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Stephans Spitzen

Wenn Politiker die Gefühle missbrauchen

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Einzelfälle sind nur Ausschnitte der Wirklichkeit

Wie kam das in die Welt, das Verwechseln des Einzelnen mit dem Allgemeinen? Warum fällt es vielen so schwer, zwischen einer verallgemeinernden Aussage und dem Einzelfall bzw. persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden? Und kann man diese Unart auch wieder abstellen?

Wohl nicht, solange Politiker und Medien der Verkaufsstrategie folgen, dass es darauf ankomme, Gefühle zu erzeugen, wenn man dem Publikum etwas unterjubeln will. Unterstellen wir freundlicherweise, dass  die wenigsten dabei wohl auf die Idee kämen, dass auch das, was in gutwilliger Absicht geschieht, den Grundsätzen der Propaganda folgt. „Ein Bild sagt mehr als alle Worte“, beispielsweise. In der Tat: es appelliert direkt ans Gefühl, wie etwa das Foto des kleinen an den Strand von Bodrum gespülten Aylan. Mitleid, dem Individuum geschuldet, bestimmte danach die Debatte weit über den Einzelfall hinaus.

Doch auch Fotos bilden nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit ab und stehen oft ganz und gar nicht für „das Ganze“. Dennoch ist die Angst vor „hässlichen Bildern“ nicht nur bei der Kanzlerin groß.

Politik aber ist keine Märchenstunde oder eine einzige große Erzählung, bei der es tatsächlich nur auf das Subjekt, auf die Gefühle und Motive der Protagonisten ankäme. Politik ist nicht Literatur, die das nicht nur darf, sondern soll: sich radikal auf den Einzelfall beziehen. Das Politische hat das Allgemeine zum Thema, dazu braucht es nüchterne Fakten, kalte Zahlen und eine Analyse der großen Zusammenhänge. Ein subjektiv schweres Schicksal wird jeder bedauern, aber ob es eine Aussage über das Ganze trifft – „die Gesellschaft“, „unseren“ Charakterzuschnitt – bedarf einer genauen Analyse. In einer so gründlich durchmoralisierten Debatte, wie sie hierzulande vorherrscht, gilt aber selbst das schon als Sakrileg.

Kann man die Unart, Politik und Moral, Gefühl und Realität zu verwechseln, wieder aus der Welt bringen? Es wäre an den Medien, das zu verweigern, worauf die stets wahlkämpfenden Politiker setzen, nämlich vor allem Gefühle zu erzeugen. Es wäre Aufgabe des Journalismus, alle Fakten zu benennen, auch und vor allem jene, die unangenehm sind, auch dem eigenen Gefühl. Kampagnenjournalismus ist nicht nur schnell entlarvt, er bringt vor allem die ganze Branche in Verruf. Wer einen AfD-Politiker so „überführen“ möchte, wie es die FAS kürzlich mit Alexander Gauland versucht hat, gibt zu erkennen, dass er keine besseren Argumente als den Appell ans „gesunde Volksempfinden“ kennt.

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