Streit um Pkw-Maut Verlogene Drohgebärden

Wird Deutschland zum Paria, wenn wir eine Maut erheben? Werden Deutschlands Innenstädte veröden? Stopp! Warum die aktuelle Maut-Diskussion völlig ohne Maß und Vernunft geführt wird.

Schild, das auf eine Mautpflicht hinweist Quelle: dpa

Wer in diesen Tagen die mit höchster Drehzahl geführte Diskussion über Sinn und Unsinn einer deutschen Pkw-Maut verfolgt, der muss zu der Erkenntnis kommen, dass nicht weniger auf dem Spiel steht als die Mobilität als Ganzes, die europäische Einigung und vermutlich sogar die Existenz unseres Planeten. Die den Dobrindt‘schen Plänen zugeschriebenen ökonomischen und diplomatischen Verwerfungen sind so umfassend, dass ich mich ernsthaft frage, wo in dem ganzen Getöse Maß und – vor allem – Vernunft bleiben.

Wird Deutschland zum Europäischen Paria, wenn wir eine Maut erheben? Werden Deutschlands Innenstädte veröden, die Tourismusregionen entvölkert dahinsiechen, ausländische Gäste einen Bogen um die Republik machen? Kurzum, würgen wir womöglich die Konjunktur ab, und droht uns gar der Ausschluss aus der UN? Stopp! Halt! Vollbremsung! Neustart!

Das ist doch alles ein vollkommen überdrehtes Getue. Worüber reden wir hier eigentlich? Nach allem was man bisher weiß, geht es um Peanuts – gemessen an dem, was deutsche und ausländische Verkehrsteilnehmer bisher schon fürs Reisen in, nach und durch Deutschland ausgeben.

Dreiste Abzocke bei der Maut
Tschechien2007 hat Tschechien die Einführung einer Maut-Vignette nach österreichischem Vorbild geprüft, also mit einem Öko-Rabatt für schadstoffarme Autos. 11 Euro pro Woche kostet eine Wochenvignette, die hier auch im Bild zu sehen ist; im Jahr sind es 54 Euro. Das Problem: Der Zustand der Autobahnen ist unterirdisch, es laufen Sanierungsmaßnahmen. Allerdings geht es deshalb nur auf einer Spur und nur mit 80 Stundenkilometern voran. Quelle: dpa
SerbienZwei bis drei Cent kostet der Kilometer auf einer serbischen Automaten - das klingt im ersten Moment billig. Das Problem: Ausländer werden abgezockt und die Preise dann mal schnell verdoppelt. Quelle: dpa
SchweizEin Ausflug in die Schweiz wird teuer, denn dort gibt es weder Tages- noch Monatsvignetten, sondern nur Jahresvignetten, die rund 33 Euro kosten. Sie müssen das auch beim bloßen Durchfahren bezahlen. Quelle: AP
FrankreichSieben Cent pro Kilometer fallen bei unserem Nachbarn an - allein das ist schon viel. Allerdings gibt es Strecken, die über dem Schnitt liegen. Dann doch lieber das Auto stehen lassen und mit dem Zug fahren. Quelle: dpa
PortugalIn die gleiche Richtung geht auch die Maut auf einem Teil der iberischen Halbinsel. Die Straßen mit einem großen Touristen-Aufkommen sind auch besonders teuer. Quelle: AP
NamibiaNicht überall in dem afrikanischen Staat sieht es so aus: Insgesamt gibt es mehr als 5400 Kilometer asphaltierte Straßen. Zahlen müssen nur registrierte PKW aus dem Ausland. Das sind umgerechnet 15 Euro. Quelle: dpa
MexikoIn dem südamerikanischen Land gibt es eine Wahlmöglichkeit: schlechte Straßen, mit schlechter Sicherheitsinfrastruktur, dafür aber mautfrei oder mautpflichtige Straßen, die besser ausgebaut sind. Beide verlaufen oft parallel zueinander. Quelle: dapd

Sorry, wer bisher als Niederländer zum Bummel in die rheinischen Metropolen oder als Österreicher oder Schweizer zum Einkauf/Kaffee/Kinobesuch über die deutsche Grenze pendelte, zahlte dafür schon alleine fürs Parken mehr, als die künftig (mindestens) erforderliche 10-Tage-10-Euro-Plakette kostet. Einmal ein Familien-Stopp beim Burger-Bräter ist teurer, Tanken diesseits oder jenseits der Grenze sowieso.

Die Maut wird ohne Folgen bleiben

Und selbst wer als Berufspendler künftig eine (voraussichtlich 100 Euro teure) Jahreskarte für Deutschlands Straßen zahlen sollte, wird den Betrag am Ende des Jahres in seinem Tank-Budget nicht mehr wieder finden. Zwei, drei Mal zum falschen Zeitpunkt an die Tanke gefahren (wenn die Öl-Konzerne die Spritpreisschraube mal wieder besonders angezogen haben), und auch die Jahresvignette ist schnell weggetankt.

Wo Autofahrer bezahlen müssen
Österreich: Mautpflicht auf allen AutobahnenIn Österreich besteht für die Benutzung des gesamten Autobahnnetzes Vignettenpflicht. Die Vignette wird entweder für zehn Tage, zwei Monate oder das ganze Jahr verkauft. Die Preise liegen hierbei zwischen 8,50 Euro für die 10-Tages-Vignette, 24,80 Euro für die Zwei-Monats-Vignette und 82,70 für die Jahres-Vignette. Übergangsregelungen, wie bei der Benutzung des Pfändertunnels der die Reise nach Italien oder in die Schweiz verkürzt, gibt es nicht mehr. Quelle: dpa
Schweiz: Mautpflicht auf allen AutobahnenAuch für die Benutzung der Autobahnen in der Schweiz besteht Vignettenpflicht. Anders als in Österreich gibt es hier nur eine Vignette zu kaufen. Die Jahres-Vignette kostet 33 Euro, bei der Benutzung einzelner Tunnels fallen Extragebühren an. Wer ohne gültige oder mit manipulierter Vignette unterwegs ist, muss mit hohen Bußgeldern rechnen. Quelle: AP
Italien: Zwei verschiedene MautsystemeIn Italien wird die Autobahngebühr auf zwei verschiedene Arten berechnet. Für einen Großteil der Autobahnen  gilt das „geschlossene“ System, in dem die Gebührenhöhe nach Streckenlänge berechnet wird, hier werden etwa 5 Euro pro 100 Kilometer fällig. Im „offenen“ System wird an einer Mautstation ein Pauschalbetrag gezahlt.  Dieses System kommt jedoch nur auf einzelnen Strecken in Italien zur Anwendung, beispielsweise von Como am Comer See nach Mailand. Quelle: AP
Frankreich: Mautpflicht auf dem Großteil der Autobahnen Der Großteil der Autobahnstrecken in Frankreich ist mautpflichtig. Auch hier lassen sich etwa 5 Euro pro 100 Kilometer berechnen. Wie in Österreich oder der Schweiz kostet die Benutzung einzelner Tunnels extra. So werden beispielsweise für den Mont-Blanc-Tunnel  einfach 32,30 Euro fällig, für die Hin- und Rückfahrt werden 40,30 Euro berechnet. Einige wenige Autobahnen bzw. Autobahnabschnitte sind gebührenfrei, hierzu gehören die Stadtumgehungsautobahnen von Paris, Lyon, Marseille und Bordeaux sowie der grenznahe Autobahnabschnitt Saarbrücken bis St.Avod. Quelle: AP
Spanien: Überwiegend gebührenpflichtige Autobahnstrecken Auf allen Autobahnstrecken die mit „AP“ und „R“ ausgewiesen sind sowie verschiedene Tunnels und Brücken sind gebührenpflichtig. Die Gebühren in Spanien gehören zu den höchsten in Europa, hier kosten 100 Kilometer im Schnitt 8 Euro. In Madrid, Valencia oder Barcelona fallen auf Stadtumgehungsautobahnen keine Gebühren an. Sämtliche Autobahnstrecken auf den kanarischen und balearischen Inseln sind gebührenfrei. Bild: Matthias Schrader Quelle: dpa Picture-Alliance
Dänemark: Kostenpflichtige BrückenBei unseren dänischen Nachbarn sind einzelne Strecken, wie die Länderübergreifende Brücke zwischen Kopenhagen (Dänemark) und Malmö (Schweden), gebührenpflichtig. Der Preis liegt zwischen 29 und 34 Euro. Quelle: REUTERS
Griechenland: Wenige und günstige Autobahnabschnitte mit MautgebührAuf etwa zehn Autobahnabschnitten fallen Mautgebühren an, darunter die Strecke zwischen Thessaloniki und Athen. Für Autofahrer betragen die Preise zwischen 1 und 3,50 Euro, sie gehören zu den niedrigsten Gebühren europaweit. Quelle: dapd

Nein, wenn man mal allen jahreszeitbedingten internationalen Theaterdonner ausblendet: die Maut – wenn sie denn kommt – wird ohne Folgen bleiben. Genau so übrigens, wie auch das österreichische Pickerl, die Schweizer Vignette oder die französischen und italienischen Straßengebühren nicht dazu geführt haben, dass man in den Ländern seither keine deutschen Urlauber oder (Durch-) Reisenden mehr antrifft. Im Gegenteil, in allen Ländern ist es völlig normal, dass Ausländer zur Finanzierung des Straßenverkehrs herangezogen werden.

Eine Sommerloch-Debatte

Und das (sic!) oft sogar überproportional, wenn man bedenkt, dass die Kilometerpreise etwa in Italien für (vorwiegend ausländische) Durchreisende dramatisch teurer sind als die (vor allem von Inländern benutzten) Monats- oder Jahrestickets. Nicht anders als in Österreich, das sich gerade ganz besonders diskriminiert fühlt. Auch dort macht das für Österreicher relevante Jahres-Pickerl das Reisen auf nationalen Autobahnen um ein Vielfaches billiger als die 10-Tages- oder 2-Monats-Touristen-Plakette.

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Insofern sind das, was da aus dem Ausland an Klagegetöse über die Grenze schallt, größtenteils ziemlich verlogene Drohgebärden, denen irgendwann das Ende des Sommerlochs den Resonanzboden entziehen wird. Erstaunlich ist nur, dass sie von so vielen deutschen Politikern so unreflektiert aufgegriffen werden.

Und selbst wenn sich Niederländer oder Belgier (ob von Rachegelüsten getrieben oder der Hoffnung auf eine neue Einnahmequelle für Ihren Etat) dazu entschlössen, deutsche Reisende auf dem Weg zum Einkauf in Venlo oder den Urlaub an der Nordsee mit 10 Euro für den Transit zu belasten. Was soll’s. Eine Frikandel, ein Schälchen Fritten und ein Genever weniger, und die Kosten wären refinanziert. Und wahrscheinlich sparen wir uns nicht mal die.

Höchste Zeit also, dass die Mautdiskussion verdunstet wie eine Pfütze Benzin in diesen heißen Sommertagen.

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