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Städtebau Im Ruhrgebiet wächst das Elend - und der Neid

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Die Hoffnung im Ruhrgebiet schwindet

Aufbruch Ost? - In Eisenhüttenstadt sind seit 2004 bereits knapp 6.000 Wohnungen abgerissen worden. Die Stadt schrumpft dramatisch. Aber ohne Aussicht auf ein neues Eigenheim würden noch mehr Menschen das Weite suchen. Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Im Ruhrgebiet wollen sie vom Strukturwandel schon lange nichts mehr hören; zu oft schon wurden mit diesem Begriff Hoffnungen geweckt, die sich zerschlugen. Die Menschen schätzen hier das neue Wechselspiel von Natur und städtischem Raum, mögen sich und ihre Mentalität, hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) zuletzt in einer Umfrage herausgefunden, doch beim Wort „Strukturwandel“ stöhnen alle auf: An eine gute Zukunft mit gut bezahlter Arbeit, hohen Steuereinnahmen und schönen Schulen glaubt hier kaum noch einer.

Wo Mieten und Kaufpreise weiter steigen
Die niedrigsten Mieten - Platz 1Wer richtig günstig wohnen möchte, der muss nach Hof ziehen. In dieser Stadt kostet der Quadratmeter nur 4,52 Euro - im Gegensatz zum letzten Quartal: da kostete er noch 5,72 Euro. Im empirica-Miet- und Kaufpreisranking des 4. Quartals von 2011 belegt die Stadt den 113. Rang. Die Stadt liegt im Flusstal der Saale in Oberfranken. Der Hofer Stadtkern gehört zu den bedeutsamsten, historischen Stadtkernen Deutschlands. Die Altstadt ist eine geschlossene Biedermeierstadt, die bis heute noch vollständig erhalten ist. Quelle: dpa/picture alliance
Die niedrigsten Mieten - Platz 2Pirmasens ist die zweitgünstigste Stadt, wenn man Wohnungen ab Baujahr 2000 mieten möchte. Die Stadt hält sich auf Rang 112 der Studie. Ein Quadratmeter kostet im vierten Quartal des Jahres 2011 5,04 Euro. Pirmasens liegt am südwestlichen Rand des Pfälzerwaldes. Sie war lange Zeit bekannt für ihre gut florierende Schuhindustrie, weshalb die Stadt auch ein riesiges Messegelände besitzt, wo bis heute große Messen - wie zum Beispiel die renommierte Edelsteinmesse Intergem - stattfinden. Quelle: picture-alliance
Die niedrigsten Mieten - Platz 3Wo es sich ebenso recht günstig wohnen lässt, ist in der sächsischen Stadt Chemnitz. Hier ist der Quadratmeter um weitere fünf Cent gesunken und kostete im 4. Quartal 2011 5,12 Euro. Die in der DDR umbenannte Karl-Marx-Stadt Chemnitz hatte nach der Wende mit einer sinkenden Einwohnerzahl zu kämpfen. Allerdings strebte sie dann durch eine gelungene Entwicklungspolitik zum „Ort der Vielfalt“ auf. Die Innenstadt besteht aus Büros, Gastronomie, Wohnen, Freizeit und Kultur. Außerdem wurden in verschiedenen Stadtteilen zahlreiche Gründerzeit- und Jugendstilbauten größtenteils durch private Initiative instandgesetzt. Quelle: dpa
Die niedrigsten Mieten - Platz 4In der Stadt Gera ist es ebenfalls möglich, günstig Wohnungen zu mieten. Mit 5,24 Euro pro Quadratmeter ist die Stadt auf dem 110. Rang des empirica Miet- und Kaufpreisrankings. Bekannt für die Stadt im Osten Thüringens ist vor allem die größte und bedeutendste deutsche Schwarzbierbrauerei des Nachbarortes Köstritz. Eine kulinarische Spezialität ist die Gersche (Geraer) Fettbemme – eine Brotscheibe (Bemme), bestrichen mit Schmalz. Quelle: dpa
Die niedrigsten Mieten - Platz 5Leipzig, beliebtes Ziel für Städtereisen, bietet neben vielen Sehenswürdigkeiten, wie das Völkerschlachtdenkmal, auch günstige Mietpreise. 5,59 Euro kostet der Quadratmeter laut empirica, wenn man Wohnungen ab dem Baujahr 2000 mietet. Leipzig, einst als Heldenstadt wegen der erfolgreichen Montagsdemonstrationen im Jahr 1989 bezeichnet, lebt durch seine musikalische, architektonische und historische Vielfalt. Eine der ältesten Universitäten Deutschlands für Handel und Musik zieht besonders viele Studenten nach Leipzig, die dort praktischerweise auch günstig wohnen können. Quelle: dpa
Die niedrigsten Mieten - Platz 6Mit 5,70 Euro pro Quadratmeter ist günstiges Wohnen auch in Neubrandenburg möglich. Der Preis ist im 4. Quartal 2011 leicht gefallen, betrachtet man den vorherigen von 5,83 Euro. Damit landet die Stadt auf dem Rang 108 des emprica Kauf- und Mietpreisrankings. Die Stadt auf der mecklenburgischen Seenplatte wird auch die „Vier-Tore-Stadt“ aufgrund der vier erhaltenen Stadttore. Quelle: PR
Die niedrigsten Mieten - Platz 7Eine der grünsten Städte Deutschlands glänzt nicht nur mit zahlreichen Schloss- und Parkanlagen, sondern auch mit niedrigen Mietpreisen. Für Wohnungen, die seit dem Jahr 2000 gebaut wurden, wird in Dessau pro Quadratmeter 5,73 Euro in den letzten drei Monaten des Jahres 2011 verlangt - dies zeigt die Studie der Marktforscher von empirica. Die Stadt ist allerdings regelmäßig von Hochwasser bedroht, da sie inmitten einer ausgedehnten Auenlandschaft der unteren Mulde liegt, die nördlich der Stadt in die Elbe mündet. Quelle: dpa/picture alliance

Stark überzeichnet

Für Peter Greulich klingt das alles nach Verschwörung. Der schlanke Mittfünfziger ist seit über zehn Jahren Stadtdirektor in Duisburg und strahlt das lässige Selbstbewusstsein eines Chefarztes aus. Natürlich gebe es Probleme, sagt Greulich, im Ruhrgebiet und auch in Duisburg, aber in der aktuellen Diskussion werde doch alles stark überzeichnet: „Insgesamt sehe ich die Zukunft der Stadt sehr positiv.“ Dass Duisburg selbst im Ruhrgebiets-Vergleich eine der höchsten Arbeitslosenquoten aufweist? „Der Strukturwandel ist hier halt noch im vollem Gange.“ Die Leerstandsquote, die in manchen Vierteln bei über zehn Prozent liegt? „Es gibt in einzelnen Vierteln sicher noch einigen Nachholbedarf.“ Die anhaltende Abwanderung, obwohl die Stadt doch in den vergangenen 30 Jahren schon mehr als 100.000 Einwohner verloren hat? „Wir müssen mehr attraktiven Wohnraum für junge Familien schaffen.“

Rund ums Rathaus hat sich Duisburg bereits fein gemacht. Der Binnenhafen zählt architektonisch und wirtschaftlich zum Spannendsten, was die Gegend zu bieten hat. Die Einkaufsmeilen der Stadt füllen sich langsam wieder mit Menschen, seit der Neuigkeitswert einer Einkaufswelt im benachbarten Oberhausen sinkt. Und die unsägliche Autobahn A 59, die das Stadtzentrum in zwei Teile schneidet, wird gerade unter die Erde verbannt. Wenn jetzt noch das neue Outlet-Center und der Rheinpark im Problemviertel Hochfeld fertig werden, meint Greulich, dann stehe es um Duisburgs Zukunft gar nicht so schlecht.

Stolz und Heimat

Duisburgs Gegenwart abseits der Großprojekte liegt sechs Kilometer von Greulichs Büro entfernt, auf der nördlichen Seite der Ruhr, von der Innenstadt getrennt durch den Hafen, im Stadtteil Beeck, im Viertel von Ahmet Boztepe: eine bröckelnde Häuserreihe, an den Fassaden eine Reihe türkischsprachiger Schilder, dahinter ein Koloss aus Eisen, Backstein und Beton – das Stahlwerk Bruckhausen, Stolz und Heimat des Thyssen-Konzerns, bis heute das größte Stahlwerk im ThyssenKrupp-Verbund. Boztepe ist ein türkischstämmiger Duisburger; er berät Existenzgründer, die sich hier niederlassen wollen, aber so richtig begeistert ist er von seiner Heimat selbst nicht mehr.

„Stadtteile wie Hochfeld oder Laar“, sagt Boztepe, „werden von Jahr zu Jahr trostloser, ohne dass die Stadt mit ihren wirtschaftlichen Beschränkungen etwas tut.“ Denn Duisburg ist mindestens so pleite wie seine Nachbarn. Die Stadt steht unter Haushaltssicherung, jede Ausgabe muss von der Bezirksregierung in Düsseldorf genehmigt werden. Gerade scheitert die Einschulung von ein paar Dutzend Kindern zugewanderter Bulgaren und Rumänen daran, dass die Stadt das Bahnticket nicht bezuschussen kann. Es ist schon kurios: Boztepes Vorfahren sind nach Deutschland gekommen, weil die Wirtschaft hier brummte; heute brummt die Wirtschaft in der Türkei, und die Wanderungsbewegung dreht sich um: „In Istanbul“, sagt Boztepe, „ist es für gut ausgebildete Deutschtürken viel leichter, einen guten Job zu bekommen, als in Duisburg.“

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