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Stararchitekt Albert Speer "Architektur wird zweitrangig"

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Umweltstandards und Einkommen in den europäischen Hauptstädten

Was gefällt Ihnen an Shanghai, wo Sie in der Autostadt Anting ein Wohnviertel im deutschen Stil realisieren? Shanghai ist doch eher ein Symbol für Bausünden.

Es stimmt, dass die Entwicklungsschübe in vielen Bereichen schneller waren, als die Planer denken konnten. Aber sie haben gelernt. Heute darf niemand mehr beliebig Hochhäuser bauen. Es gibt Vorschriften und Höhenbegrenzungen. Die alte Bausubstanz wird geschont.

Nach dem großen Wurf hört sich das noch nicht an. Was macht Shanghai zu einem Modell der Stadtentwicklung?

Der entscheidende Ansatzpunkt ist die Aufteilung der Stadt in Distrikte mit Einwohnerzahlen zwischen einer und fünf Millionen. Sie regieren sich weitgehend selbst und entwickeln einen eigenen Charakter und eine eigene Identität. Auf diese Weise werden auch Megastädte wieder beherrschbar.

Die Stadt in der Stadt – ist das Ihr Rezept?

Das scheint mir ein zukunftsfähiger Ansatz zu sein. In Paris hat der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy vergangenes Jahr acht Architekturbüros eingeladen, über die Zukunft der Stadt nachzudenken. Ein Büro hat vorgeschlagen, Paris in fiktive Teilstädte von der Größe Lyons aufzusplitten und für jede eigene Pläne zu entwickeln. Ich halte diese Aufteilung in überschaubare Einheiten, die ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Strukturen haben, für den richtigen Weg, mit solch großen Ansammlungen von Menschen umzugehen. Darüber schwebt dann nur noch eine Koordinierungsstelle.

Das löst nicht das Problem, dass die Städte heute 80 Prozent der globalen Energien und der weltweiten Ressourcen verschlingen. Wie lässt sich diese Gefräßigkeit stoppen?

Ich bin überzeugt, dass die Welt nur Bestand hat, wenn die Städte weitgehend autark und nachhaltig werden.

Wie soll das konkret gehen?

Im Idealfall erreichen die Bewohner alles, was sie im Alltag benötigen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad: die Behörde, den Supermarkt, das Kino, den Sportplatz, das Café, den Park und natürlich die Arbeitsstelle. Selbst Fabriken lassen sich dank neuer Technik wieder mitten in der Stadt ansiedeln, wie das Beispiel der Gläsernen Manufaktur von Volkswagen in Dresden zeigt. Diese Nutzungsmischung vermeidet viel Verkehr und damit Emissionen.

Autark werden Stadtteile damit aber noch nicht.

Um ein angenehmes Stadtklima zu erzeugen und Erholungsräume vor der Tür zu schaffen, müssen grüne Zonen die Stadt durchziehen. Auch Landwirtschaftsflächen für die stadtnahe Versorgung mit Lebensmitteln müssen mitgeplant werden. Dann brauchen wir energieeffiziente Gebäude, eine dezentrale Versorgung mit Strom und Wärme über Blockheizkraftwerke, Mülltrennung und Kreisläufe für Trinkwasser und Abwasser.

Die Stadt als Biedermeier-Idylle?

Im Gegenteil. Hier in Frankfurt wurde das zugängliche Mainufer verlängert. Mit Erfolg: Statt wie früher raus aus der Stadt ins Grüne zu fahren, treffen sich viele Menschen jetzt hier, joggen, fahren Rad, rudern oder essen. In nächster Nähe sind Theater, Oper und Museen. Das nenne ich urbanes Leben, das die Umwelt schont.

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