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Städtetest 2009 Provinzstädte finden zu neuer Größe

Der Städtetest der WirtschaftsWoche zeigt, wo es sich in Deutschland am besten leben und arbeiten lässt. Die Überraschung: Es ist die Provinz, die aus eigener Kraft zu neuer Größe findet – und das ganz ohne Subventionen.

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Schloss in Münster Quelle: dpa

Weltstädte brauchen keinen wie Eberhard Wiedemann – in der Provinz ist das anders. Hamm in Westfalen, unter den 50 größten deutschen Städten sicher nicht die renommierteste, ist aufgeblüht. Als Erklärung fällt einem mittelständischen Unternehmer am Ort erst einmal jener Herr Wiedemann ein, langjähriger Chef der örtlichen Wirtschaftsförderungsgesellschaft. „Das ist ein Hyperdynamiker“, sagt Michael Andreae-Jäckering, Geschäftsführer der Jäckering Mühlen- und Nährmittelwerke in Hamm, „einer, der hinter jedem hergerannt ist, und das mit Erfolg.“

Das Resultat wird sichtbar auf den Grundstücken der einstigen Kohlebergwerke, auf denen derzeit ein Unternehmen nach dem anderen einen Betrieb eröffnet. Das unterscheidet Hamm von den Städten weiter westlich im Herzen des Ruhrgebiets. Auch dort starben die Zechen, doch von Aufbruch ist da viel mehr zu hören, als zu sehen.

Zum sechsten Mal seit 2004 haben WirtschaftsWoche, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die Kölner IW Consult die 50 größten deutschen Städte einem umfassenden Test unterzogen. Betrachtet wurden dabei insgesamt 96 ökonomische, soziale und politische Indikatoren. Die Gesamtwertung setzt sich zusammen aus der Bewertung des Status quo (Niveau-Ranking) und den Veränderungen einzelner Indikatoren über die Jahre (Dynamik-Ranking).

Ergebnis: München ist und bleibt die Wirtschaftshauptstadt Deutschlands. Die Münchner sind im Durchschnitt die reichsten deutschen Großstädter (fast 26 000 Euro Kaufkraft pro Einwohner), zahlen weit mehr Einkommensteuer als alle anderen, haben im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Arbeitsplätze, das beste Lehrstellenangebot und die wenigsten Hartz-IV-Empfänger. Ältere Arbeitnehmer sind fast nirgendwo sonst so häufig in Lohn und Brot, und dasselbe gilt für die Frauen in München. Ein graues Wölkchen trübt dennoch den weiß-blauen Himmel: In der Dynamik-Wertung schaffte es der Gesamtsieger diesmal nur auf Rang 33. Noch im Vorjahr kam München hier auf Platz 11. So etwas dürfe man aber nicht überbewerten, sagt Christian Buchweitz, der bei IW Consult den Städtetest betreut: „München hat inzwischen in vielen Kategorien eine so gute Stellung, dass überdurchschnittliche Verbesserungen kaum noch vorstellbar sind.“

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    Hamburger können stolz sein

    Umso mehr können Wirtschaft und Bürger in Hamburg stolz auf ihr Abschneiden sein. Denn obwohl auch die Freie und Hansestadt in der Niveau-Wertung traditionell einen der Spitzenplätze belegt, stiegen die Hamburger in diesem Jahr auch zum Dynamik-Spitzenreiter auf. Das Ergebnis beruht erst einmal auf tief greifenden Strukturverbesserungen, die schon mit dem Fall der nahe gelegenen innerdeutschen Grenze vor zwei Jahrzehnten begonnen haben.

    Keine andere deutsche Großstadt hat aber auch vom wachsenden Welthandel im Zeichen der Globalisierung so profitiert wie die große Hafenstadt, die überdies dank Airbus und Lufthansa ihre Bedeutung als weltweit drittgrößter Standort der zivilen Luftfahrtindustrie ausbauen konnte. Mit dem gigantischen Stadtentwicklungs- und Bauprojekt der Hafen-City gibt sich Hamburg derzeit ein neues Gesicht – Lebensqualität und Attraktivität steigen, es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland.

    Oder doch? Auf der Immobilienmesse Expo Real in München präsentierte vergangene Woche die nach Einwohnern neuntgrößte deutsche Stadt ein optisch wunderschönes, riesiges Erschließungsprojekt nahe der engen bisherigen Innenstadt. Nicht weit von diesem geplanten Universitätsviertel will demnächst einer der größten deutschen Konzerne sein Hauptquartier beziehen, inmitten eines futuristischen Bürohausstreifens, der im Modell an die Pariser Hochhaus-Vorstadt La Défense erinnert.

    Der Konzern ist ThyssenKrupp, und die Stadt ist ausgerechnet Essen – also der große Verlierer unseres Rankings, zusammen mit den meisten Nachbarstädten im Ruhrgebiet. Essen stieg im Gesamtranking elf Plätze ab und hat beim Dynamik-Ranking die rote Laterne gewonnen: Keine andere große Stadt hat sich im vergangenen halben Jahrzehnt so schlecht entwickelt wie Essen, das sich anschickt, 2010 zusammen mit ihren Nachbarn als Kulturhauptstadt Europas zu glänzen. Trotz der vielen Unternehmenszentralen, trotz der Bauprojekte und der jahrzehntelangen Förderung des Ruhrgebiets mit öffentlichen Mitteln und trotz der schönen Pläne für die Verwandlung des alten Kohle-und-Stahl-Reviers.

    Der Abstieg der Ruhrstädte ist ein ernüchterndes Ergebnis des Städterankings 2009. Ernüchternd, weil gerade diese Region seit Jahrzehnten mit massiver politischer Unterstützung von Bund und Bundesland den Strukturwandel herbei betet und jetzt von den Kulturhauptstadt-Werbern als „Land der Passagen im Aufbruch“, als „Metropole im Werden auf dem Weg von der Industrie- in die Informations- und Wissensgesellschaft“ vermarktet werden soll. Doch offenbar kann auch ein Übermaß an öffentlicher Förderung, Subventionierung der Wirtschaft und generalstabsmäßiger Planung allenfalls mäßigen Erfolg erzielen. An der Ruhr scheint das nicht anders zu sein als in den neuen Ländern, wo seit immerhin zwei Jahrzehnten eine ähnliche Strategie ausprobiert wird.

    Baukräne um Hamburgs Quelle: AP

    Dabei schienen die ostdeutsche Wirtschaftsmetropole Leipzig oder das aus dem Boden gestampfte High-Tech-Zentrum Dresden in unseren früheren Rankings langsam, aber sicher aus den Niederungen des Ex-Kommunismus aufzusteigen. Umso heftiger jetzt der tiefe Fall. Um 18 Rangplätze fiel Dresden von den Top Ten ins Mittelfeld zurück, Leipzig sackte vom 23. auf den 43. Platz.

    Und warum? Weil Leipzig nach der Wende von einer schmuddeligen Industrie- und Braunkohlestadt zur Kultur– und Dienstleistungsmetropole werden wollte, wurden Banken und Versicherungen angelockt, Millionen öffentlicher Mittel in Theaterbauten, Opernhäuser und den Zoo gesteckt, es wurde in Fußballstadien und in die Restaurierung alter Prunkbauten investiert. Was fehlte, war die Industrie. Spektakuläre Ansiedlungen von Großunternehmen wie BMW, Porsche und DHL haben daran nichts Grundlegendes geändert: Die Großen mit jeweils ein paar Tausend Arbeitsplätzen haben am Ort keine Zulieferer und lösen darum keine Breitenwirkung aus. „Die Automobilindustrie in Leipzig ist eher so etwas wie eine verlängerte Werkbank der Konzerne und funktioniert weitgehend unabhängig von der städtischen Wirtschaft“, erklärt Martin Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Darum gibt es in Leipzig kaum industrienahe Forschung, kaum Arbeitsplätze für Facharbeiter und niedrig Qualifizierte und eine Arbeitslosenquote von derzeit fast 15 Prozent. „Wir müssen einen stärkeren Fokus auf die Entwicklung des Mittelstandes richten“, sagt Thomas Hofmann, Hauptgeschäftsführer der Leipziger Industrie- und Handelskammer.

    Sicher richtig, aber das haben in anderen deutschen Städten die Verantwortlichen schon viel früher erkannt. Der Lohn folgt in Form von zunehmendem Wohlstand – und in unserem Test in Ranking-Sprüngen nach oben.

    Absteiger an der Ruhr

    Das gilt vor allem für eine Region, die bezeichnenderweise noch nicht einmal einen flächendeckenden Namen hat: Deutschlands Nordwesten von der untypischen ehemaligen Ruhrstadt Hamm im Süden bis zu der Beinahe-Küstenstadt Oldenburg im Norden. Alles mittelgroße Großstädte mit viel Mittelstand, zum Teil erheblicher Forschungsintensität wie in den Universitätsstädten Münster, Bielefeld und Oldenburg, mit vielen Dienstleistern, die in den vergangenen Jahren den Weltmarkt entdeckt haben. Das Zentrum der Aufsteigerregion ist Münster, seit Jahren neben den viel größeren Metropolen München, Düsseldorf, Hamburg und Stuttgart beständig in unserer Spitzengruppe, gerade auch beim Dynamik-Ranking. Dicht benachbart jenseits der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen liegt Osnabrück, die deutsche Stadt, in der sich Unternehmer subjektiv am besten fühlen. Überall gibt es dynamische städtische Wirtschaftsförderungsgesellschaften.

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      Aber vor allem gibt es das nicht, was die Absteiger an der Ruhr und in Sachsen offenbar lange Zeit im Übermaß hatten: Geld vom Staat für ansiedlungswillige Unternehmen. Keine Subventionen – das gehört zu den Geheimnissen der Boomregion Nordwest. „Unternehmer finden es klasse, wenn sie Zuschüsse bekommen“, sagt Thomas Robbers, Chef der Wirtschaftsförderung Münster, „aber als handlungsleitendes Motiv für die Ansiedlung trägt das nicht lange. Nachhaltige Argumente – das sind unsere Lage und unsere Arbeitskräfte.“

      Nicht nur die Lage ist für wirtschaftliche Standorte wichtig, es zählt auch die Lebensqualität. Der Mühlenunternehmer Andreae-Jäckering aus Hamm, gebürtiger Rheinländer, wohnt seit Jahrzehnten in Münster, der heimlichen Hauptstadt der Nordwest-Boomregion: „Man setzt sich am Wochenende aufs Fahrrad, fährt in die Innenstadt und trifft ganz zufällig die interessantesten Leute – in Berlin oder München ginge das nicht.“

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