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Stephans Spitzen

Mitleid mit Sigmar Gabriel

Cora Stephan Politikwissenschaftlerin

Immer wieder wird der SPD-Vorsitzende gefragt, wer in zwei Jahren für die Sozialdemokraten als Kanzlerkandidat antreten soll. Sigmar Gabriel kann bei der Diskussion nur verlieren. Genau darin könnte seine Chance liegen.

Sigmar Gabriel im ARD-Sommerinterview. Rund neun Minuten musste der SPD-Chef über die K-Frage sprechen. Und das zwei Jahre vor der nächsten Wahl. Quelle: dpa

Man muss sich keine Interviews mit Politikern ansehen, wirklich nicht. Vor allem keine Sommerinterviews, das klingt schon so unfroh wie es aussieht, genau: nach Sommerloch. Es sei denn, man hat Lust, die eigene Empfindungsfähigkeit zu überprüfen – etwa, was Mitleid betrifft.

So etwas Ähnliches jedenfalls habe ich verspürt, als ich mir das „Sommerinterview“ der ARD mit Sigmar Gabriel antat. Muss sich der Vorsitzender einer 25-Prozent-Partei wirklich über fast die Hälfte des Interviews, nämlich um die neun Minuten lang, mit geradezu unverfrorener Penetranz fragen lassen, ob er sich in zwei Jahren etwas von heute aus gesehen ziemlich Aussichtsloses antun will – nämlich Kanzlerkandidat zu werden? Ist das wirklich die Frage, die, wenn schon nicht die Bevölkerung, so doch die meinungsbildende Elite hierzulande umtreibt?

Sigmar Gabriel versuchte, das muss man ihm hoch anrechnen, sich mit Geduld und Anstand zu wehren. Man sei schließlich nicht im Wahlkampf – und man müsse, mit Blick auf die größte Partei von allen, die Partei der Nichtwähler, den Menschen zuerst einmal die Hoffnung wieder zurückgeben, dass es sich überhaupt lohne, zur Wahl zu gehen. Wie wahr!

Und seien nicht andere Themen wichtiger, die Flüchtlingsfrage etwa? Gabriel forderte einmal nicht, wie andere Parteigenossen, den Aufstand der Anständigen, davon gebe es in Deutschland schließlich genug. Jetzt sei der „Anstand der Zuständigen“ gefragt. Auch da hat er recht. Und es braucht nicht die Gabe des Propheten, um soziale Spannungen vorherzusehen, wenn Länder und Kommunen hierzulande sich nur noch um die Frage kümmern können, wie man die Vielzahl von Flüchtlingen und Migranten unterbringt, während öffentliche Einrichtungen vergammeln und die Infrastruktur verkommt. Die SPD stellt genug Ministerpräsidenten und Bürgermeister, um zu wissen, wie es dort steht. Am Brennpunkt der Probleme ist man die Floskeln leid.

Mitleid also mit Gabriel. Nicht nur der penetranten Journalistenfragen wegen. Auch, weil die Genossen mit der Säge längst wieder bereit stehen. Bei Sozialdemokraten geht man bekanntlich verschwenderisch mit menschlichen Ressourcen um, der Parteivorsitz ist nach August Bebel (bis 1913) zum Schleudersitz geworden, lang ist die Reihe der Gemeuchelten, und manch eine hätte gern das frische Geweih des aktuellen Platzhirschen an der Wohnzimmerwand hängen.

Gabriel kann eigentlich nur alles falsch machen. Es sei denn, er wagt den Befreiungsschlag und kündigt den Konsens auf – mitsamt der ewigen K-Frage. Könnte sein, dass auch die umworbenen Nichtwähler das honorieren.

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