Studie zu Flüchtlingen Lange Asylverfahren verhindern Integration in den Arbeitsmarkt

Die schnelle Eingliederung von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt wird durch eine zu lange Ungewissheit beim Asylverfahren verhindert, zeigt eine Studie. Arbeitsministerin Nahles setzt auf ein Bundesprogramm.

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Die lange Ungewissheit beim Asylverfahren verhindert nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung die schnelle Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Zwar habe die Bundesregierung die Residenzpflicht und das Arbeitsverbot für Asylbewerber auf drei Monate verkürzt. Während der Wartezeit aber bleibe der Weg in den Job versperrt. Arbeitgebern sei die Unsicherheit zu hoch, stellt Studienautor Professor Dietrich Thränhardt in der am Dienstag veröffentlichen Untersuchung fest.

Im Schnitt dauere das Verfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlingen (BAMF) 7,1 Monate. Eritreer mit einer hohen Quote bei der Anerkennung aber warteten schon im dritten Quartal 2014 im Durchschnitt 10,1 Monate, Afghanen 16,5 Monate und Pakistani sogar 17,6 Monate.

Status und Schutz von Flüchtlingen in Deutschland

Eine große Mehrheit der Deutschen befürwortet eine schnellere Aufnahme von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt. Laut Studie sprechen sich 84 Prozent der Bundesbürger dafür aus. Bei der selben von TNS Emnid erstellten Umfrage äußerten 40 Prozent der Befragten allerdings die Meinung, dass Deutschland bereits jetzt an seine Belastungsgrenze bei der Aufnahme von Flüchtlinge stoße.

„Die Aufnahme von Flüchtlingen ist eine wichtige humanitäre Aufgabe“, sagt Jörg Dräger vom Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. „Je erfolgreicher und schneller die Integration in den Arbeitsmarkt gelingt, desto eher können Bedenken entkräftet werden.“

Die Studie empfiehlt der Politik ein ganzes Maßnahmen-Bündel, um die Integration zu beschleunigen. Vorrang müsse haben, den Bearbeitungsstau bei den Asylverfahren aufzuheben. Die Studie beklagt, dass in keinem anderen EU-Land dieser Stau so lang sei. Bis Ende Februar 2015 sei die Zahl der offenen Anträge auf 243 820 angewachsen. Dräger begrüßt zwar die Ankündigung, dass das zuständige Bundesamt 2000 zusätzliche Stellen bekommt. Die Qualität der Entscheidungen müsse aber auch verbessert werden. 13 Prozent der Asylbescheide würden von den Gerichten korrigiert.

Über das Mittelmeer nach Europa: Zahlen zu Flüchtlingen

Bereits während der Wartezeit sollten die Asylbewerber Deutsch lernen können, laut Studie ist das aber bislang nur in fünf Bundesländern möglich. Zusätzlich sollten Ausbildungsstand, Arbeitserfahrung und Berufsperspektiven erfasst und an die Bundesanstalt für Arbeit weitergereicht werden. So könne, so die Studie, spätestens nach drei Monaten die aktive Arbeitsvermittlung starten.

Nahles will Bundesprogramm für Jobmarkt-Integration

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat das Problem im Blick und möchte sich für ein Bundesprogramm zur Jobmarkt-Integration von Flüchtlingen stark. „Die Zahl der Flüchtlinge steigt und viele Menschen werden aufgrund der Situation in ihren Herkunftsländern dauerhaft in Deutschland bleiben“, sagte die Ministerin am Sonntag in Berlin. „Wenn wir am Anfang in die Menschen investieren, vermeiden wir dauerhafte Sozialausgaben und ermöglichen ihnen ein eigenständiges Leben.“

Auch die Arbeitgeber fordern bessere Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für Flüchtlinge in Deutschland. Allein bei technischen, IT-, naturwissenschaftlichen oder mathematischen Berufen fehlen den Unternehmen derzeit laut einer vor wenigen Tagen vorgestellten Studie der Wirtschaft mehr als 137. 000 Arbeitskräfte.

In Arbeit
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Nahles sagte: „Es geht um die finanziellen und personellen Voraussetzungen in den Jobcentern, die Flüchtlinge in Arbeit bringen zu können.“ Diese Investition in die Zukunft sei bislang unterfinanziert. Über die laufenden Mittel des Europäischen Sozialfonds hinaus „brauchen wir ein eigenständiges Bundesprogramm“. Mehr Geld sei nötig für berufsbezogene Sprachkurse und Eingliederung in Arbeit.

Infolge des jüngsten Flüchtlingsgipfels von Bund und Ländern tagt an diesem Dienstag eine Arbeitsgruppe von Bundesministerien und den Ländern. Sie verhandelt über mehr Sprachkurse, Bildung und Berufsvorbereitung. Dies dient der Vorbereitung des nächsten Bund-Länder-Flüchtlingstreffens am 11. Juni.

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