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Start-ups Warum die neue Regierung wie ein Tech-Investor denken muss

„Was machen wir?“: Das müssen sich nicht nur Start-ups überlegen, sondern auch die neuen Ampel-Koalitionäre, die von der vorherigen Bundesregierung zahlreiche Baustellen bei der Start-up-Förderung hinterlassen bekommen hat.   Quelle: dpa

Die Angst vor Risiken dominiert die deutsche Start-up-Förderung. Vergabeverfahren sind oft kompliziert und schrecken ab, Milliarden bleiben liegen. Das muss sich ändern, wenn der Erfindergeist bewahrt werden soll. Ein Gastbeitrag.

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Dr. Rasmus Rothe ist Experte für künstliche Intelligenz (KI) und Computer Vision. Er ist Co-Gründer des Unternehmens Merantix, das den Transfer von KI-Forschung zur Anwendung in der Wirtschaft forciert. Er gehört zu den Initiatoren des AI Campus, einem Hub für die KI-Szene in Berlin, dazu ist er Gründungs- und Vorstandsmitglied des KI Bundesverbands.

Jeden Tag gibt es auf der Welt einen technologischen Durchbruch. Mal sind es Quantensprünge, mal Moonshots. Mal die USA, mal China – nur aus Europa hört man vor allem eine Art Nachrichten: Technologie muss reguliert werden. Gesetze wie der Digital Service Act, der Digital Markets Act oder gar der AI Act sind Ausdruck dieser Denkweise.

Was Europa und Deutschland fehlt, sind echte Innovationen. Thomas Sattelberger (FDP), neuer parlamentarischer Staatssekretär im Bildungs- und Forschungsministerium und zuvor langjähriger Vorstand in deutschen Konzernen, legt da den Finger genau in die Wunde: „Greentech, Biotech, Raumfahrt und Künstliche Intelligenz sind hierzulande unterentwickelt“, gab er im Interview mit der WirtschaftsWoche jüngst zu Protokoll.

Technologie-Transfer muss Priorität haben 

Doch es bewegt sich etwas. Der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP verheißt nicht nur dem Titel „Mehr Fortschritt wagen“ nach, dass es voran geht. Zahlreiche industrie- und digitalpolitische Ideen und Initiativen werden erwähnt. Für junge Deeptech-Unternehmen, die an künstlicher Intelligenz (KI), Blockchain oder anderen Basistechnologien arbeiten, macht der Absatz zu sogenannten „Reallaboren“ Hoffnung.

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    Dr. Rasmus Rothe ist Co-Gründer des Unternehmens Merantix, das auf künstliche Intelligenz (KI) spazialisiert ist. Er gehört zu den Initiatoren des AI Campus, dazu ist er Gründungs- und Vorstandsmitglied des KI Bundesverbands.

    Reallabore sind teils virtuelle Räume, innerhalb derer die Chancen und Grenzen von Technologien unter Realbedingungen erprobt werden können. Konkrete Gestaltungsideen lässt der Koalitionsvertrag aber missen.

    Ein positives Signal des Papiers ist auch, dass etwa die finanziellen Rahmenbedingungen für die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SprinD) optimiert werden sollen. Darin kann ein enormer Hebel liegen, um Deutschland nach vorn zu bringen. 

    „Brain Drain“ nach Shanghai und ins Silicon Valley

    Zu lange wurde zwar in der Forschung viel gemacht, aber der Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung durch Industrie und Wirtschaft vernachlässigt. Das ist auch beim „Brain Drain“ spürbar: An den Universitäten und Hochschulen werden Spitzenkräfte ausgebildet, die dann aber die lukrativeren Angebote aus dem Silicon Valley oder Shanghai annehmen.

    Dem soll nach Vorstellung der Ampel-Koalition nun auch eine neue Deutsche Agentur für Transfer und Innovation (DATI) entgegenwirken. Gemeinsam mit der SprinD muss die DATI zeigen, was staatliche Agenturen und Behörden beim so entscheidenden Technologietransfer von der Forschung in die Wirtschaft leisten kann. Noch ist unklar, wie die Agentur aufgebaut werden und arbeiten soll. Eine Chance, den Macherinnen und Machern Impulse zu liefern.

    Neue Fördermentalität: Push statt Pull

    Helfen würde vor allem eine neue Fördermentalität: Push statt Pull. Statt auf Bewerbungen zu warten (Pull), sollten vielversprechende Forschungsprojekte und Start-ups proaktiv angesprochen und gefördert werden (Push).

    Bisher ist die Antragsbürokratie nämlich ein großes Hemmnis, etwa beim Abruf der KI-Milliarden: Von den bereitgestellten fünf Milliarden Euro wurden bisher nur rund 300 Millionen Euro abgerufen. Sie müssen schneller verteilt und besser getrackt werden, um Aussagen über ihre Wirkung treffen zu können.

    Der Staat als moderner Venture-Capital-Investor

    Dazu sollte die Regierung noch stärker auf Expertinnen und Experten aus der Start-up-Szene und den Wirtschaftsverbänden setzen. Denn die dort ist die Arbeit nach klaren Kennzahlen lang geübt. Konkretes Vorbild für die Investitionen von Fördergeldern sollten Venture-Capital-Fonds sein, die Investment-Entscheidungen „deal by deal“ treffen, sich also nicht unbedingt zu eng auf eine Branche oder Technologie festlegen. Niemand weiß schließlich, in welchem Bereich der nächste Champion entsteht.

    Auch der Logik von Wagniskapitalgebern bei Investments zu folgen, hätte Vorteile: Projekte müssen oftmals eine Art detaillierten Drei-Jahres-Plan vorlegen, um eine Förderung zu bekommen. Ein Venture-Capital-Fonds dagegen fokussiert sich in frühen Phasen auf die Bewertung des Teams hinter einer Idee und dessen Vision. Zu Beginn wird dann vergleichsweise wenig Kapital investiert. Wenn das Start-up aber bestimmte Meilensteine erreicht und wiederholte, phasenabhängige Prüfungen besteht, legen die Investoren in weiteren Finanzierungsrunden nach. Mit diesem Ansatz ließe sich wertvolle Zeit sparen und gleichzeitig das Risiko verteilen.

    Staatliche Aufträge nicht nur für Konzerne  

    Deutschland behält seinen Erfindergeist nur, wenn neue Wege gegangen werden. Dazu müssen staatliche Aufträge endlich auch an kleine, innovative Unternehmen und nicht mehr nur an Konzerne vergeben werden. Eine solche Herangehensweise würde sich zweifach auszahlen: Einerseits soll laut Koalitionsvertrag die Verwaltung digitalisiert werden. Der Staat wird also zum Einkäufer digitaler Lösungen – warum nicht von Software, die Start-ups bauen? Mit dem GovTech Campus gibt es dazu sogar schon eine passende Plattform.

    Andererseits ist jeder Euro Umsatz das Vielfache eines Euros aus Förderungen wert. Denn die Bewertung eines Start-ups basiert zum Großteil, oft zum dreißigfachen Wert, auf dessen Umsätzen. Auch hier können die staatlichen Agenturen proaktiv dafür sorgen, dass mit Steuer- und – angesichts der drohenden sozialen Probleme – vor allem Rentengeldern vernünftig und zukunftsweisend umgegangen wird. Schließlich ist alles, was groß geworden ist, einmal klein gestartet. Der Mythos vom Silicon Valley ist ja auch nicht in Konzernzentralen, sondern in Garagen entstanden. Auch, weil die politischen Rahmenbedingungen gepasst haben.

    Daran arbeitet die neue Bundesregierung nun in besonderem Maße, gibt sich selbst viele Hausaufgaben auf. Ausbau der Infrastruktur, Digitalisierung der Verwaltung, Entbürokratisierung von Unternehmensgründungen. Wenn dafür das schon bereitliegende Investitionskapital endlich leichter verfügbar gemacht wird, macht Deutschland große Fortschritte.

    Mehr zum Thema: Die Ampel-Koalition will „mehr Fortschritt wagen“. Doch ihre technologiepolitischen Vorhaben klingen teils so kläglich wie ein steckengebliebenes Fax.

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