Staatsaffäre Bundespräsident Christian Wulff tritt zurück

Christian Wulff legt sein Amt mit sofortiger Wirkung nieder. In seiner 19-monatigen Amtszeit setzte Wulff kaum Akzente, auch in seiner Rücktrittserklärung blieb er vieles schuldig.

Christian Wulff legt sein Amt nieder: Der zehnte Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland tritt mit sofortiger Wirkung zurück. Quelle: dpa

Drei Minuten spricht Christian Wulff im Schloss Bellevue, doch es dauert eine Weile, bis Christian Wulff die entscheidenden Worte sagt: "Ich trete heute vom Amt des Bundespräsidenten zurück." Zuvor holt er aus: "Gerne habe ich die Wahl zum Bundespräsidenten angenommen. Es war mir ein Herzensanliegen, den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken." Deutschland aber brauche einen Bundespräsidenten, „der von dem Vertrauen nicht nur einer Mehrheit, sondern einer breiten Mehrheit der Bürger getragen wird“. Nach den Vorwürfen der vergangenen Wochen sei dies „nachhaltig beeinträchtigt“, so Wulff. Dass der 52-Jährige dafür die Schuld trägt, verschweigt er.

Die aussichtsreichsten Kandidaten
Die möglichen NachfolgerDer König ist tot, es lebe der König. Doch wer wird der Nachfolger von Bundespräsident Christian Wulff? Die Regierungskoalition will sich rasch auf einen gemeinsamen Kandidaten verständigen. Zahlreiche Namen sind in der Diskussion. Die WirtschaftsWoche stellt einige vor. Quelle: REUTERS
Wolfgang Huber, ehemaliger Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Quelle: dpa
Norbert Lammert. Der 63-jährige pflegt als Bundestagspräsident einen staatsmännischen Stil und agiert so überparteilich, dass er vielen Parteifreunden in der Union öfters auf die Nerven geht. Dennoch galt er als Favorit von Schwaz-Gelb. Seinen Namen muss Merkel nun von der Liste streichen - Lammert sagte ihr ab. Quelle: dapd
Andreas Voßkuhle, 48, sagt der Regierung ebenfalls ab. Der Präsident des Bundesverfassungsgerichts gilt als geradlinig, mit scharfem Verstand und staatsphilosophisch Know How. Nur an der politischen Erfahrung mangelt es ihm. Trotzdem galt er als Wunschkandidat. Bis er, nach kurzer Bedenkzeit, die Kandidatur ablehnte. Quelle: dpa
Joachim Gauck, 62, war der Wunschkandidat weiter Teile in Politik und Bevölkerung 2010. Aber die Mehrheit von CDU, CSU und FDP in der Bundesversammlung gab ihm keine Chance gegenüber Christian Wulff. Schafft er es nun? SPD und Grüne wünschen sich ihn ins Schloss Bellevue, 54 Prozent der Deutschen sehen das laut einer Emnid-Umfrage genauso. Der frühere Bürgerrechtler wäre sicherlich ein anregender und aufregender Präsident, nicht immer unbequem für eine Regierung. Quelle: dapd
Ursula von der Leyen, 53, fühlte sich nach dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler fast schon als Nachfolgerin, bevor dann Christian Wulff die Hand hob. Die CDU-Politikerin aus Niedersachsen machte sich einen Namen erst als Familien- und seither als Arbeitsministerin. Allerdings ist sie wegen ihres dominanten Stils und starker sozialstaatlicher Akzente in konservativen Kreisen nicht sehr gelitten. Auch von den Deutschen können sich nur 32 Prozent vorstellen, dass die jetzige Ministerin das höchste Amt im Staat übernimmt. Quelle: dapd
Klaus Töpfer, 73, gilt als integre Persönlichkeit. Sein Einsatz für den Umwelt- und Klimaschutz hat dem CDU-Politiker weltweite Reputation eingetragen. Er war Bundesumweltminister und Bauminister, ging 1998 als Exekutiv-Direktor zum Umweltprogramm der UNO nach Nairobi. Quelle: dapd

Im Gegenteil: Der bisherige Präsident äußert sich überzeugt, dass die juristischen Ermittlungen gegen ihn zu einer „vollständigen Entlastung“ führen werden. „Ich habe mich in meinen Ämtern stets rechtlich korrekt verhalten. Ich habe Fehler gemacht. Aber ich war immer aufrichtig.“ Die Berichterstattung der vergangenen Wochen habe ihn und seine Frau „verletzt“.

Eine halbe Stunde später tritt Bundeskanzlerin Angela Merkel vor die Presse. Sie habe den Rücktritt mit "größtem Respekt und tiefem Bedauern" aufgenommen. Bei der Wahl eines Nachfolgers will sie auf die SPD und Grüne zugehen. „Wir wollen Gespräche führen mit dem Ziel, in dieser Situation einen gemeinsamen Kandidaten für die Wahl des nächsten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland vorschlagen zu können“, so Merkel.

Die Vorwürfe gegen Wulff

Gestern Abend hatte die Staatsanwaltschaft Hannover angekündigt, ein Ermittlungsverfahren gegen das Staatsoberhaupt einleiten zu wollen. Dazu hat sie beim Bundestag beantragt, Wulffs Immunität aufzuheben - ein einmaliger Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Aus der Opposition kamen noch am Abend Rücktrittsforderungen. Die Bundesregierung schwieg.

Von der Inanspruchnahme eines günstigen Privatkredits über kostenlose Urlaube bei Unternehmern bis zur staatlichen Mitfinanzierung einer umstrittenen Lobby-Veranstaltung: Bundespräsident Christian Wulff sah sich vielen Vorwürfen ausgesetzt. Zu Fall brachte ihn aber nun seine enge Beziehung zu David Groenewold.

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