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Städtetest 2009 Provinzstädte finden zu neuer Größe

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Baukräne um Hamburgs Quelle: AP

Dabei schienen die ostdeutsche Wirtschaftsmetropole Leipzig oder das aus dem Boden gestampfte High-Tech-Zentrum Dresden in unseren früheren Rankings langsam, aber sicher aus den Niederungen des Ex-Kommunismus aufzusteigen. Umso heftiger jetzt der tiefe Fall. Um 18 Rangplätze fiel Dresden von den Top Ten ins Mittelfeld zurück, Leipzig sackte vom 23. auf den 43. Platz.

Und warum? Weil Leipzig nach der Wende von einer schmuddeligen Industrie- und Braunkohlestadt zur Kultur– und Dienstleistungsmetropole werden wollte, wurden Banken und Versicherungen angelockt, Millionen öffentlicher Mittel in Theaterbauten, Opernhäuser und den Zoo gesteckt, es wurde in Fußballstadien und in die Restaurierung alter Prunkbauten investiert. Was fehlte, war die Industrie. Spektakuläre Ansiedlungen von Großunternehmen wie BMW, Porsche und DHL haben daran nichts Grundlegendes geändert: Die Großen mit jeweils ein paar Tausend Arbeitsplätzen haben am Ort keine Zulieferer und lösen darum keine Breitenwirkung aus. „Die Automobilindustrie in Leipzig ist eher so etwas wie eine verlängerte Werkbank der Konzerne und funktioniert weitgehend unabhängig von der städtischen Wirtschaft“, erklärt Martin Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Darum gibt es in Leipzig kaum industrienahe Forschung, kaum Arbeitsplätze für Facharbeiter und niedrig Qualifizierte und eine Arbeitslosenquote von derzeit fast 15 Prozent. „Wir müssen einen stärkeren Fokus auf die Entwicklung des Mittelstandes richten“, sagt Thomas Hofmann, Hauptgeschäftsführer der Leipziger Industrie- und Handelskammer.

Sicher richtig, aber das haben in anderen deutschen Städten die Verantwortlichen schon viel früher erkannt. Der Lohn folgt in Form von zunehmendem Wohlstand – und in unserem Test in Ranking-Sprüngen nach oben.

Absteiger an der Ruhr

Das gilt vor allem für eine Region, die bezeichnenderweise noch nicht einmal einen flächendeckenden Namen hat: Deutschlands Nordwesten von der untypischen ehemaligen Ruhrstadt Hamm im Süden bis zu der Beinahe-Küstenstadt Oldenburg im Norden. Alles mittelgroße Großstädte mit viel Mittelstand, zum Teil erheblicher Forschungsintensität wie in den Universitätsstädten Münster, Bielefeld und Oldenburg, mit vielen Dienstleistern, die in den vergangenen Jahren den Weltmarkt entdeckt haben. Das Zentrum der Aufsteigerregion ist Münster, seit Jahren neben den viel größeren Metropolen München, Düsseldorf, Hamburg und Stuttgart beständig in unserer Spitzengruppe, gerade auch beim Dynamik-Ranking. Dicht benachbart jenseits der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen liegt Osnabrück, die deutsche Stadt, in der sich Unternehmer subjektiv am besten fühlen. Überall gibt es dynamische städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaften.

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Standort erkennen

    Aber vor allem gibt es das nicht, was die Absteiger an der Ruhr und in Sachsen offenbar lange Zeit im Übermaß hatten: Geld vom Staat für ansiedlungswillige Unternehmen. Keine Subventionen – das gehört zu den Geheimnissen der Boomregion Nordwest. „Unternehmer finden es klasse, wenn sie Zuschüsse bekommen“, sagt Thomas Robbers, Chef der Wirtschaftsförderung Münster, „aber als handlungsleitendes Motiv für die Ansiedlung trägt das nicht lange. Nachhaltige Argumente – das sind unsere Lage und unsere Arbeitskräfte.“

    Nicht nur die Lage ist für wirtschaftliche Standorte wichtig, es zählt auch die Lebensqualität. Der Mühlenunternehmer Andreae-Jäckering aus Hamm, gebürtiger Rheinländer, wohnt seit Jahrzehnten in Münster, der heimlichen Hauptstadt der Nordwest-Boomregion: „Man setzt sich am Wochenende aufs Fahrrad, fährt in die Innenstadt und trifft ganz zufällig die interessantesten Leute – in Berlin oder München ginge das nicht.“

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