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Stephans Spitzen

Nachrichten aus dem Diskurs-Funkloch

Cora Stephan Politikwissenschaftlerin

Der langjährige Fernsehjournalist Wolfgang Herles rechnet in seinem neuen Buch mit dem Mainstreamjournalismus ab und hat Recht damit, wenn er schreibt, dass den Medien die Diskurskultur abhanden kommt.

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Wolfgang Herles Quelle: obs

Für manch einen ist die Pensionierung ein Verlust: dem einen der Verlust der Bedeutung, dem anderen der Verlust des Maulkorbs – befreit vom Druck, pietätvoll den Mund zu halten, solange man jeden Monat sein Gehalt empfängt. Wolfgang Herles, über vierzig Jahre lang Fernsehjournalist bei den Öffentlich-Rechtlichen, ist so ein Befreiter. Sein neues Buch benennt, wovon er sich offenbar ohne Abschiedsschmerz löst: vom Gebührenfernsehen, das nur nach der Quote schielt; von Fernsehpromis, die vor allem gefallen wollen; von einem Mainstreamjournalismus, der an seinem eigenen Konformismus erstickt. Seine Abrechnung wartet allerdings nicht mit Klatsch und Tratsch oder mit Anekdötchen persönlicher Kränkung auf, sondern mit einer These, die entschieden weiter streut:

„Dem Quotenwahn der Sender entsprechen Politiker, die auf Stimmungen setzen statt auf Überzeugungen.“

So viel verdienen die TV-Chefs
Tom Buhrow Quelle: dpa
Monika Piel Quelle: dpa
Erik Bettermann Quelle: PR
Thomas Kleist Quelle: dpa
Helmut Reitze Quelle: PR
Dagmar reim Quelle: dpa/dpaweb
Peter Boudgoust Quelle: PR

Stimmungs- und Gefühlspolitik gibt es hierzulande nicht erst seit gestern; insbesondere in der Sarrazin-Debatte hatte sich ein eigenartiger Hang vieler Politiker offenbart, Gefühle vorzuzeigen, da Zahlen und Statistiken ja „kalt“ und „unmenschlich“ seien. Gewiss: „Die gefühlte Not ist meist größer als die messbare.“ Und Emotionen ersparen Argumente.

Man möchte Herles nicht widersprechen, wenn er das Bemühen von Politikern und Fernsehanstalten, die Bürger nicht zu beunruhigen und sie in konfliktfreie Zonen zu betten, für eine zunehmend infantilisierte Gesellschaft verantwortlich macht, in der es nur noch „menschelt“, weshalb die Friseurin aus Bautzen dann die Mindestlohndebatte abzudecken hat.

Hund soll Rundfunkgebühr zahlen
Eine kuriose Zahlungsaufforderung zum Rundfunkbeitrag ist Anfang 2015 in Koblenz an einen Janosch Städtler gegangen. Doch dabei handelt es sich um einen Hund - genauer gesagt, um einen sechsjährigen Ungarischen Jagdhund, wie sein Herrchen Christian Städtler berichtet. Dabei schaue Janosch gar nicht gern Fernsehen, meinte Städtler scherzend - anders als sein früherer Hund, der Tierfilme mitgeguckt habe. „Janosch will abends seine Ruhe haben.“ Bleibt die Frage, wie es zu dem Missgeschick kommen konnte. „Das hört sich sehr nach einem Scherz an“, zitierte die „Rhein-Zeitung“ einen Sprecher des Beitragsservices. Angemeldet worden sei das Tier im Internet auf der Seite rundfunkbeitrag.de - vermutlich von einem Witzbold. Quelle: dpa
Auch Tote stehen auf der GEZ-Fahndungsliste: Schon im Jahr 2009 bekam der Rechenmeister Adam Ries, besser bekannt als Adam Riese, Post von der GEZ. Das Adam-Ries-Museum in dessen ehemaligem Wohnhaus im sächsischen Annaberg-Buchholz erhielt ein Schreiben, das den Mathematiker aufforderte, seine Rundfunkgeräte anzumelden. Allerdings war Ries bereits am 30. März 1559 gestorben, also vor gut 450 Jahren. Die Berichte zu der Posse haben das Museum damals sogar im Ausland bekannt gemacht - das fand der Chef des Adam-Ries-Bundes, Rainer Gebhardt, noch ziemlich gut. Erst ein klärender Anruf der Museumsdirektion konnte die Gebührenfahnder davon überzeugen, dass bei Adam Ries nichts mehr zu holen war. Diese wertvolle Information hat die Umwandlung der GEZ in den ARD-ZDF-Deutschlandradio-Beitragsservice offensichtlich nicht überdauert: Denn Anfang Februar ist beim Adam-Ries-Museum wieder Post eingegangen. In dem Schreiben wurde "Herr Adam Ries" aufgefordert, für das erste Quartal dieses Jahres 53,94 Euro an Rundfunkgebühren zu entrichten. Der Verein, der das Museum betreibt, habe höflich geantwortet, dass maximal 17,97 Euro fällig sein dürften - wegen der Gemeinnützigkeit von Verein und Museum, teilte Gebhardt mit. Diesmal findet er den Vorfall weniger lustig. "Wir wollen als seriöses Museum wahrgenommen werden", sagte er. Quelle: Gemeinfrei
Bei ihrer Jagd auf Schwarzseher macht die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) keine Kompromisse. So forderte sie 2003 von einer „Frau Walburga ST“ im Münsterland unter Androhung von 1000 Euro Bußgeld ultimativ die Entrichtung von Rundfunkgebühren. Jedoch handelte es sich bei der vermuteten Schwarzseherin um die Heilige Walburga, Schutzpatronin einer katholischen Kirchengemeinde. Der Pfarrer der Kirche schrieb zunächst noch belustigt einen Antwortbrief im Namen der Schutzpatronin: „Ich - um 710 geboren, da es noch keine Radio- und Fernsehgeräte gab - kann ja verstehen, dass man in Zeiten knapper Kassen jedem Hinweis nachgehen muss, wo noch was zu holen ist. Aber dass Sie dabei nicht einmal vor der Kirche und den Heiligen Halt machen, stimmt mich doch ein bisschen traurig.“ Ein Jahr war Ruhe, dann forderte die GEZ von Frau Walburga ST 1242,82 Euro für den Betrieb eines alten Videogeräts im örtlichen Pfarrheim. Quelle: dpa
In München forderte die GEZ einen toten Dackel auf, für seinen Fernseher zu zahlen. 2010 flatterte der ehemaligen Besitzerin des bereits vor fünf Jahren verstorbenen Hundes ein Bescheid ins Haus. Die GEZ entschuldigte sich für die Panne und begründete sie damit, dass der Name des Hundes, "Bini", nicht als Haustiername erkannt worden sei. Zudem würden Besitzer oft den Namen ihres Haustiers etwa bei Gewinnspielen angeben - über Adresshändler landeten die Daten dann bei der GEZ. Quelle: dpa
frau spielt mit baby Quelle: dpa
Auch Dichter Friedrich Schiller war nicht vor einem GEZ-Schreiben gefeiht. Die "Dresdner Morgenpost" berichtete 2008, dass die GEZ Mahnbriefe an die sächsische "Friedrich Schiller"-Grundschule schickte. Die Briefe waren an "Herrn Friedrich Schiller" addressiert; in der Schule hielt man es zunächst für einen schlechten Scherz und antwortete der Zentrale, dass Schiller seit 200 Jahren tot und nicht mehr in der Lage sei, ein Radio anzumelden. Daraufhin erhielt die Schule jedoch nur ein weiteres Mahnschreiben. Quelle: dpa/dpaweb
2010 berichtete die Zeitung „tz“ von einem Brief der GEZ, der an einen Orlando Henne adressiert war. Allerdings handelte es sich bei Orlando um das Haustier eines Münchners. Der Golden Retriever war auf mysteriöse Weise in den Datenbestand der GEZ gelangt. Quelle: dpa

Die Bürger wollen es ja nicht anders? Für viele mag das zutreffen. Für andere nicht, die das alles gründlich leid sind: die Talkshows mit den ewiggleichen Gesichtern und dem abgekarteten Spiel der Scheindebatte – alle gegen einen Außenseiter. Die Ekelshows und volkstümlichen Galas. Die öden Fernsehserien und artigen Unterhaltungssendungen.

Den Medien- und Politikverdrossenen im Lande dürfte Herles These einleuchten: sie sind in der Tat wahlweise erschöpft, gelangweilt und misstrauisch, wittern gleichgeschaltete „Lügenpresse“ und unterdrückte Nachrichten, für die man auch noch Zwangsgebühren zahlen muss, ob man nun am Angebot interessiert ist oder nicht.

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