Stephans Spitzen

Willkommen in Voodoo-Deutschland

Cora Stephan Politikwissenschaftlerin

Das hätte die Frauenbewegung der 70er Jahre nicht gewollt: Gendermainstreaming ist zur Ideologie geworden. Im Kampf um die Deutungshoheit sind lautstarke Minderheiten alles andere als zimperlich. Armes Deutschland.

Gender-Ampel: Frau oder Mann. Quelle: dpa Picture-Alliance

Deutschland zerfällt in zwei Teile: im größeren Teil leben Menschen, die glauben. Im anderen, kleineren Teil jene, die wissen. And never the twain shall meet. Die beiden werden nie zueinander finden.

Im Ernst: es ist verblüffend, wie sehr sich das Voodoo-Deutschland mit seinen Voodoo-Economics und Voodoo-Politics von jenem Land unterscheidet, das weltweit erfolgreich seine Erfindungs- und Ingenieurskunst verkauft. Offenbar reift, ungerührt vom politisch korrekten Zirkus und von ideologiefesten Koalitionsverträgen, noch immer eine Spezies heran, deren Angehörige Zahlen nicht für unmenschlich und gefühllos halten, die an die Aufklärung glauben und wissenschaftlich präzise denken können, während andere lieber alles auspendeln. Ein Wunder fast, wenn man bedenkt, dass manch politisch-korrekte Verrenkung bereits im Kindergarten eingeübt wird und jede im Modus moralischer Empörung vorgetragene Irrlehre einen breiten Raum im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erhält.

Aus dem Professor wird "Professx"
Mit dem X gegen KlischeesLann Hornscheidt, Professorin an der Berliner Humboldt-Universität, möchte mit einer kleinen Wortänderung traditionelle Geschlechterrollen in der Sprache aufbrechen. Häufig fühlten sich Studierende diskriminiert, weil sie als „Herr“ oder „Frau“ angesprochen würden, sagte Hornscheidt. Die Wissenschaftlerin am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien schlägt vor, etwa von „Professx“ statt von „Professor“ oder „Professorin“ zu sprechen. Die neutralen Endungen entfernten den Zwang, sich einem Geschlecht zuordnen zu müssen. „Die x-Form soll deutlich machen: Es gibt auch noch mehr als Frauen und Männer.“ Quelle: Fotolia
Schön dem Herrn Professorin zuhörenGleichberechtigung schön und gut. Eine Radikalkur in Sachen Feminismus gibt es an der Uni Leipzig: Dort sind Männer jetzt auch Frauen - zumindest sprachlich. Denn die neue Verfassung der Universität sieht nur noch weibliche Bezeichnungen vor. Schrägstrichbezeichnungen wie "Professor/in" entfallen und werden durch die weibliche Form ersetzt. So ist mit "Professorin" künftig auch ein Mann gemeint, worauf dann eine Fußnote verweisen soll. Die neue Grundordnung ist zwar noch nicht in Kraft getreten - doch mit einem Widerspruch rechne man nicht. Quelle: dpa
Frauenquote für StraßennamenFür Schlagzeilen sorgt die Gender-Debatte immer wieder. Derzeit steht die Namensgebung für Straßenschilder in Berlin-Kreuzberg im Blickpunkt: Das Jüdische Museum (Foto) möchte seinen Vorplatz nach dem jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn benennen. Doch die Verwaltung sperrt sich dagegen, denn in dem Stadtteil gibt es seit 2005 eine Frauenquote für Straßennamen. Demnach muss die Hälfte  der Straßen und Plätze nach Frauen benannt werden. Bis die Quote erreicht ist, dürfen nur noch weibliche Namen vergeben werden. Quelle: REUTERS
Änderung der österreichischen NationalhymneNach langem Rechtsstreit hat Österreich seine Nationalhymne geändert, und ehrt nun nicht mehr nur die „Heimat großer Söhne“ sondern auch der „Töchter“. Aus "Heimat bist du großer Söhne, Volk, begnadet für das Schöne" wurde nach jahrzehntelangen Debatten ab Januar 2012 in der ersten Strophe: "Heimat großer Töchter und Söhne, Volk, begnadet für das Schöne". Geändert wurde auch die dritte Strophe der von Paula Preradovic gedichteten Bundeshymne: Statt „Einig lass in Bruderchören, Vaterland dir Treue schwören" werden nun „Jubelchöre" besungen. Das von manchen bevorzugte "Heimatland" statt "Vaterland" konnte sich hingegen nicht durchsetzen. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Mädchen mit Pistolen in SchwedenSchweden gilt nicht ohne Grund als Vorreiter in Sachen Gleichstellung. Weihnachten 2012 nahm das neue Ausmaße an: Nach massiven Beschwerden über Rollenklischees in einem Spielzeug-Katalog wurde ein geschlechtsneutraler Katalog herausgebracht. Darin posieren kleine Mädchen mit Spielzeugpistolen, Fußbällen und Autos. Kleine Jungs dürfen dafür mit dem rosa Friseur-Set spielen oder Hunde, die mit Schleifchen dekoriert wurden, Gassi laufen. Quelle: dpa
Geschlechtsneutrale Vorschule in SchwedenUnd noch einmal Schweden. Dort gibt es eine umstrittene geschlechtsneutrale Vorschule namens „Egalia“. In der Einrichtung sollen die Kinder sich so entwickeln, wie sie es möchten, ohne in stereotype Rollenbilder gedrängt zu werden. Die Worte „Junge“ und „Mädchen“ werden nicht in den Mund genommen, stattdessen sagen die Erzieher/innen „Freunde“. Auch bei der Auswahl der Spielsachen werden Klischees vermieden. So gibt es etwa kein einziges Märchenbuch, weil Märchen Klischees vermitteln; traditionelle Lieder wurden umgedichtet. Quelle: dpa
Unisex-Toiletten in BerlinDer Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg nimmt sich all jenen an, die sich beim Toilettengang nicht entscheiden können, welche Tür sie nehmen sollen. Wer sich weder als Mann, noch als Frau fühlt, soll zukünftig in öffentlichen Gebäuden Unisex-Toilette nutzen können. Quelle: dpa/dpaweb
Leitfaden für geschlechtsneutralen SprachgebrauchEin zuweilen grotesk anmutender Auswuchs der Gleichberechtigung ist der geschlechtsneutrale Sprachgebrauch. So hat etwa die Uni Köln (Foto) einen Leitfaden für „geschlechtersensible Sprache“ herausgebracht. Aus dem Bestreben entstehen auch irrsinnige Wortneuschöpfungen wie „Bürger_innensteig“ statt Bürgersteig. Wörter wie „Otto Normalverbraucher“ oder „Krankenschwester“ sollten ausgemustert werden, da es „im Sinne einer gendergerechten Sprache“ vermieden werden solle, „Stereotype zu reproduzieren“, heißt es im Leitfaden. Im alltäglichen Sprachgebrauch hat sich diese Wortakrobatik, Göttin sei Dank, nicht durchgesetzt. Quelle: dpa/dpaweb
Gleichberechtigung auf SpielplätzenBerliner Bezirke prüfen, ob ihre Spielplätze geschlechtsneutral sind – das heißt, dass sie ebenso für Mädchen und Jungen geeignet sind. Dazu benötigen „nutzungsneutrale Bereiche“ und „multifunktionale Spielangebote“. Dies ergibt sich aus einem 21 Kriterien umfassenden Katalog, mit dem die Berliner Bezirke vorgehen. So haben Studien ergeben, dass Mädchen zwar gerne schaukeln und rutschen - allerdings eher Angst davor haben, wenn diese Spielgeräte im Schatten stehen. Jungen bevorzugen vor allem Bolzplätze und Tischtennisplatten. Mädchen fühlten sich aber davon bedroht, wenn diese nicht klar von anderen Spielbereichen abgegrenzt sind. Quelle: dapd
Auch Männer dürfen „Assistentinnen“ seinEin Jurastudent „verdiente“ sich einst locker 13.000 D-Mark, indem er sich auf eine Stelle, die für eine „Assistentin“ ausgeschrieben ist, bewarb – er erhielt nie eine Antwort. Als er erfuhr, dass der Job erwartungsgemäß an eine Frau vergeben wurde, verklagt er den Arbeitgeber: Er sei aufgrund seines Geschlechts diskriminiert worden, so die Begründung. Die Immobilienfirma habe ihre Stellenausschreibung nicht geschlechtsneutral formuliert und offensichtlich nur Frauen ansprechen wollen. Die Richter gaben ihm Recht und sprachen ihm letztendlich eine Entschädigung in Höhe von 13.000 DM zu, nachdem zuvor der Europäische Gerichtshof angerufen worden war. Quelle: dapd
Kinder sollen selbst über ihr Geschlecht entscheidenEin Paar in Kanada erzieht seine Kinder geschlechtsneutral, weil es nicht will, dass sie in Schubladen gesteckt werden. Niemand, außer den Eltern, Großeltern und der Hebamme weiß, welches Geschlecht das Kind namens „Storm“ hat. „Storm“ hat schon zwei Brüder mit den geschlechtsneutralen Namen „Jazz“ und „Kio“, die lange Haare haben und auch Kleider oder Rosafarbenes tragen. Sie dürften sich ihre Anziehsachen selbst aussuchen, so die Eltern. „Storm“ soll selbst bestimmen, was „es“ sein möchte und auch den Zeitpunkt, wann das Geheimnis gelüftet wird. Quelle: dpa
Angst vor Frauen?Die Gleichstellungsdebatte führt aber nicht nur zu gesellschaftlich und politischen skurrilen Auswüchsen. Auch einzelne Personen verkündeten eine durchaus seltsam anmutende Änderung ihres Verhaltens. So etwa der Fraktionsvorsitzende der FDP in Schleswig-Holstein, Wolfgang Kubicki, der hier Parteikollegin Cornelia Pieper nach ihrer Wahl zur neuen FDP-Landesvorsitzenden in Sachsen-Anhalt charmant gratuliert. Nach der Sexismus-Debatte um Rainer Brüderle und Stern-Journalistin Laura Himmerlreich kündigte er an, keine Journalistinnen mehr Wahlkampfbegleitung in seinem Auto mitnehmen zu wollen. So wolle er vermeiden, dass eine lockere Bemerkung gegen ihn verwendet werde. Noch skurriler waren die zur Brüderle-Debatte aufgetauchten Ratschläge, dass Männer besser nicht mehr alleine mit hübschen jungen Frauen im Fahrstuhl fahren sollten. Man(n) kann ja nie wissen... Quelle: dpa

Widerspruch ist nicht erlaubt, wie man kürzlich erleben durfte, als eine Frauenlobby gegen eine „Hart, aber fair“-Sendung protestierte, sie sei "unseriös", "frauenfeindlich" und "einseitig". Die Sendung wurde daraufhin eilfertig aus der Mediathek entfernt, was allerdings lediglich dafür sorgte, dass sie nun umso eifriger auf YouTube angeklickt wurde. Und nun soll die von Frank Plasberg moderierte Auseinandersetzung mit dem trostlosen Gender-Gaga, auf das sich die Frauenbewegung mittlerweile zu reduzieren scheint, auch noch wiederholt werden. Was soll der Quatsch? Der wahre Skandal ist gewiss nicht die Sendung, in der man sich stritt, nicht mehr und nicht weniger als in solchen Talkshows üblich, sondern der Kotau der öffentlich-rechtlichen Anstalt vor moralisch mächtigen Lobbies. Wird die Meinungsfreiheit hierzulande suspendiert, sobald sich jemand beleidigt fühlt, der an irgendetwas glaubt, sei es eine Religion oder eine Ideologie?

Vor knapp 200 Jahren sprach Alexis de Tocqueville hellsichtig vom "demokratischen Despotismus", einem sanften Totalitarismus, der weder Geheimpolizei noch den Großen Bruder braucht, um alternativlosen Konsens zu erzielen. Denn viele zwingen sich ganz von allein zum konformen Denken, schließlich will man es sich nicht mit einer tyrannischen Meute verderben, die sich lautstark bemerkbar macht, wenn einer die von ihr aufgestellten Regeln nicht einhält.

Im Kampf um die Deutungshoheit sind lautstarke Minderheiten alles andere als zimperlich. Die Verordnung einer gendermäßig korrekten Sprache hat es hierzulande bis in das Koalitionsprogramm geschafft, etwas, dass sich niemand hätte träumen lassen, der die Debatten in der Frauenbewegung in den 70er Jahren miterlebt hat. Wie kann man ernsthaft glauben, es wäre irgend jemandem geholfen, wenn jeder Sprechakt eine Vielzahl von Wesen einschließt, die sich „queer“ oder „bigender“ und „pangender“ fühlen, nur, weil man niemanden benachteiligen möchte? Und ist es wirklich ein dringliches Problem, dass öffentliche Toiletten nur zwei Geschlechter kennen?

Dass all das keine Spielerei ist, sondern bitter ernstgenommen wird, zeigen Sprachregelungen, die schon Kinder einüben sollen. „Heteronormativität“ ist so ein Wort, das früh deutlich machen soll, dass Heterosexualität eine Norm, also eine gesellschaftliche Setzung sei, nicht aber das, was es in Wirklichkeit ist: normal.

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