Stephans Spitzen

Ist das Vertrauen weg?

Cora Stephan Politikwissenschaftlerin

Die Verunsicherung der Bürger nach der Germanwings-Katastrophe ist allgegenwärtig. Doch das Vertrauen insgesamt hat gelitten – auch in die Politik. Das ist wenig verwunderlich, aber gefährlich.

Ein Flugzeug auf dem Flughafen München Quelle: dpa

Alle wissen es: Absolute Sicherheit gibt es nicht, nichts ist völlig kontrollierbar, die Natur schon gar nicht, also auch nicht die Natur der Menschen. Was immer man nach dem Absturz von Airbus 4U9525 nun erfinden wird, um etwas zu vermeiden, von dem man noch gar nicht weiß, was genau es war: es mag kurzfristig beruhigen, aber nichts kann das Schlimmstmögliche ausschalten.

Das ist kein Trost für die Hinterbliebenen und vermittelt den Verängstigen keine Sicherheit. Viele Angehörige möchten Gewissheit: darüber etwa, dass ihre Lieben nicht an einem vermeidbaren Fehler zugrunde gegangen sind. Allen anderen hilft vielleicht die Erinnerung an ein alltägliches Wunder: dass das Schlimmstmögliche eben nicht passiert.

Fassungslosigkeit und Entsetzen bei Lufthansa und Germanwings
Der Copilot des Germanwings-Unglücksjets hat den Airbus nach Erkenntnissen der Ermittler absichtlich in eine Felswand gesteuert und 149 Menschen mit in den Tod gerissen. "Es ist davon auszugehen, dass der Copilot bewusst die Zerstörung des Flugzeuges eingeleitet hat", erklärte Brice Robin von der Staatsanwaltschaft Marseille am Donnerstag. Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund der Tat gebe es nicht. Die Ermittler bemühten sich derzeit bei ihren deutschen Kollegen um konkretere Informationen zu den Lebensumständen des 28-jährigen Ersten Offiziers Andreas L., der die deutsche Staatangehörigkeit besitze. Quelle: AP
Der Staatsanwalt bezog sich auf das Protokoll der letzten 30 Minuten vor dem Absturz, in denen der Stimmenrekorder alle Geräusche im Cockpit des A320 aufgenommen hatte. Dabei sei zu hören, wie der Kapitän Andreas L. zur Übernahme des Steuers auffordere und dann - vermutlich für eine Toilettenpause - das Cockpit verlasse. Kurz darauf habe Andreas L. dem Bordcomputer die Anweisung erteilt, in den Sinkflug überzugehen. Dies könne nicht versehentlich geschehen und müsse daher eine bewusste Handlung gewesen sein. Quelle: dpa
Zugleich habe er den Piloten nicht mehr ins Cockpit gelassen, sagte Robin. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ist es Vorschrift, dass der Arbeitsplatz in allen Passagierjets von einer gepanzerten Tür geschützt sein muss. Andreas L. habe weder auf Rufe noch auf Schläge gegen die Tür reagiert, erklärte der Staatsanwalt. Auch Aufforderungen des Towers in Marseille, einen Notruf abzusetzen, habe er ignoriert. Bis zum Zerschellen des A320 sei von ihm kein Wort mehr zu hören. Auf der Aufnahme sei nur noch sein ruhiges Atmen zu vernehmen. All dies lasse darauf schließen, dass Andreas L. die Maschine absichtlich zum Absturz brachte, sagte Robin. "Wir müssen von einer willentlichen Tötung ausgehen...Er hat sich bewusst geweigert, die Tür zu öffnen, und er hat bewusst den Knopf (zur Einleitung des Sinkflugs) gedrückt, um die Maschine runterzubringen." Bisher hatte die Staatsanwaltschaft in Marseille dagegen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ermittelt. Quelle: REUTERS
Carsten Spohr Quelle: dpa
Im Foyer des Lufthansa Aviation Center am Flughafen in Frankfurt/Main liegt ein Kondolenzbuch für Mitarbeiter der Lufthansa aus. Quelle: dpa
Blumen und ein Aufsteller mit der Aufschrift "In deep sorrow" ("In tiefer Trauer") Quelle: dpa
Eine Luftaufnahme der Gendarmerie zeigt die Absturzstelle des Germanwings-Airbus in den französischen Alpen. Quelle: AP

Die wenigsten Piloten dürften Depressionen haben, die wenigsten Depressiven sind selbstmordgefährdet, die wenigsten Selbstmörder nehmen andere mit in den Tod. Nicht alles, was möglich ist, geschieht: Hochhäuser stürzen nicht ein, Atomkraftwerke explodieren nicht, die Unfallhäufigkeit auf deutschen Straßen wird Jahr um Jahr geringer, der Wald lebt, Flugzeuge bleiben oben und landen sicher.

Trotz des Absturzes von 4U9525, trotz solcher und anderer Katastrophen vertrauen Menschen anderen Menschen –  und ohne dieses Vertrauen gäbe es keine menschliche Gemeinschaft.

Schrecklicher Verdacht: Co-Pilot flog absichtlich in den Tod

Wir vertrauen täglich: im Straßenverkehr, dass sich auch andere an die Straßenverkehrsordnung halten. Beim Reisen mit dem Zug: dass der Zugführer sein Geschäft versteht. Beim Zahnarzt, beim Elektroinstallateur, vor Gericht: wir wissen von der Fehlbarkeit der Menschen, auch jener „Experten“, von denen wir annehmen können, dass sie ihren Beruf anständig gelernt haben. Doch wir vertrauen darauf, dass sie in unserer Welt leben, in einer Welt, in der zumindest einige der zehn Gebote gelten – vor allem jenes, einem anderen nicht mutwillig zu schaden.

Wem das Vertrauen in die grundsätzliche Gutwilligkeit seiner Gegenüber nicht ausreicht, verlässt sich auf Konventionen, auf Regeln des Zusammenlebens, in denen nicht die Moral des Einzelnen die Hauptrolle spielt, sondern lediglich seine Bereitschaft, sich an diese Regeln zu halten. Und wem selbst die Tatsache nicht zureichend erscheint, dass ein Regelverstoß geahndet wird, dass es also im Interesse des potentiellen Regelbrechers liegt, sich konform zu verhalten, der rechnet doch zumindest damit, dass niemand um den Preis seines eigenen Lebens die Regeln bricht.

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