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Städtebau Im Ruhrgebiet wächst das Elend - und der Neid

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Die Rettung von Eisenhüttenstadt

Freie Platzwahl: Eisenhüttenstadt hat eine moderne Infrastruktur - die Bevölkerung schrumpft trotzdem. Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Wachstum – daran ist in vielen Städten des Ostens seit 22 Jahren nicht zu denken. Eisenhüttenstadt zum Beispiel, das war einmal ein sozialistischer Traum, eine Planstadt und ein Stahlkombinat, 1950 erdacht, erbaut und stetig gewachsen. Im letzten Jahr der DDR-Geschichte lebten hier 53.000 Menschen in sieben Wohnkomplexen. Vier davon bilden bis heute das Zentrum südlich des Werkes, drei weitere fraßen sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren südlich und östlich ins Umland – und verbanden sich mit dem historischen Fürstenberg an der Oder.

Nach der Wende stellte sich in Eisenhüttenstadt die Existenz- und Zukunftsfrage. Das Kombinat beschäftigte damals 16.000 Menschen; es war nicht wettbewerbsfähig, ganz Eisenhüttenstadt wusste und bangte: Ohne Werk keine Stadt. Die Politik entschied sich, Eisenhüttenstadt zu retten – und ihre notfallmedizinischen Maßnahmen glückten: Die Treuhand verkaufte das Werk an einen belgischen Investor. Brüssel bezahlte einen großen Teil der 1,3 Milliarden Mark teuren Investitionen.

Das sind Deutschlands Problemzonen
Straßenbau: Der Investitionsstau führt zum VerkehrsinfarktDie A45 gilt als Deutschlands schönste Autobahn. Über Hügel und Täler schlängelt sie sich durch das Sauer- und Siegerland nach Hessen. Dennoch ist sie für die 10000 Lkw-Fahrer, die hier täglich unterwegs sind, ein Ärgernis: Allein im hessischen Teil gibt es ein Dutzend poröse Brücken, die mit nur 60 Stundenkilometern passiert werden müssen. Ein Abschnitt ist für schwere Lkw sogar vollständig gesperrt. Zwar hat der Staat längst begonnen, zu sanieren und zu erneuern – schließlich soll sich die Zahl der Lastwagen bis zum Jahr 2025 verdoppeln. Aber insgesamt kommt die Modernisierung viel zu langsam voran. Quelle: dpa
Das gilt für Straßen in vielen  Teilen Deutschlands. Ihr schlechter Zustand spiegelt den immensen Investitionsstau wider. Laut der Initiative „Pro Mobilität“ werden seit zehn Jahren nur rund fünf Milliarden Euro pro anno in die Bundesfernstraßen investiert. Es müssten aber mindestens acht Milliarden pro Jahr sein, zumal das Verkehrsaufkommen in den nächsten Jahren deutlich steigen wird. Quelle: dpa
Bei den kommunalen Straßen ist der Bedarf sogar noch größer. Hier müssten statt jährlich fünf Milliarden eigentlich fast zehn Milliarden Euro investiert werden, sagt Wolfgang Kugele vom ADAC. „Rund die Hälfte der Straßen weist deutliche Schädigungen wie Risse, Schlaglöcher oder Verformungen auf.“ Quelle: dpa
Schulgebäude: Kommunen fehlt Geld für überfällige SanierungenMehr als ein Schulterzucken bekommt Monika Landgraf nicht als Antwort, wenn die Vorsitzende der Dortmunder „Stadteltern“ von Stadträten mehr Investitionen in Schulen fordert. Das nötige Geld, es ist einfach nicht da. Dabei würde es dringend gebraucht: An jeder zweiten der rund 200 Dortmunder Schulen müsste investiert werden, schätzt Landgraf – denn in Klassenzimmern bröckelt der Putz von den Wänden, Toiletten sind heruntergekommen, Turnhallen völlig veraltet. Quelle: dpa
Vielen Schulen fehle außerdem der Platz, um eine – seit der Umstellung auf den Ganztagsbetrieb wichtige – Mensa einzurichten. „Wie sollen Kinder auf diese Weise gute Lernleistungen erzielen?“, fragt Landgraf. Dortmund ist eher Regel- als Einzelfall: ob im Osten oder im Westen, im Norden oder Süden: Die Bedingungen für die Schüler sind fast überall schlecht. Der bundesweite Investitionsstau bei den Schulgebäuden beträgt nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Urbanistik 70 Milliarden Euro. Bei den Sportstätten sind es nach Angaben des Deutschen Sportbunds 40 Milliarden. Quelle: dpa
Doch nicht nur in die Gebäude, auch in die Lehre investiert Deutschland zu wenig: Mit Bildungsausgaben in Höhe von knapp fünf Prozent der Wirtschaftsleistung liegt das Land im Ranking der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf dem drittletzten Platz. Quelle: ap
Bahn: Manche Reisen dauern heute länger als vor dem KriegWer in Deutschland auf eine verspätete S-Bahn warten muss, wird inzwischen zumindest gut informiert. Selbst an kleinen Haltepunkten gibt es jetzt „dynamische Schriftanzeiger“, über die die aktuelle Verspätung flimmert. Rund 2800 dieser Anzeiger hat die Bahn mit Geldern der Konjunkturpakete finanziert. Doch an den vielen Zugverspätungen werden diese Zusatzinvestitionen kaum etwas ändern können: Quelle: dpa

Seither befindet sich Eisenhüttenstadt auf der Intensivstation. Die Stadt schrumpft und schrumpft, weshalb die proportionalen Kosten zur Aufrechterhaltung ihrer Vitalfunktionen steigen und steigen – mit jedem Einwohner, den die Stadt verliert: die laufenden Kosten, also der Betrieb von Bücherei, Schwimmbad, Sporthalle und Kulturzentrum – Einrichtungen, die von zunehmend weniger Menschen genutzt werden. Aber natürlich auch die Kosten der Rettung von damals, als man noch meinte, mit der Rettung des Werkes 50.000 Menschen helfen zu können. Man muss wissen, um die Lage des Ostens wirklich zu verstehen: dass aus einem heute investierten Euro in Eisenhüttenstadt durch kein Wachstum der Welt morgen zwei werden können, sondern dass hier seit 20 Jahren jeder Euro, den man für Eisenhüttenstadt aufwendet, eigentlich mit zwei Euro zu Buche schlägt, weil die Hälfte der Leute, die man ursprünglich fördern wollte, längst woanders ist.

Sinkende Einwohnerzahl

Vor elf Jahren, kurz vor dem Start von „Stadtumbau Ost”, war Christiane Nowak noch optimistisch. Damals sah sie Eisenhüttenstadt im Jahre 2015 bei 35.150 Einwohnern stehen. Weitere 15 Prozent weniger in 15 Jahren, das war zwar keine erbauliche Perspektive, aber immerhin: eine Perspektive. Und mit so einer Perspektive lässt sich arbeiten, dachte Christiane Nowak – bis sie zwei Jahre später (2003) die nächste Prognose las: Danach landete Eisenhüttenstadt in 2015 bei 32.830 Einwohnern.

Seither regiert die Bereichsleiterin Stadtentwicklung und Stadtumbau im Zwei-Jahres-Rhythmus sinkenden Prognosen und Einwohnerzahlen hinterher. Im Moment sind es weniger als 30.000. In drei Jahren sollen es nur noch 26.350 sein. „Eisenhüttenstadt entwickeln, das bedeutet: Eisenhüttenstadt muss attraktiv werden durchs Kleinerwerden“, sagt Christiane Nowak – und wer mir ihr durch den Wohnkomplex II marschiert, eine frisch sanierte Sozialismus-Siedlung der schönsten Art – Flachdach-Häuser, blockhaft einander zugewandt, bekrönt mit hübschen Attiken, dazwischen viel Erholungsgrün –, der wird ihr sogleich gratulieren: Alles richtig gemacht!

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