Steuerflucht Deutsche zeigen sich wegen Steuerhinterziehung an

Das schlechte Gewissen plagt deutsche Steuerhinterzieher. 2012 haben sich bereits 34.000 Steuersünder selbst angezeigt. Die Mehrheit kommt aus Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Bayern und Hessen.

Welche Promis schon verurteilt wurden
900.000 Euro hinterzogene Steuern: Der Sänger Freddy Quinn hatte seinen Hauptwohnsitz jahrelang in der Schweiz, lebte aber überwiegend bei seiner Hamburger Lebensgefährtin Lilly Blessmann. Die deshalb in Deutschland fälligen Steuern, zwischen 1998 und 2002 immerhin rund 900.000 Euro, hat der Österreicher nach eigenem Eingeständnis aber nie bezahlt. Er habe sich nie mit finanziellen Dingen beschäftigt, rechtfertigte sich der Musiker vor Gericht. Außerdem beglich er sofort seine Steuerschuld, so dass im Prozess 2004 die verhängte Haftstrafe von zwei Jahren zur Bewährung ausgesetzt wurde. Hinzu kam ein Bußgeld über 150.000 Euro. Quelle: ap
970.000 Euro hinterzogene Steuern: Klaus Zumwinkel verlor wegen einer Steueraffäre seinen Job als Vorstandschef der Deutschen Post. Ermittler der Bochumer Staatsanwaltschaft durchsuchten vor laufenden Fernsehkameras im Februar 2008 das Privathaus des Topmanagers. Die Staatsanwaltschaft warf Zumwinkel vor, über die LGT Bank Geld in eine Stiftung nach liechtensteinischem Recht geschleust und so den deutschen Fiskus um fast eine Million Euro betrogen zu haben. Mitte Februar 2008 trat der Post-Chef zurück und wurde knapp ein Jahr später zu zwei Jahren Haft auf Bewährung plus Zahlung einer Geldstrafe von einer Millionen Euro verurteilt. Quelle: dpa
1,96 Millionen DM hinterzogene Steuern: Der frühere Verfassungsschutzchef und Ex-Verteidigungsstaatssekretär Ludwig-Holger Pfahls war eine Schlüsselfigur der CDU-Spendenaffäre. Er räumte ein, vom Geschäftsmann Karlheinz Schreiber 3,8 Millionen Mark erhalten zu haben. Schreiber habe das Geld für ihn in der Schweiz verwaltet. Ausgehändigt worden seien ihm 873.000 Mark. Das Landgericht Augsburg erklärte ihn 2005 der Vorteilsannahme und Steuerhinterziehung für schuldig und verurteilte ihn zu zwei Jahren und drei Monaten Haft. Pfahls kam nach gut 13 Monaten frei, musste aber Ende 2011 erneut wegen Bankrotts und Betrugs in Haft. Quelle: dapd
1,7 Millionen Euro hinterzogene Steuern: Um weniger Steuern zu zahlen, verlegte Tennis-Star Boris Becker Anfang der 90er-Jahre seinen Wohnsitz von München nach Monaco. Tatsächlich aber lebte er weiter überwiegend in Bayerns Metropole und nicht im Fürstentum. Das Landgericht München verurteilte ihn deshalb 2002 wegen Steuerhinterziehung von 1,7 Millionen Euro zu zwei Jahren Haft auf Bewährung und 500.000 Euro Geldstrafe. Becker räumte eigene Fehler ein – was das Gericht ebenso strafmildernd berücksichtigte wie die Tatsache, dass Becker vor Prozessbeginn rund 3,1 Millionen Euro Steuern nachgezahlt hatte. Quelle: dapd
22,6 Millionen DM hinterzogene Steuern: Der frühere Springreiter Paul Schockemöhle hatte große Summen über Stiftungen in Liechtenstein am deutschen Fiskus vorbeigeschleust. 1996 wurde er deshalb zu elf Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt und musste 22,6 Millionen Mark Steuern nachzahlen. Schockemöhle wurde zum Verhängnis, dass dem Liechtensteiner Treuhänder Herbert Batliner Teile seiner Kundendatei gestohlen und den deutschen Steuerbehörden zugespielt wurden. Der Ex-Sportler, dem für eine erfolgreiche Selbstanzeige keine Zeit mehr blieb, verklagte Batliner später wegen der Datenpanne – ohne Erfolg. Quelle: dpa
203 Millionen Euro hinterzogene Steuern: Das Landgericht München verurteilte den Geschäftsführer des VIP Medienfonds 3, Andreas Schmid, 2007 wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren. Schmid hatte versucht, den Fiskus um 203 Millionen Euro zu prellen, indem er beim Finanzamt zu Unrecht „gewinnmindernde Aufwendungen“ geltend machte. Der Angeklagte wusste, dass nur 20 Prozent der Aufwendungen für die Filmproduktion verwendet, aber 80 Prozent zugunsten des Fonds angelegt wurden. Kurioserweise war nicht Schmid selbst Nutznießer der Steuerersparnis. Profitiert haben vielmehr zum größten Teil die Anleger des Medienfonds. Quelle: obs

Die Flut der wegen Steuerhinterziehung eingereichten Selbstanzeigen wird in den nächsten Tagen die Grenze von 34.000 überschreiten. Dies berichtet das Wirtschaftsmagazin 'Capital' nach einer exklusiven Umfrage des Magazins bei allen Oberfinanzdirektionen und Finanzministerien. So lagen dort bis Mitte Oktober bereits 33.908 Selbstanzeigen deutscher Steuerbürger vor. Pro Werktag kommen derzeit rund 120 neue Selbstanzeigen hinzu. Allein von Mitte September bis Mitte Oktober offenbarten sich rund 2.400 Steuersünder gegenüber dem Fiskus.

So erstatten Steuersünder Selbstanzeige

Nachdem im vergangenen Jahr die Welle der Selbstanzeigen deutlich abflachte, gibt es seit Juli wieder einen neuen Run auf die Finanzämter. Damals wurde bekannt, dass Nordrhein-Westfalen erneut Schweizer Steuerdaten-CDs gekauft hat. Seitdem steigt die Zahl der Selbstanzeigen sprunghaft an: In Baden-Württemberg verzeichneten Finanzbeamte allein im dritten Quartal mit 972 Selbstanzeigen mehr als doppelt so viele wie im gesamten ersten Halbjahr, in Nordrhein-Westfalen verdreifachte sich die Zahl annähernd. Im dritten Quartal gingen dort 650 Selbstanzeigen ein.

Welche Strafen Steuertricksern drohen

Von den Bundesländern liegt Baden-Württemberg mit 10.046 Selbstanzeigen laut 'Capital' ein¬sam an der Spitze gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 6.921. Auf dem dritten Platz liegt Bayern mit 5.176, auf dem vierten Hessen mit 4.216 Selbstanzeigen und auf dem fünften Platz Rheinland-Pfalz mit 2.682. Die weitere Reihenfolge: Berlin (1.275), Niedersachsen (1.200), Hamburg (888) und Schleswig-Holstein (697), Saarland (335), Bremen (191), Sachsen (101), Thüringen (74), Brandenburg (55), Sachsen-Anhalt (30) und Mecklenburg-Vorpommern mit lediglich 21 bislang eingegangenen Selbstanzeigen.

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Führende SPD-Politiker wollen angesichts dieser Entwicklung weiter Daten kaufen: "Wenn uns eine ernstzunehmende Steuersünder-CD angeboten wird, kaufen wir", sagte Nils Schmid, SPD-Finanzminister und stellvertretender Ministerpräsident in Baden-Württemberg gegenüber 'Capital'. "Für mich ist der Daten-Ankauf ein Dauerbrenner und kein Auslaufmodell", betont auch NRW-Finanzminister Norbert Walter-Borjans (SPD). Der Fiskus schätzt die Steuereinnahmen durch die Selbstanzeigen auf mehr als 2,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen mehr als 500 Millionen Euro, die Steuerfahnder mithilfe der gekauften CDs eingetrieben haben. Insgesamt hat die Finanzverwaltung rund neun Millionen Euro für alle bislang gekauften Daten-CDs ausgegeben.

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