WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Streitgespräch "Griechenland hängt der starke Euro wie ein Stein am Hals"

Seite 4/5

ARCHIV - Eine riesige Quelle: dpa

Altmaier: Also sind wir dabei durchzusetzen, dass Schuldenbremsen in alle nationalen Verfassungen kommen. Die Märkte kann man nicht nur mit Milliarden und Garantien beeindrucken, sondern auch mit politischer Führung und entschlossenem Handeln.

Willsch: Wir brauchen einen Euro 2.0, mit einem Paket klarer Anforderungen: Das sind die Regeln des Klubs, die kannst du annehmen oder draußen bleiben. Wer das nicht macht, fliegt raus. Ich weiß: Das hilft nicht zur Beseitigung der aktuellen Krise. Nur: Was du hier anbietest, ist auch nur weiße Salbe. Das wird jetzt auf Papier geschrieben, aber die letzte Vertragsänderung hat 15 Jahre gedauert.

Altmaier: Ich halte es für brandgefährlich, über den Ausschluss einzelner Euro-Staaten aus der Währungsunion zu sprechen. Es war sicherlich ein Fehler von Rot-Grün, Griechenland in den Euro aufgenommen zu haben. Aber jetzt hat Deutschland ein elementares Interesse, dass die Euro-Zone nicht erodiert.

Willsch: Der Jugendschutz geht auch nicht durch Kneipen und sagt: Na, wenn die Eingangskontrolle nicht in Ordnung war, dann dürfen sie bleiben und weiter trinken.

Altmaier: Der Unterschied ist, dass der Euro-Raum keine Kneipe ist und dass man mit Währungen nicht spielt.

Willsch: Also, eine Wirtschaft ist beides.

Altmaier: Wer heute diskutiert über die Mitgliedschaft von Griechenland im Euro, der wird morgen über die Mitgliedschaft eines anderen Landes im Euro diskutieren. Ich bin sehr froh, dass solche Debatten europaweit Gott sei Dank keine Resonanz finden. Erstmals gibt es Umfragen, in denen die Mehrheit der Deutschen sagt, sie möchte nicht zurück zur D-Mark. Das zeigt, dass diese Entwicklung inzwischen eine Qualität erreicht hat, die wir nicht aufs Spiel setzen sollten.

"Griechenland zahlt für Fehler in Vergangenheit"

Willsch: Es ist doch ein Ammenmärchen, zu glauben, der Euro würde schwächer, wenn Griechenland ausscheidet! Wenn ein Kostgänger des Systems ausscheidet, wieso soll das denn den Euro im Außenwert beeinträchtigen? Wir werden bald ein Europa der 28 haben, wenn die Kroaten dabei sind. Darunter sind 17 Euro-Staaten. Wenn dieser Währungsraum angepasst wird, bleiben ja trotzdem alle in der EU. Auch die Solidarität stellt keiner infrage. Fahr doch mal durch Griechenland, da stehen überall die großen blauen Tafeln: finanziert von der Europäischen Union. Da hat Deutschland alleine mit seinen Nettobeiträgen in der Euro-Zeit so viel aufgewendet, wie nach Griechenland und Portugal zusammen geflossen ist. Da brauchen wir uns nichts vorhalten zu lassen.

Altmaier: Griechenland verdient derzeit nicht am Euro, sondern zahlt einen hohen Preis für Fehler der Vergangenheit, wenn man sich die sozialen Unruhen ansieht, die Wohlstandseinbußen, die Kürzungen, die der Bevölkerung zugemutet werden. Aber dieser Preis muss einmal bezahlt werden. Meine Befürchtung ist: Wenn ein Land ob – freiwillig oder gezwungen – aus dem Euro-Raum aussteigen würde, geht der Schlendrian erst recht weiter, weil man den scheinbar bequemen Ausweg hat, den Wechselkurs zu senken und dadurch die Probleme zu verkleistern. Wir können uns aber, wenn wir mit wirtschaftlich starken Regionen wie China, Asien, den USA konkurrieren werden, nicht erlauben, dass wichtige Volkswirtschaften – nicht Griechenland, sondern Länder wie Italien, Spanien –, dass wichtige Volkswirtschaften in Europa dauerhaft ihre wirtschaftlichen Probleme nicht lösen. Das ist der entscheidende Punkt: Wir haben heute – nicht de jure, aber de facto – eine Verantwortungs- und Haftungsgemeinschaft, in der sich Fehler in einem Land in anderen Ländern auswirken.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%