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Standort Deutschland „Wer erfolgreich sein will, muss Risiken eingehen“

Deutsche Start-ups zeigten im Verlauf der Coronakrise, dass Unternehmen auch ohne großzügige Gaben des Staates überleben können. Quelle: dpa

Deutschland braucht wieder mehr Unternehmergeist. Der Kommunikationsexperte Thorsten Beckmann beschreibt in einem Gastbeitrag,  wie eine dynamische Start-up-Kultur aussehen könnte - und wie sie entsteht.

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Thorsten Beckmann ist Geschäftsführer der Kommunikationsagentur Achtung GmbH mit Sitz in Hamburg, Köln, Düsseldorf und Berlin.

Deutschland steht 2020 an einem Scheideweg. Angela Merkel wird nach 16 Jahren die politische Bühne verlassen. Dann ist Platz für neue Ideen und mutige Zukunftsvisionen. Der Status Quo reicht keineswegs aus, um die deutsche Wirtschaft in eine verheißungsvolle Zukunft zu tragen. Die Zeiten, in denen das deutsche Powerhouse weltweit beneidet wurde, sind lange vorbei. Deutschland muss sich daher wieder auf das besinnen, was uns groß gemacht hat: den Unternehmergeist.

Dazu sind einige Grundvoraussetzungen wichtig: Deutschland braucht nicht mehr Einflussnahme durch den Staat, sondern weniger. Wir brauchen keine komplizierten Förderprogramme, sondern bessere Rahmenbedingungen. Zentral ist der Aufbau einer hervorragenden Infrastruktur und einer digitalisierten, transparenten Verwaltung, die für die Unternehmerinnen und Unternehmer arbeitet – den Rest erledigen diese schon selbst.

Das hat zuletzt etwa die deutsche Start-up-Szene bewiesen. Sie zeigte im Verlauf der Coronakrise, dass Unternehmen auch ohne großzügige Gaben des Staates überleben können. Obwohl viele junge Unternehmen bei den Coronahilfen durchs Raster fielen und sich selbst helfen mussten, blieb das befürchtete große Start-up-Sterben aus.

Die Unternehmensberatung EY hat gar einen gegenteiligen Trend registriert. Demnach gab es trotz der Pandemie einen deutlichen Anstieg bei der Anzahl von Finanzierungsrunden für Start-ups. 2020 fanden 743 Runden statt – ein Plus von sechs Prozent im Vorjahresvergleich und ein neues Allzeithoch. Durch diese private Finanzierung sicherten viele junge Unternehmen ihr Überleben. Dabei erwiesen sie sich als durchhalte- und anpassungsfähig und gingen oftmals gestärkt aus der Krise hervor.

Trotzdem hat Deutschland im Bereich des Risikokapitals weiterhin Nachholbedarf. Denn die gleiche Studie belegt, dass deutsche Start-ups mit 5,3 Milliarden Euro 2020 rund 15 Prozent weniger Kapital eingesammelt haben als im Jahr zuvor. Dieser Rückgang ist sicher hauptsächlich auf die Coronakrise zurückzuführen, er wirft aber auch ein Schlaglicht auf ein bekanntes Problem: Es gibt hierzulande zu wenig Geld für die Entwicklung von Unternehmen.

So erhielten Start-ups in Großbritannien laut EY 2020 mit 13,9 Milliarden Euro 25 Prozent mehr Geld als im Vorjahr – trotz Pandemie und Brexit. Auch in Frankreich stieg das Investitionsvolumen um 3,4 Prozent auf 5,2 Milliarden Euro an. Deutschland braucht also mehr Risikokapital, um mit den europäischen Nachbarländern mithalten zu können. Gerade der Bereich des Growth Capital ist noch zu wenig abgedeckt.

Wozu mehr Wachstumskapital Unternehmen befähigen kann, zeigte unlängst das Brillen-Start-up Mister Spex: Weil es dringend Geld brauchte, wäre es 2018 fast an die Börse gegangen – mit allen Risiken, die dieser Schritt für ein junges Unternehmen birgt. Denn je jünger das Start-up ist, desto weniger Zeit hatte es, sich zu professionalisieren und die Berichtsstrukturen aufzubauen, die es braucht, um Investoren zuverlässig zu informieren und das Vertrauen aufrechtzuhalten.



Mister Spex wusste um dieses Risiko und machte damals im letzten Moment einen Rückzieher, weil es doch noch gelang, ausreichend Kapital einzuwerben. Nun, nach drei Jahren gesunden Wachstums, ist Mister Spex an die Börse gegangen – und hat erfolgreich 245 Millionen Euro eingesammelt.

Das Beispiel illustriert, dass der Staat lieber bessere Rahmenbedingungen für Kapitalgeber schaffen sollte, als selbst mehr Finanzierungsprogramme aufzusetzen. Staatliche Förderprogramme für Start-ups können nie so schnell und agil handeln, wie es privaten Investoren und Investorinnen gelingt.

Private Investitionen haben noch einen weiteren Vorteil gegenüber öffentlicher Unterstützung: Sie können risikofreudiger sein. Denn wenn der Staat sich vorwagt und ein Unternehmen unterstützt, das anschließend scheitert, hagelt es anschließend verlässlich Kritik von allen Seiten. Politiker, die für die Förderung eingetreten sind, machen sich so angreifbar.

Zuletzt war dieser Reflex beim Scheitern des Impfstoff-Herstellers Curevac zu beobachten. Curevac hat nicht nur den Wettlauf um die erste Fertigstellung eines Corona-Impfstoffs verloren, sein Mittel ist auch deutlich weniger wirksam. Nun wird die Regierung dafür kritisiert, das Unternehmen mit 252 Millionen Euro gefördert zu haben. Mal wird bemängelt, dass die Regierung sich nach der Finanzierung nicht genug eingebracht habe, mal soll die Einmischung zu stark gewesen sein und habe folglich die Entwicklung gelähmt.

Dabei führt uns die Impfstoffentwicklung vor Augen, wie unvorhersehbar sich Finanzierungen entwickeln. Auch dem Curevac-Konkurrenten Biontech überwies der Staat 375 Millionen Euro – was in diesem Fall zu einem Welterfolg beitrug.

Wir alle täten gut daran, anzuerkennen, dass erfolgreiches Unternehmertum nur möglich ist, wenn Risiken eingegangen werden. Und Risiken können eben auch zum Scheitern führen. Gewöhnen wir uns dran! In Deutschland sollte auch eine Kultur des Scheiterns entstehen. Um zu wissen, was funktioniert, muss man es ausprobieren. Dafür braucht es Mut – und eine tolerante Umgebung, zu der jeder von uns beitragen kann.

Die Gesellschaft spielt noch bei einem weiteren Aspekt eine wichtige Rolle: der Bildung. Auch eine bessere unternehmerische Bildung kann dazu beitragen, dass das Unternehmertum hierzulande wieder aufblüht. Nur wenige bekommen den Gründergeist in die Wiege gelegt, daher sollten die Schulen die Grundzüge von Unternehmertum vermitteln.

Das NFTE-Netzwerk zeigt schon jetzt, wie das funktionieren kann: Der gemeinnützige Verein bildet Lehrer und Lehrerinnen in unternehmerischer Bildung aus und unterstützt sie dabei, Unternehmertum in Form von Projekten in die Schulen zu bringen. Das Ergebnis: Die Schülerinnen und Schüler haben mehr Selbstvertrauen, zeigen mehr Eigeninitiative und Unternehmergeist und entwickeln nebenbei auch noch gute Geschäftsideen.

Dabei sollte uns bewusst sein, dass gute Geschäftsideen nicht nur in deutschen Köpfen entstehen. Innovation lebt von Diversität. Darum brauchen wir endlich ein richtiges Einwanderungsgesetz. Wer in Deutschland gründen will, sollte mit offenen Armen empfangen und nicht von der Bürokratie abgeschreckt werden.

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Schon jetzt hat jeder zehnte Gründer in Deutschland einen ausländischen Pass. Einer der berühmtesten von ihnen ist wohl Naren Shaam, der in Indien aufgewachsen ist, in Harvard studiert hat, und 2012 in Berlin ein Reise-Start-up gegründet hat. Heute ist Omio mit einer Bewertung von über einer Milliarde Euro eines der wenigen deutschen Einhörner und beschäftigt 350 Mitarbeiter. Auch dieses Beispiel zeigt: Es geht doch! Wir müssen uns nur trauen.

Mehr zum Thema: In Großbritannien gibt es die meisten Einhörner Europas. Trotz des Brexits wachsen die Milliarden-Start-ups – weil sie sich ausprobieren dürfen.

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