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Studie aus Dänemark Das bedeutet der Azubi-Mindestlohn für die Jobaussichten Jugendlicher

Quelle: dpa

Die Bundesregierung bringt den Mindestlohn für Auszubildende auf den Weg. Doch was bedeutet ein solcher Schritt für den Arbeitsmarkt? Eine Studie aus Dänemark zeigt die möglichen Folgen.

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Auch Auszubildende sollen künftig vom Mindestlohn profitieren. Das hat die Bundesregierung am Mittwoch beschlossen. Wer nächstes Jahr seine Lehre beginnt, soll mindestens 515 Euro bekommen, 2021 mindestens 585 Euro und in drei Jahren 620 Euro. Die Tarifpartner sollen regional oder in bestimmten Branchen nach unten von den neuen Untergrenzen abweichen können. Dahinter steht die Sorge, dass vor allem in Ostdeutschland, wo Azubis oft deutlich weniger verdienen als im Westen, ein Mindestlohn kleine Betriebe überfordern und somit auch Jobs kosten könnte. In etlichen Branchen stößt der Azubi-Mindestlohn deswegen auf Kritik.

Wie aber wirkt sich der Mindestlohn auf die Beschäftigung speziell junger Menschen aus? Das haben die Ökonomen Claus Thustrup Kreiner, Daniel Reck und Peer Ebbesen Skov in einer jüngst erschienenen Studie über den dänischen Arbeitsmarkt für die Fachzeitschrift „Review of Economics and Statistics“ untersucht. Ergebnis: Der durchschnittliche Stundenlohn steigt im Schnitt um 40 Prozent, wenn Arbeitnehmer 18 werden. Allerdings verlieren 33 Prozent der Jugendlichen an der Altersgrenze auch zunächst ihren Job.

Der Hintergrund ist eine Besonderheit der dänischen Arbeitsmarktpolitik. Dort erhalten junge Berufstätige unter 18 Jahren niedrigere Mindestlöhne. Sie variieren nach Branche und Tarifabschluss, einen einheitlichen Mindestlohn gibt es nicht. Im Durchschnitt verdienen Jugendliche in Dänemark den Berechnungen zufolge 46 Kronen pro Stunde weniger als volljährige Arbeitnehmer, das entspricht etwa sechs Euro.

Taugt das dänische Modell also als Alternative zur bisherigen Praxis, die Auszubildende, Praktikanten und minderjährige Arbeitnehmer ohne abgeschlossene Berufsausbildung vom Mindestlohn ausnahm? Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge verdienten Ende 2017 fast 65.000 Azubis in Deutschland weniger als 400 Euro im Monat, weitere 50.000 unter 500 Euro – zusammen mehr als sieben Prozent aller Auszubildenden. Unter der neuen Mindestlohn-Grenze lagen 2018 nach Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung beispielsweise Raumausstatter-Lehrlinge, die in Ostdeutschland 480 Euro im Monat verdienen, aber auch Schornsteinfeger mit 450 Euro und ostdeutsche Friseure mit 325.

Trotzdem stellte sich der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bislang gegen einen reduzierten Mindestlohn für Azubis. DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzel verwies im Gespräch mit der WirtschaftsWoche auf Erfahrungen aus den Niederlanden. Der dortige Mindestlohn wird inflationsbereinigt und nach Alter zwischen 20 und 22 Jahren gestaffelt errechnet. Die Folgen seien „Mini-Gehälter, Unterbietungswettkämpfe am unteren Ende der Lohnskala und ein Drehtüreffekt für junge Menschen“.

Dieser Sorge, Arbeitnehmer würden gegen jüngere, billigere Arbeitskräfte ausgetauscht, widmen sich auch die dänischen Ökonomen. Demnach dauert es zwei Jahre, bis die Beschäftigungsrate wieder den Stand an der Altersschwelle von 18 Jahren erreicht. Und auch dann wirkt ein früherer Jobverlust nach: Unter jenen, die mit 18 arbeitslos wurden, liegt die Beschäftigungsrate 15 Prozent niedriger als bei jenen, die ihren Job trotz Sprung beim Mindestlohn behalten haben.

Die Autoren widmen sich auch der Annahme, der Mindestlohn führe zu höherer Jugendarbeitslosigkeit. Tatsächlich würde selbst in konservativen Szenarien die Beschäftigungsquote Jugendlicher zwischen elf und 15 Prozent sinken, gälte statt dem reduzierten gleich der volle Mindestlohn. „Die Einführung eines niedrigeren Mindestlohns für junge Arbeitnehmer“, folgern Kreiner, Reck und Slov, „dürfte die Jugendarbeitslosigkeit in europäischen Ländern mit relativ hohem Mindestlohn senken“.

Ausgerechnet in Griechenland, dem Land mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit in der Europäischen Union, gibt die linke Syriza-Regierung das dänische Modell aber nun auf. Rund 15 Prozent geringeren Mindestlohn bekamen Arbeitnehmer unter 25 Jahren dort bislang. Trotzdem waren im Januar laut der Statistikbehörde Eurostat 39,1 Prozent von ihnen arbeitslos. Angesichts dessen nennt Premierminister Alexis Tsipras den verringerten Mindestlohn eine „unwürdige Maßnahme, die nichts gebracht hat, um die Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen“.

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