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Stephans Spitzen

Von wegen „postfaktisch“! Realität ist gefragt

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German Angst

Dieses Argument hat sich übrigens auch in den Qualitätsmedien durchgesetzt: Weltoffene Wessis gegen die Dumpfdeutschen in Dunkeldeutschland, die sich vor etwas ängstigen, das sie noch nie gesehen haben. Das ist schon putzig: Muss ich Hitler und seine Nazis kennen, um sie nicht zu mögen? Muss ich vollverschleierte Frauen beim Spaghettiessen gesehen haben, um diese Kleidermode abzulehnen? Und ist es „Angst“ und „Fremdenhass“, wenn jemand allzu viel Rücksichtnahme auf eine unzivile, ja Zivilität zerstörende Ideologie wie den fanatischen Islam ganz und gar nicht „weltoffen“ finden mag?

Überhaupt, die Sache mit der Angst: Ist sie nicht gerade in Deutschland schon lange ein probates Mittel, um den Bürger an die Kandare zu nehmen? Natürlich nur dann, wenn es die „richtige“ Angst ist. Angst vor der Havarie eines Atomkraftwerks in Deutschland nach einer Erdbebenkatastrophe in Japan etwa ist ernst zu nehmen, obzwar die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis hierzulande gegen Null tendiert. Mag sein, dass Angela Merkel 2011 nicht ihrem Gefühl gefolgt ist, als sie das Land kopflos in ein kostspieliges Experiment namens „Energiewende“ steuerte – aber sie kalkulierte am Vorabend einer wichtigen Landtagswahl (die dennoch verloren ging) mit dem vermuteten Gefühl der Wähler. Auch die Warnung vor einer „Klimakatastrophe“ spielt mit der German Angst und dem endemischen Schuldgefühl, auf Kosten anderer oder gar des ganzen Globus zu leben.

Gut möglich, dass dieses Spiel von einer kritischen Masse Menschen mittlerweile durchschaut wird: Der moralische Appell funktioniert nur noch begrenzt. Nicht eine „Flüchtlingskrise“ treibt manch einem den Schweiß auf die Stirn, nicht „Fremdenhass“ macht wütend, sondern der Verlust staatlicher Kontrolle angesichts illegaler Migration.

War das alles alternativlos? Natürlich nicht.

Das aber unterstellt Angela Merkel auch diesmal wieder, in einer Rede, die doch eigentlich „ich habe verstanden“ signalisieren sollte. Sie würde gern die Zeit „um viele, viele Jahre zurückspulen“, sagt sie, „um mich mit der ganzen Bundesregierung und allen Verantwortungsträgern besser vorbereiten zu können auf die Situation, die uns dann im Spätsommer 2015 eher unvorbereitet traf.“ ( Wie das hätte aussehen können, beschreibt anschaulich Ralph Bollmann, FAS vom 25. September 2016)

Die Verantwortung, suggeriert sie, lag auf vielen Schultern. Das mag insofern richtig sein, als sie wie eine Getriebene dem Willkommenstaumel in den Medien nachgab und noch Mitte September 2015 Warnungen vor den Folgen einer unkontrollierten Einwanderung in den Wind schlug. Doch dass „uns“ die Situation „eher unvorbereitet“ traf, ist hoffentlich eine barmherzige Lüge. Denn das wäre wirklich schockierend.

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