in jeder Klasse Kinder von Zuwanderern, teilweise sind sie in der Mehrheit. Da sollte jeder Lehrer den Sprachstand der Schüler einschätzen können, nicht nur der Deutschlehrer. Nur so wissen sie, was sie den Schülern zumuten können.

Es heißt immer, Sprache sei der Schlüssel zur Integration. Was lernen Flüchtlinge über unser Land, wenn sie Deutsch lernen?
Deutschunterricht kann Demokratieunterricht pur sein! In Sprachkursen erleben Flüchtlinge unseren Verhaltenskodex, wie er im Grundgesetz steht. Schon in der ersten Stunde lernen sie etwas über Gleichberechtigung: Wenn zum Beispiel eine Frau ohne Kopftuch unterrichtet und den Ton angibt in einer Klasse voller Männer.

In Arbeit
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Welche besonderen Herausforderungen haben Lehrer, die Flüchtlinge unterrichten?
Viele Flüchtlingsklassen sind sehr heterogen: Einige Schüler sind Analphabeten, andere Fachärzte. Außerdem gibt es viele traumatisierte Menschen in Zuwanderungsklassen.

Welche Erfahrungen haben Sie selbst gemacht?
Ich war neulich in einer Klasse, wo die Lehrerin folgende Aufgabe stellte: Macht ein Plakat über eure Heimatstadt. Zwei Brüder aus Syrien hatten zwei Fotos aufgeklebt. Darauf zu sehen waren ein zerschossenes Kind und ein zerbombtes Haus. Darüber schrieben sie: „Meine Stadt“. Damit muss eine Lehrerin erstmal umgehen können.

Herr Funk, ich danke Ihnen für das Interview.

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