Stadt statt Land Urbanisierung tut dem Planeten gut

Die Menschheit hat sich entschieden: gegen das Land und für die City. In Erwartung auf ein besseres Leben strömen Millionen in die Städte. Für Zukunftsforscher Matthias Horx ist das eine gute Nachricht.

Die besten Städte Deutschlands 2014
Altstadt von Ulm Quelle: dpa
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Freiburg Quelle: dpa
Frankfurt am Main Quelle: dpa
Regensburg Quelle: dpa
Straßenbahnen in Stuttgart Quelle: dpa
Wolfsburg Quelle: dpa

Immer mehr Menschen zieht es vom Land in die Städte: 2050 werden sich nach UN-Prognosen etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung in den Metropolen drängeln. Verkehrschaos, Smog-Alarm und soziale Ungleichheit gibt es heute schon vielerorts. Trotzdem sieht Zukunftsforscher Matthias Horx die Urbanisierung als etwas Gutes für die Menschheit. Warum Stadtbewohner ökologisch effektiver leben als Landmenschen und was er sich unter „Greenopolis“ vorstellt, erklärt Horx im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher. Nach Berufsjahren als Journalist gründete er zur Jahrtausendwende das „Zukunftsinstitut“, das heute zahlreiche Unternehmen und Institutionen berät. Quelle: dpa

Immer mehr Menschen zieht es in Städte. Ist das ein Problem?

Matthias Horx: Wir sollten das Phänomen erstmal nicht nur aus Sicht der Probleme sehen. Zunächst ist es eine gute Botschaft, dass die Menschheit in Ballungsgebiete zusammenrückt - das schafft Platz für Natur und Landwirtschaft und erzeugt eine neue soziale Dynamik. Zudem sind Städte ökologisch effektiver: Stadtbewohner erzeugen weniger CO2 als Bewohner des Flächenraumes.

Warum wollen so viele Menschen in die Metropolen?

Städte bieten für Bewohner des ländlichen Raumes gewaltige Chancen des sozialen Aufstiegs. Wer in die Stadt zieht, sucht Chancen, und meistens bekommt er sie auch. Städter sind im globalen Durchschnitt tatsächlich gebildeter, wohlhabender, sogar gesünder als Landbewohner. New Yorker leben länger als Wisconsiner. Das Wachsen der größeren Städte ist auch auf ein Nachlassen der Stadtflucht zurückzuführen: Früher ist man bei Familiengründung, oder wenn man älter wurde, an den Stadtrand gezogen. Heute sind die Stadtkerne wieder attraktiv, kulturell hat sich viel getan.

Doch nicht überall gelingt der soziale Aufstieg...

In Berlin gab es vor hundert Jahren noch bitteres Elend, wo heute kreative Stadtteile entstanden sind, Harlem ist heute ein Mittelschichts-Stadtteil. Das gilt im jeweiligen Maßstab erstaunlicherweise auch für die Slums in Nairobi und Kalkutta! Neuere Forschungen zeigen, dass Slums nichts anderes sind als Durchlauferhitzer des sozialen Aufstiegs, in denen Menschen mit Kleingewerbe, Handwerk und Recycling mittelfristig so gut wie immer aufsteigen und dann in bessere Wohnviertel umziehen.

Diese Städte preschen nach vorne
Platz 10:  OldenburgIm Dynamikranking zeigt sich, welche Städte sich in den vergangenen fünf Jahren – verglichen wurden die Werte von 2013 mit den Ergebnissen von 2008 – am besten entwickelt haben. Die niedersächsische Stadt Oldenburg gehört dazu. Der Anteil der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss hat sich um 3,1 Prozent verringert (Rang 5), die Zahl der Straftaten je 100.000 Einwohner um 15,2 Prozent, Rang 4. Auch bei der Kinderbetreuung hat sich in Oldenburg viel getan. Die Betreuungsquote der U3-Jährigen stieg im Untersuchungszeitraum um 17,8 Prozent, Rang 2; bei den Drei- bis Sechsjährigen um 5,1 Prozent (Rang 8). Und: Die Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Oldenburg veränderte sich um 13,4 Prozent zum Guten (Bundesdurchschnitt: 8,9 Prozent). Insgesamt ergibt sich damit Rang 10 im Dynamikranking. Luft nach oben bleibt dennoch: Im Niveauranking (jene Tabelle, die den Ist-Zustand bewertet) kommt Oldenburg auf Rang 32. Eine detaillierte Auflistung der Stärken und Schwächen Oldenburgs  finden Sie in unserer Infografik.
Erfurt Quelle: dpa
Ludwigshafen BASF Quelle: obs
Platz 7:  RegensburgSechster im Niveauranking, Siebter im Dynamikranking: Regensburg überzeugt in allen Belangen. So stieg die Steuerkraft der Stadt (Grundsteuer, Gewerbesteuer und die Anteile der Gemeinde an der Einkommen- und Umsatzsteuer) um 411,80 Euro je Einwohner (Rang 2).  Auch die Jobsituation verbesserte sich. Die Anzahl der Beschäftigten stieg um 15,3 Prozent (Rang 2), die Arbeitsplatzversorgung stieg im gleichen Zeitraum um 5,0 Prozentpunkte, was Rang 30 bedeutet. Trotz der positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt gibt es in Regensburg – gegen den Trend – einen Anstieg der überschuldeten Erwachsenen (1,1 Prozentpunkte, Platz 66). Eine detaillierte Auflistung der Stärken und Schwächen Regensburgs  finden Sie in unserer Infografik.
Rathaus der Stadt Braunschweig Quelle: dpa
Berlin Quelle: dpa
Leipzig Quelle: dpa

Doch Stadt heißt auch Stau, schmutzige Luft und soziale Brennpunkte - Wie lassen sich diese urbanen Probleme lösen?

Es gibt inzwischen eine Wissenschaft des „Neuen Urbanismus“, in der sich immer mehr Lösungen abzeichnen - von der Wasserversorgung über die Verkehrsplanung bis zur Infrastrukturentwicklung. Tokio zum Beispiel hat ein unglaublich effektives Verkehrssystem entwickelt. Wien hat eine Wasserversorgung, in der die Hälfte der Stadtbewohner Bergquellwasser trinken kann. In den Städten Amsterdam und Kopenhagen ist das Fahrrad drauf und dran, das Auto zu verdrängen. Oslo zeigt, wie Elektromobilität Städte ruhiger und sauberer macht.

Wie können Metropolen auch in Zukunft lebenswerte Orte sein?

Städte sind wie Individuen oder Charaktere: Jede muss ihren eigenen Weg gehen. Freiburg muss und kann sich anders entwickeln als Toulouse oder Rabat. Bilbao beispielsweise wurde von einer niedergehenden Industriestadt zu einer Kulturstadt - durch einen einzigen Museumsbau! Singapur entwickelt sich zur „Green City“, dort werden Hochhäuser nur noch genehmigt, wenn sie einen Dschungel beherbergen und mindestens klimaneutral sind.

Überall grüne Städte. Erobert die Natur die Stadt zurück?

Die Konsequenz wird irgendwann „Greenopolis“ sein, die grüne Großstadt, in der die Häuser Energie erzeugen und die Landwirtschaft wieder in die Stadt zurückkehrt. Überall in den deutschen Städten haben wir ja schon heute das Phänomen des „Urban Gardening“.

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Macht ihnen die Urbanisierung gar keine Sorgen?

Das wahre Zukunftsproblem werden womöglich ganz andere, untypische Stadtformen sein, wie etwa die „Nomadic Cities“- Zeltstädte, die jetzt für Hunderttausende Flüchtlinge im Nahen Osten entstehen. Was wäre denn, wenn diese Zeltstädte nicht wieder verschwinden? Wenn sie eine dauerhafte Lebensform werden, gewissermaßen Wüstenslums?

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