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Streit um Kernenergie Der 250-Milliarden-Poker um die Atomkraft

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E.On-Chef Johannes Teyssen Quelle: REUTERS

Gemeinsam ist den Chefs von E.On, RWE, EnBW und Vattenfall nur eines: dass die schwarz-gelbe Koalition das Atomausstiegsgesetz von 2001 so schnell wie möglich kippt. Damals einigte sich die Energiebranche mit der rot-grünen Bundesregierung darauf, dass die Kernkraftwerke bis 2022 abgeschaltet werden. Davon wollen Union und Liberale nun wieder weg, ein Konzept für eine Laufzeitverlängerung soll Ende September vorliegen. „Wir fordern eine satte zweistellige Zahl zusätzlicher Jahre, mindestens aber 15 Jahre“, hatte E.On-Chef Johannes Teyssen vorige Woche getönt.

Doch wie ein Kompromiss über Laufzeiten und Ausgleichszahlungen für die damit verbundenen Extraprofite aussehen könnte, darüber sind die Versorger zerstritten. Verlängern wolle jeder, natürlich die eigenen Meiler, heißt es aus der Branche. Auf den Schreibtischen der jeweiligen Vorstandsetagen liegen Vorschläge zur Abschaltung von Atomkraftwerken, die angeblich veraltet, anfällig oder zu skandalträchtig sind – aber dem jeweiligen Wettbewerber gehören.

Todesliste der Atomreaktoren

Schon kursiert in den Konzernen eine Art „Todesliste“ über die 17 deutschen Atomreaktoren, wie ein Top-Energie-Aufsichtsrat berichtet. Darin wird feinsäuberlich aufgezählt, welche Gründe dafür sprechen, beim einen oder anderen Kernkraftwerk auf eine Laufzeitverlängerung zu verzichten. Die darin enthaltene Klassifizierung der deutschen Atommeiler läuft auf eine Art Verkehrsampel hinaus – rot für bald abzuschaltende Meiler, grün für 15 oder 20 Jahre Laufzeitverlängerung, gelb für die Zweifelsfälle, die mit der Bundesregierung zu verhandeln wären. „Es gibt genügend Raum für Kompromisse, für Streit und für Fingerzeige auf angeblich abschaltreife Kernkraftwerke“, sagt ein hochrangiger Energiemanager.

Die Landkarte der Opfer und Überlebenden unter den hiesigen Meilern ergibt eine deutschlandweite Drei-Klassen-Gesellschaft. Da sind Stillstandsmeister wie die Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel in Norddeutschland, bei denen Vattenfall die Betriebsführerschaft hat. Bei ihnen hätten regionale Politiker bis weit in das konservative Lager nichts dagegen, wenn die Betriebslaufzeit des Meilers um die Ecke endlich ablaufen würde.

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    Und es gibt die Stars wie die Kernkraftwerke Grohnde von E.On und den Stadtwerken Bielefeld oder Emsland von RWE und E.On, um die es – frei von Skandalen – stets sehr still war. Sie liefen fast ohne „meldepflichtige Ereignisse“, wie dies im Jargon des zuständigen Bundesamtes für Strahlenschutz heißt – also ohne Pannen – Tag und Nacht, nahezu in Volllast. Diese könnten, so das Kalkül der Industrie, bequem weiterlaufen.

    Die unterschiedlichen Atomkraftwerke sind schon länger Grund für Animositäten unter den vier Stromgiganten. Bereits Wulf Bernotat, der Vorgänger von E.On-Chef Johannes Teyssen, äußerte massives Misstrauen gegenüber der Zuverlässigkeit des Krümmel-Betreibers Vattenfall. Im Hintergrund warb Bernotat um dessen Ablösung beim Atomkraftwerk Krümmel bei Hamburg, das durch einen Trafobrand in die Schlagzeilen geriet. Vattenfall ist ein schwedischer Staatskonzern und gilt als Outsider unter den vier großen Versorgern in Deutschland. Seine Kernkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel, seit Sommer 2007 ohnehin vom Netz, gelten als endgültige Abschaltkandidaten – finden vor allem viele RWE-Manager.

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