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Städteranking 2021 Das Ruhrgebiet bekommt Vorbildcharakter

Im alten Verwaltungsgebäude des Autobauers Opel fördert die Ruhr Universität Bochum (RUB) heute Start-ups. Quelle: Bochum Perspektive

Das seit Jahrzehnten vom Strukturwandel gebeutelte Ruhrgebiet entwickelt sich in manchen Bereichen zum wirtschaftlichen Geheimtipp – vor allem für Start-ups. Ein Besuch in Bochum.

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Auf dieser Baustelle herrscht noch keine Winterpause: Geschäftig transportieren Kipplaster die ausgehobene Erde weg; auf der einen Seite des Areals reißen Arbeiter die letzten Reste der alten Opel-Werkshallen ab, während auf der anderen Seite Baufirmen bereits erste Bürogebäude hochziehen. Mittendrin sortiert DHL bereits Pakete in einem neuen Logistikzentrum. Willkommen in Bochum beim Projekt „Mark 51°7“ . Auf dem 70 Hektar großen Areal entsteht bis 2025 ein neues Zentrum für Wissenschaft und Wirtschaft. 10.000 neue Arbeitsplätze sollen hier entstehen, das wären dreimal mehr Jobs, als sie zuletzt der Autobauer Opel angeboten hatten, bevor er sein Werk 2014 dicht machte.

Das Projekt steht sinnbildlich für den Wandel im Ruhrgebiet. Von Strukturwandel im Ruhrgebiet wird schon so lange gesprochen, dass die Menschen der Region es nicht mehr hören können. „Wandel hat es hier immer gegeben. Die Region muss sich permanent neu erfinden“, sagt Sven Frohwein, Sprecher von Bochum Wirtschaftsentwicklung. Die Zeiten, in denen die Kohlezechen schlossen und große Unternehmen wie Nokia und Opel abzogen, sind für die Einwohner zwischen Rhein und Ruhr zwar nicht vergessen. Aber sie sind vorbei.

Was Wirtschaftskraft und Wohlstand angeht, ist das Ruhrgebiet mit seinen mehr als fünf Millionen Einwohnern zwar nach wie vor ein Sorgenkind. Im Niveauranking des Städtetests von WirtschaftsWoche, IW Consult und Immoscout24, bleiben alle Ruhrgebietsstädte im hinteren Bereich. Am besten schneidet noch Mülheim an der Ruhr ab – auf Platz 48 von 71.

Doch im Dynamikranking, das die Veränderungen der vergangenen Jahre berücksichtigt, können sich neben Bochum auch fast alle anderen Großstädte von Rhein und Ruhr nach vorn schieben, nur Oberhausen und Duisburg rutschen weiter ab. Dortmund gewinnt elf Ränge und schafft es sogar auf Platz fünf. Essen (Platz 38, plus 12) und Herne (Platz 42, plus 17) rücken ins gesamtdeutsche Mittelfeld.

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    Das 70 Hektar große Areal ist fast komplett verkauft. Quelle: K+S Studios GmbH

    Dass die Region sowohl als Wirtschaftsstandort als auch Lebensort wieder attraktiver werden, liegt an mehreren Faktoren. Eins davon ist die dichte Forschungslandschaft im Pott. 22 Hochschulen, davon fünf Universitäten, haben ihren Sitz im Ruhrgebiet. Dazu kommen noch etliche Forschungseinrichtungen von Gesellschaften wie Max Planck, Leibniz und Fraunhofer. Vielerorts habe sich „ein spannendes wirtschaftliches Ökosystem etabliert“, mit guter Infrastruktur und „Exzellenzinseln“ in der Forschung, sagt IW-Consult-Experte Hanno Kempermann.

    Unis als Innovationstreiber

    Die Hochschulen werden daher zunehmend zum Innovationstreiber im Ruhrgebiet. Die Ruhr Universität Bochum (RUB) etwa ist der größte Arbeitgeber in der Stadt, bildet dringend benötigte Fachkräfte aus, sorgt für Start-up-Gründungen – und lockt dadurch auch neue Unternehmen an, die nicht mehr im Entferntesten etwas mit Kohle und Stahl zu tun haben.

    Immer mehr junge Arbeitskräften zwischen 25 und 30 Jahren ziehen deshalb nach Bochum. Die Arbeitsplatzversorgung ist seit 2014 um 4,6 Prozent gestiegen, die Jugendarbeitslosigkeit überdurchschnittlich gesunken. Der Lohn: Im Dynamikranking des Städtetests konnte sich Bochum um 16 Plätze auf Rang 21 vorschieben.

    „Die Unternehmen kommen wegen den Studierenden hier hin“, glaubt Friederike Schneider, Leiterin des Start-up-Inkubators „Cube 5“. Sie und ihr Team beraten Gründungsinteressierte und Start-ups aus dem Bereich IT-Sicherheit. In diesem Feld mischt Bochum mittlerweile in der obersten Liga mit. Am Horst-Görtz-Institut für IT-Sicherheit etwa forschen Wissenschaftler daran, wie Anwendungen und Daten vor Hackern gesichert werden können. Dabei wird den Studierenden auch „Gründergeist mitgegeben“, wie es Schneider nennt. Erste Ausgründungen wie die Cyber-Security-Firma Escrypt wurden bereits von großen Unternehmen aufgekauft, in diesem Fall von Bosch. Jetzt gehört Escrypt zu einem der vielen Firmen, die auf das alte Opel-Gelände ziehen.



    Damit sich demnächst noch mehr Start-ups in Bochum gründen, hat die RUB im alten Verwaltungsgebäude des Opelgeländes einen „Makerspace“ eingerichtet. Auf zwei Etagen haben Studierende dort die Möglichkeit, ihre Geschäftsideen auszutesten. Sie können erste Prototypen aus Metall drechseln oder in 3D drucken, Modelle aus Holz basteln, eine VR-Brille oder den Co-Working-Bereich nutzen. „Der Bedarf ist groß“, sagt Anna-Lena Zinnhardt, Leiterin der Holzwerkstatt. In Workshops wird zudem unternehmerisches Wissen vermittelt; Firmen und Studierende können sich vernetzen.

    Imagewandel: Innovation statt Kohle und Stahl

    Das Image als innovative Städteregion ist allerdings noch brüchig. Noch immer denken viele beim Ruhrgebiet zuerst an Kohle und Stahl. Im 19. Jahrhundert hatte das Ruhrgebiet seinen wirtschaftlichen Höhepunkt erreicht, als eines der wichtigsten Kohlegebiete Europas. Die Stahlindustrie wurde ein großer Arbeitgeber, immer mehr Arbeiter zogen in die Region, um in den Zechen zu arbeiten. Doch mit der Kohlekrise in den 1950er-Jahren endete diese Ära. Bis heute sind die Überreste dieser Zeit zu finden: Zechen, alte Industriewerke und Arbeitersiedlungen. „Das Ruhrgebiet muss sich eine neue Geschichte überlegen, die es nach außen verkauft“, sagt IW-Consult-Experte Kempermann.



    Günstige Mieten locken Arbeitnehmer

    Eine Geschichte, die zum Beispiel die Zukunft in den Blick nimmt. Denn so gut wie jede Stadt hat ihren eigenen innovativen Fokus gefunden: Gelsenkirchen setzt mit einem Forschungsinstitut auf Internet-Sicherheit, in Duisburg werden Wasserstoff und Batteriezellen erforscht, Dortmund ist in der Informationstechnologie und der Logistik stark.

    Das lockt Zukunftsbranchen an, so auch in Bochum auf der ehemaligen Opel-Fläche. VW will dort Software für seine Autos entwickeln, IT-Unternehmen werden neue Sicherheitslösungen entwickeln, und die Grundlagen dazu erforscht dann das neue Max-Planck-Institut für Sicherheit und Privatsphäre. Diese Mischung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft scheint anzukommen: Das Opel-Gelände, so berichtet Wirtschaftsförderer Frohwein, sei bereits fast vollständig ausgebucht. Auch der Gesundheitscampus, ein weiteres großes Gewerbegebiet mit Unternehmen und einer Hochschule, ist voll. Aktuell sucht die Stadt ein neues Gelände.

    Was den Zuzug qualifizierter Fachkräfte ins Revier erleichtert: Die Mieten sind noch vergleichsweise günstig. In Mülheim an der Ruhr etwa zahlen Mieter im Schnitt 7,90 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: In München sind es fast 18 Euro. Auch punkten Ruhrgebietsstädte wie Hamm, Bochum und Dortmund durch einen stetigen Ausbau der Kitaplätze. Auch die Straftaten gehen seit Jahren zurück. In Mülheim an der Ruhr etwa sank die Kriminalität im vergangenen Jahr im Vergleich zu 2015 um 39 Prozent – das ist der stärkste Rückgang aller 71 untersuchten deutschen Großstädte. Danach folgen Essen (Platz 2), Bochum (Platz 7), Dortmund (Platz 9) und Bottrop (Platz 10). Auch solche Faktoren sorgen dafür, dass Hochschulabsolventen nach ihrem Abschluss nicht direkt das Weite suchen.

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      Doch ohne eines würde der Wandel im Pott nicht gelingen: Geld. Allein der Abbau der Opelhallen und die Wiederaufbereitung der Fläche hat 160 Millionen Euro gekostet. Zu viel für die Stadt Bochum allein. Deshalb hat das Land Nordrhein-Westfalen die Hälfte bezahlt und so das neue Gewerbegebiet erst möglich gemacht. „Die hohe Verschuldung vieler Städte und Kommunen macht die Erschließung neuer, attraktiver Gewerbegebiete schwierig“, bestätigt IW-Consult-Analyst Kempermann. Genug alte Industriebrachen zum Umwandeln wären aber vorhanden.

      Derweil scheint es sich auch jenseits der Landesgrenzen herumzusprechen, dass das Ruhrgebiet mehr ist als eine Region des chronischen Niedergangs: Jüngst informierten sich chinesische Wissenschaftler bei einem Workshop mit der RUB und der Technischen Universität Berlin, wie der technologische Strukturwandel in der alten Kohleregion voranschreitet.

      Mehr zum Thema: Der große Städtetest 2021: 71 Kommunen, 105 Kriterien. Wie Ihre Stadt abschneidet bei Jobs, Immobilien, Lebensqualität – und warum Provinzzentren im Kommen sind.

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