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Streitgespräch Gut integriert

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Herr Asserate, was ist die Ursache der Migration?

Asserate: Ich kenne keinen einzigen Menschen auf der Welt, der freiwillig sein Heimatland verlässt. Also müssen wir uns doch die Frage stellen, wer die größten Produzenten von Migranten sind. Die Antwort ist einfach: in erster Linie die afrikanischen Gewaltherrscher. Die zum größten Teil von europäischen Staaten alimentiert werden. Auf der einen Seite schimpft man, dass wir so viele Migranten haben, auf der anderen tut man alles, damit immer mehr nach Deutschland kommen.

Von den 2010 in Deutschland gemeldeten sieben Millionen Ausländern stellen die Türken mit zwei Millionen die größte Gruppe. Ihre These beschreibt also nur einen Teil der Migranten.

Von Dohnanyi:  Es gibt türkische Bürger, die aus Armutsgründen das Land verlassen müssen. Das Problem, das Herr Asserate nennt, gilt auch für die Türken. Die sind nicht freiwillig weggegangen.

Herr Nassehi, laut SPD sollen "Menschen unabhängig von ihrer Herkunft am Haben und Sagen teilhaben können". Integration bedeutet also auch Öffnung?

Nassehi: Es ist viel komplizierter: Wir leben an ganz verschiedenen Kontaktstellen der Gesellschaft, sind Staatsbürger, nehmen am Wirtschaftsverkehr teil, müssen arbeiten, sind Gläubige oder auch nicht. Die individualisierten Leben, die wir führen, können wir eigentlich nur führen, weil wir eben gar nicht so stark in die Gesellschaft integriert sind, wie der Begriff es meint. Interessanterweise sind Migranten oft viel stärker integriert, nämlich in bestimmte Gruppen. Die Frage ist: Wie kann man dem Einhalt gebieten? Sicher nicht über moralische Gebote oder die Forderung nach einer Leitkultur. Was wir brauchen, sind Anreize, um diese Menschen temporär aus ihrer Primärgruppe herauszuholen. Die größten Verlierer unter den Migranten sind männliche Jugendliche, die teilweise ohne Abschluss die Schule verlassen. Für diese Menschen ist es rational, sich in Gruppen aufzuhalten, wo sie stark integriert sind.

Ist das nur eine Frage der Herkunft?

Nassehi: Es ist eher ein Unterschichtenproblem. Ähnliche Phänomene finden wir auch bei Deutschen. Integrationsversuche müssen bei Deutschen wie Nichtdeutschen in solchen Unterschichten-Communitys ansetzen. Für die muss es sich ökonomisch wie kulturell lohnen, sich zu öffnen.

Herr Asserate, Sie haben eine Schrift verfasst: "Integration oder die Kunst, mit der Gabel zu essen". Kommen wir mit Benimmregeln weiter?

Asserate:  Die Gabel ist ein Beispiel, die Erfindung stammt aus Byzanz. Ich wollte damit demonstrieren, dass etwas, das als ureuropäisch gilt, gar nicht von hier stammt. Wie viele Dinge: Bibliotheken, Cafés...

Was hat das mit Integration zu tun?

Asserate:  Ich denke, man sollte den anderen nicht nur als Gefahr sehen, sondern auch als Menschen, von dem man etwas lernen kann. Ich widerspreche der These vom "Clash of Civilizations". Auf lange Sicht fließen alle Kulturen ineinander.

Von Dohnanyi: Die Menschen, die in ein anderes Land kommen, müssen aber sehen, dass sie in eine neue Gesellschaft kommen und mit dieser leben lernen. Wenn sie das nicht tun, dann hat es auch keinen Sinn, wenn man selber offen ist. Beide Seiten müssen sich öffnen.

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