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Studie zum Gerechtigkeitssinn Arme Kinder sind mit ihrem Leben unzufriedener

Was ist gerecht und was ungerecht? Eine Studie von "World Vision" zeigt, das schon Kinder einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben. Und: Ärmere Kinder sind mit ihrem Leben deutlich weniger zufrieden.

Ein Kind schaukelt vor einem Hochhaus in Meschenich bei Köln. Ärmere Kinder in Deutschland sind laut einer neuen Studie unzufriedener mit ihrem Leben als ihre Altersgenossen. Quelle: dpa

Was ist Gerechtigkeit? „Dass man miteinander teilt und nicht jemanden einfach so stehen lässt“, antwortet eine Siebenjährige, und ein Zehnjähriger: „Dass jeder gleich behandelt wird und die gleichen Möglichkeiten hat.“ Insgesamt 2500 Kinder zwischen sechs und elf Jahren wurden in Deutschland für die 3. World Vision Studie mit Schwerpunkt Gerechtigkeit befragt. Geleitet wurde die Studie von einem Team um den Sozialwissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann (Hertie School of Governance ) und der Kindheitsforscherin Prof. Sabine Andresen (Goethe-Universität-Frankfurt). Auch zu Lebenszufriedenheit und Mitbestimmungsrechten in Familie, Schule und Freizeit machten die Kinder Angaben.

Die internationale Hilfsorganisation „World Vision“ will mit der Studie zeigen, dass Kinder als Spezialisten ihrer eigenen Erlebniswelt gehört und ernst genommen werden, nicht nur von Eltern und Pädagogen, sondern auch von Wissenschaftlern und Politikern. Christoph Hilligen, Vorstand "World Vision", betont: „Der Abbau von finanziellen, sozialen und kulturellen Ungleichheiten sollte im Vordergrund einer neuen Politik stehen. Diese Forderung ergibt sich aus der Verfassung der Bundesrepublik und garantiert jedem Gesellschaftsmitglied ohne Ansehen ihres Alters, ihrer Herkunft oder ihres Geschlechts ein würdiges Leben.“

Das Ergebnis dennoch überraschend: Nur jeder zweite findet, dass es in Deutschland insgesamt gerecht zugeht.

Was Kinder über Gerechtigkeit denken
Gerechtigkeit zwischen den GenerationenÜberraschend: Nur jedes zweite Kind findet, dass es in Deutschland insgesamt gerecht genug zugeht. 42 Prozent gaben beispielsweise an, dass sie den Umgang mit älteren Menschen „sehr ungerecht“ finden. 40 Prozent gaben an, dass dies auch Menschen ausländischer Herkunft betreffe. Als besonders gerecht empfanden die Kinder dagegen den Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Quelle: dpa
Gerechtigkeit im AlltagIn der Familie und unter Freunden fühlen sich gut 90 Prozent der Kinder grundsätzlich gerecht behandelt, in der Schule etwa 80 Prozent – ein positives Ergebnis. Überhaupt in die Schule gehen zu können, gehört für viele der Befragten zum Thema Gerechtigkeit dazu. Quelle: dpa
GesellschaftsschichtenÄrmere Kinder sind mit ihrem Leben deutlich unzufriedener als Altersgenossen aus höheren sozialen Schichten. Während aus der Ober- und Mittelschicht etwa 90 Prozent der Sechs- bis Elfjährigen rundum zufrieden sind und sich auch von Eltern und Lehrern gut unterstützt fühlen, äußern sich knapp 30 Prozent der Kinder aus einfachen Verhältnissen dazu negativ oder bestenfalls neutral. Quelle: dpa
GerechtigkeitssinnFür die Kindheitsforscherin Sabine Andresen zeigen die Kinder einen erstaunlichen Sinn für Gerechtigkeit: „Es ist wiedermal erstaunlich, mit welcher Klarheit Kinder ihre Umwelt und ihre Mitmenschen betrachten und bewerten“, sagte sie. Auf die Frage, was für sie Gerechtigkeit bedeute, antwortete beispielsweise eine Siebenjährige: „Dass man miteinander teilt und nicht jemanden einfach so stehen lässt." Quelle: dpa
SchulabschlussHier zeigt sich: Der Unterschied zwischen den Schichten ist leider immer noch aktuell. Während Kinder der obersten Bildungsschicht zu 71 Prozent das Abitur anstreben, geben nur 16 Prozent der untersten Bildungsschicht an, das Abitur machen zu wollen. Dem größten Teil, 37 Prozent, reicht hier der Realschulabschluss, 17 Prozent sogar die Hauptschule. Zum Vergleich: In der gehobenen Schicht gab nur ein Prozent der befragten Kinder an, mit einem Hauptschulabschluss zufrieden zu sein. Quelle: dpa
FreizeitbeschäftigungPlaystation, Computer und Fernsehen liegen bei den Kids im Trend. Vor allem Jungen aus den unteren Schichten geben an, einen großen Teil ihrer Freizeit vor dem Fernseher zu verbringen (87 Prozent). 56 Prozent nannten als liebste Freizeitaktivität Playstation und Computerspiel. Musik machen und ins Theater gehen schnitten mit zwei und vier Prozent am schlechtesten ab. Für Mädchen aus gehobeneren Schichten stehen hingegen Lesen, Musik machen und Freunde treffen im Mittelpunkt. Quelle: AP


In Deutschland würden vor allem ärmere Menschen ungerecht behandelt, findet mehr als die Hälfte der Kinder. 40 Prozent gaben an, dass dies auch Menschen ausländischer Herkunft betreffe. In der Familie und unter Freunden fühlen sich hingegen 90 Prozent der Kinder grundsätzlich gerecht behandelt, in der Schule etwa 80 Prozent.

Auch zeigte sich: Ärmere Kinder sind mit ihrem Leben deutlich unzufriedener als Altersgenossen aus höheren sozialen Schichten. Während aus Ober- und Mittelschicht etwa 90 Prozent der Sechs- bis Elfjährigen rundum zufrieden sind und sich auch von Eltern und Lehrern gut unterstützt fühlen, äußern sich knapp 30 Prozent der Kinder aus einfachen Verhältnissen dazu negativ oder bestenfalls neutral.
„Es ist wieder mal erstaunlich, mit welcher Klarheit Kinder ihre Umwelt und ihre Mitmenschen betrachten und bewerten“, sagte Kindheitsforscherin Prof. Sabine Andresen, die die Studie zusammen mit Sozialwissenschaftler Prof. Klaus Hurrelmann leitete. „Betrüblich ist, dass sich in Bezug auf benachteiligte Kinder wenig getan hat.“

In Arbeit
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So haben Kinder aus benachteiligten sozialen Schichten laut Studie auch die geringsten Selbstbestimmungsmöglichkeiten im Alltag. Während insgesamt 90 Prozent der Kinder - abhängig vom Alter - selbst entscheiden, mit welchen Freunden sie sich treffen und was sie in ihrer Freizeit machen, dürfen dies nur drei von vier Kindern aus einfachen Verhältnissen. 32 Prozent der Kinder wachsen in Familien auf, in denen nur ein Elternteil arbeitet. 12 Prozent der Kinder wachsen bei einemalleinerziehenden Elternteil auf, der auch in Vollzeit arbeitet. Diese Kinder und Kinder von arbeitslosen Eltern beklagen sich am häufigsten, dass ihre Eltern zu wenig Zeit hätten. Dagegen klagen Kinder, bei denen Mutter und Vater arbeiten, am wenigsten über den Zeitmangel ihrer Eltern.
Forscher schließen: „Im Ergebnis muss davon ausgegangen werden, dass auch weiterhin etwa ein Fünftel der Kinder in ihren Entwicklungsmöglichkeiten maßgeblich aufgrund ihrer sozialen Herkunft eingeschränkt sind."

Eine Präsentation mit Daten und Fakten rund um die Ergebnisse der Studie können Sie beim World Vision Institut herunterladen.

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