Studie zur Arbeit 4.0 Roboter könnten jeden vierten Job übernehmen

Halten die Beschäftigten noch Schritt mit der Digitalisierung? Eine neue IAB-Studie zeigt, wie viele Jobs Roboter übernehmen könnten.

Kollege oder Konkurrent? Quelle: picture alliance / Friso Gentsch

BerlinDie Roboter verlassen ihre Käfige. Bisher verrichteten die elektronischen Helfer ihre Arbeit vor allem in abgeschirmten Bereichen der Autoproduktion oder bei Maschinenbauern – immer die gleiche Bewegung, dutzendfach in einer Minute. Der Mensch war gut beraten, sich aus ihrem Aktionskreis fernzuhalten, wollte er nicht ernsthafte Verletzungen riskieren.

Die modernen Exemplare der Roboter sind feinfühliger geworden. Statt stumpf mechanische Verrichtungen zu übernehmen, suchen sie sich selbstständig ihren Weg durch Lagerhallen, bringen Patienten das Essen ans Krankenbett oder reichen Monteuren schwere Teile an. Die Maschine wird zum Kollegen.

Die Befreiung der Roboter ist nur eine Facette der sich verändernden Arbeitswelt. Computerprogramme sind heute in der Lage, selbstständig zu lernen. Versicherungsanträge oder Steuererklärungen lassen sich vollautomatisch prüfen. Und der 3D-Druck verdrängt Modellbauer oder Zahntechniker aus Werkhallen und Laboren.

„Die Digitalisierung führt in vielen Bereichen zu einer rasanten Entwicklung“, schreiben die Forscherinnen Katharina Dengler und Britta Matthes vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in einer neuen Studie. Deshalb müssten die möglichen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und potenzielle Jobverluste auch immer wieder neu bewertet werden.

Genau das haben Dengler und Matthes nun getan und ihre erste Studie zum Thema aktualisiert. Diese war 2015 erschienen und fußte auf Daten des Jahres 2013. Damals arbeiteten 15 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in einem Beruf, den mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann ein Roboter oder Algorithmus übernimmt.

Dieser Anteil ist bis zum Jahr 2016 auf 25 Prozent angestiegen. Das sind immerhin fast acht Millionen Arbeitnehmer. Die Studienautorinnen erklären den Anstieg damit, dass es in den drei Jahren viele neue Technologien zur Marktreife gebracht haben, wie etwa der 3D-Druck.

Die neuen Zahlen lassen aufhorchen, gehörte das IAB doch bisher eher nicht zu den Kassandrarufern, wenn es um möglich Folgen der Arbeit 4.0 auf die Beschäftigungsentwicklung ging. Anders etwa als die Oxford-Ökonomen Carl Benedikt Frey und Michael Osborne, die 2013 in einer vielbeachteten Studie prognostiziert hatten, dass 47 Prozent aller Jobs in den USA in den kommenden zehn bis 20 Jahren durch intelligente Roboter oder Software ersetzt werden könnten.

Aus Sicht der IAB-Expertinnen muss es in der digitalen Arbeitswelt nicht zwingend zu Jobverlusten kommen. Zum einen entstehen neue Arbeitsplätze, weil etwa die 3D-Drucker auch gebaut und gewartet werden müssen. Auch könne die Nachfrage nach Produkten steigen, weil durch den Einsatz neuer Technologien die Preise sinken.

Und wenn ein Beruf das Potenzial hat, durch Maschinen ersetzt zu werden, heißt das noch lange nicht, dass am Ende auch tatsächlich Kollege Computer übernimmt. So kann es etwa sein, dass seine Arbeit noch teurer ist als die von Menschenhand. Oder dass ethische Gründe gegen den Einsatz sprechen, etwa weil man Kranken den Pflegeroboter dann doch nicht zumuten will.


Spezialisten sind sicherer als Fachkräfte

Dennoch stellen die Forscherinnen einen kleinen, aber doch signifikanten Zusammenhang zwischen Technologieeinsatz und Beschäftigungsentwicklung fest. Wenn das Substituierbarkeitspotenzial um zehn Prozentpunkte steigt, sinkt das Beschäftigungswachstum um einen Prozentpunkt.

Potenzial für den Ersatz menschlicher Arbeitskraft durch Technik gibt es quer durch alle Branchen und Qualifikationsniveaus. Vor allem bei Helferberufen ist die Automatisierung in den zurückliegenden Jahren weiter vorangeschritten. Konnten in diesem Segment 2013 noch 46 Prozent der Tätigkeiten theoretisch auch von Computern erledigt werden, so waren es 2016 schon 58 Prozent. In Fachkraftberufen sind 54 Prozent der Tätigkeiten betroffen, bei Spezialisten mit Meistertitel oder Bachelor-Abschluss 40 Prozent und bei Experten mit mindestens vierjährigem abgeschlossenen Hochschulstudium immerhin noch 24 Prozent.

Generell gilt, dass die Bedrohung durch den technologischen Fortschritt mit dem Qualifikationsniveau abnimmt. Dennoch ist auch bei den Expertenberufen der Anteil der potenziell ersetzbaren Tätigkeiten im Untersuchungszeitraum um sechs Prozentpunkte gestiegen.

Betrachtet man die unterschiedlichen Berufssegmente, so ist das Potenzial für den Einsatz von Robotern und Maschinen in den Fertigungsberufen immer noch am höchsten. Für 70 Prozent der Tätigkeiten ist demnach kein Mensch aus Fleisch und Blut mehr erforderlich.

Hier hat es allerdings seit dem Jahr 2013 nur noch eine relativ geringe Veränderung gegeben. Besonders rasant vollzieht sich der Wandel derzeit in den Sparten Verkehr und Logistik, bei unternehmensnahen Dienstleistungen, in Reinigungsberufen und im Handel.

In der Logistik lassen sich heute 56 Prozent der Tätigkeiten potenziell durch Computer erledigen, 2013 waren es erst 36 Prozent. Ein Grund ist, dass der Material- und Warenfluss in einer Fertigungslinie heute oft schon weitgehend vollautomatisch abläuft. Im Handel kommt Kollege Computer etwa bei der automatischen Wareneingangskontrolle zum Einsatz und ersetzt dort Personal.

Damit die Arbeit 4.0 nicht zur Beschäftigungsbremse wird, empfiehlt das IAB als Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit (BA) vor allem größere Aus- und Weiterbildungsanstrengungen. Weil das Wissen immer schneller veralte, reiche die Erstausbildung immer seltener aus, um den Anforderungen eines gesamten Arbeitslebens gewachsen zu sein, heißt es in der Studie: „Lernen im Erwerbsleben muss deshalb zur Normalität werden.“

Union und SPD haben darauf in ihrem Koalitionsvertrag reagiert. Sie versprechen unter anderem eine „Nationale Weiterbildungsstrategie“, die Antworten auf den digitalen Wandel der Arbeitswelt gibt. Außerdem soll es, wenn es zur Großen Koalition kommt, ein Recht auf Weiterbildungsberatung bei der BA geben. Das Initiativrecht der Betriebsräte bei Weiterbildungen wollen die Parteien ebenfalls stärken.

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