Stephans Spitzen

Der vergessene Gabriel

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Aufwischen müssen andere

Und nun kommt der Mann, der die große Koalition unter Angela Merkel jahrelang mitgetragen hat, der sich nach demokratischem Ermessen mitschuldig gemacht hat an dem, was er nun so vehement geißelt, und macht den Gerhard Schröder: „Sie kann es nicht“. So, als ob Merkel die Kindkaiserin wäre, die auf ihre Berater nicht hören will.

Sigmar Gabriel verzichtet auf SPD-Kanzlerkandidatur

War Angela Merkel also all die Jahre über tatsächlich das, was ihr die notorischen „Schreihälse“ vorwerfen, nämlich eine Alleinherrscherin, die über die alleingültige Wahrheit verfügt, weshalb alles, was sie dekretiert, „alternativlos“ sei? Sind Minister und Behörden willfährige Handlanger gewesen, die sich von der „mächtigsten Frau der Welt“ im Gewande moralischer Untadeligkeit blenden ließen? Hat ihr niemand gesagt, dass die Hilfsorganisation der UN dringend die längst zugesagten Gelder auch von Deutschland benötigte, um krisennahe Flüchtlingslager halbwegs menschengerecht zu unterhalten? Hat keiner gesehen, dass die Menschen längst unterwegs waren, von denen sich plötzlich alle so überrascht zeigten, als sie vor der Tür standen? Hat niemand Merkel gewarnt, dass Selfies mit Migranten ein falsches Signal sein könnten, dass eine carte blanche für alle Syrer nur den Fabrikanten gefälschter syrischer Pässe nützen würde?

Kurz: Sigmar Gabriels Kritik ist ebenso treffend wie verlogen. Vor allem kommt sie zu spät. Sie wird den Niedergang der SPD ebenso wenig aufhalten wie das erbarmungsvolle Hinabbeugen zu den „Zukurzgekommenen“, die von der Partei lange vernachlässigt wurden zugunsten modischer Symbolpolitik für städtische Minderheiten. Sollte Martin Schulz im Kampf um die Kanzlermacht auf Rotrotgrün setzen: viel Spaß dabei. Die Aussicht darauf wird CDU und AfD nützen.

Was wird nun aber aus Sigmar Gabriel – und: interessiert das noch jemanden? Vielleicht wird er nach den knapp 9 Monaten als Außenminister endlich das tun, was seiner Gesundheit und seiner Familie dient: Privatmann sein. Zu wünschen wäre es ihm.

Aufwischen müssen eben andere.

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