Studie zur Lebenserwartung: Wer früher stirbt, war länger arm
Platz 10: Hamburg
Laut einer Erhebung der Bausparkasse Mainz (BKM) gehören Regionen weit von den Großstädten zu den Gegenden mit der höchsten Wohngesundheit. Doch die Studie zeigt auch, wo die Gesundheitsbelastung am höchsten ist. Dazu hat das Unternehmen Gesundheitsfaktoren in verschiedenen Postleitzahlgebieten miteinander verglichen – darunter die Feinstaub-Belastung, Grundwasser- und Lichtverschmutzung sowie Lärm und Hochwassergefahr.
Gerade so in die negative Top Ten gerutscht ist das Aushängeschild des Nordens: Hamburg. Die Hansestadt stellt zudem den Ausreißer in dem sonst regional sehr klar verteilten Ranking dar. Besonders gravierend fließt die Hochwassergefahr in die Wertung mit ein. Weiterhin befinden sich die Lichtverschmutzung und Lärmbelästigung auf einem hohen Level. Positiv: Der Stadtstaat ist quasi frei von jeglicher Bodenversauerung.
Für die Studie wurden verschiedene öffentlich zugängliche Umweltdaten zusammengefasst etwa von Umweltbundesamt, Robert-Koch-Institut oder dem Bundesamt für Kartographie und Geodäsie. Die Bausparkasse Mainz hat die einzelne Faktoren dann gewichtet und so ein Gesamtergebnis für die Gesundheitsqualität erstellt. Innerhalb der einzelnen Regionen können die Belastungen natürlich unterschiedlich hoch sein.
Foto: dpaPlatz 9: Duisburg
Die positive Nachricht für Duisburg lautet der Studie zufolge: keine Hochwassergefahr. Dafür ist der Boden versauert, der Lärmpegel viel zu hoch und die Lichtverschmutzung weit über dem Normbereich.
Foto: dpa Picture-AlliancePlatz 8: Mönchengladbach
Die Mönchengladbacher haben mit 81,8 Jahren eine durchaus hohe Lebenserwartung. Feinstaub- und Stickoxidwerte in der Luft sind ebenfalls in Ordnung. Allerdings ist das Grundwasser verschmutzt, der Boden versauert und die Hochwassergefahr gilt als hoch.
Foto: DPAPlatz 7: Halle (Saale)
In Halle fällt die Lebenserwartung mit durchschnittlich 78,5 Jahren relativ gering aus. Während die Luftverschmutzung durch Feinstaub und Stickstoffoxid verhältnismäßig gering ausfällt, ist der Radongehalt gefährlich hoch. Bei Radon handelt sich dabei um ein Edelgas, das überall auf der Erde vorhanden ist und zur natürlichen Erdradioaktivität beiträgt. Ein erhöhter Radongehalt in der Atemluft kann zu gesundheitlichen Belastungen, insbesondere zu Erkrankungen der Lunge führen.
Foto: dpa Picture-AlliancePlatz 6: Chemnitz
In Chemnitz findet sich der höchste Radongehalt in der Luft. Außerdem leidet die Stadt unter extrem großer Lichtverschmutzung und versauertem Boden. In Ordnung sind dafür das Grundwasser und die Feinstaubwerte.
Foto: dpa Picture-AlliancePlatz 5: Leipzig
Die größte Gefahr besteht in Leipzig durch Lichtverschmutzung. Als Lichtverschmutzung bezeichnet man die Aufhellung des Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen wie Straßenlaternen, Leuchtreklamen oder angestrahlte Gebäude und Sehenswürdigkeiten. Ein gestörter Tag-Nacht-Rhythmus kann die Psyche belasten und Depressionen begünstigen. Außerdem sind in Leipzig die Werte für Radon, Grundwasserverschmutzung und Lärmbelästigung besonders kritisch.
Foto: dpa Picture-AlliancePlatz 4: Dresden
Die Lebenserwartung in Dresden liegt mit 80,7 Jahren im guten Mittelfeld. Maximal schlechte Werte erreicht die Stadt in den Punkten Lichtverschmutzung und Bodenversauerung. Auch die Verschmutzung des Grundwassers ist viel zu hoch. Laut Trinkwasserverordnung darf der Nitratgehalt im Trinkwasser den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter nicht überschreiten. In Dresden liegt er jedoch darüber. Grund für die Belastung der Grundwasserqualität ist vor allem der Eintrag von Stickstoff und Dünger aus der Landwirtschaft.
Foto: dpaPlatz 3: Essen
Unter die Top Drei der ungesündesten Regionen Deutschlands hat es Essen geschafft. Schuld sind die hohe Belastung durch Feinstaub und Radon. Außerdem werden äußerst hohe Werte bei Lichtverschmutzung, Bodenversauerung und Lärmbelästigung gemessen. Die Hochwassergefahr ist ebenfalls teilweise groß. In Ordnung ist dafür das Grundwasser.
Foto: dpaPlatz 2: Köln
Die Lebenserwartung in Köln ist mit 81,8 Jahren hoch. Die Feinstaubbelastung ist gering. Trotzdem befindet sich die Stadt auf Platz zwei der ungesündesten Städte Deutschlands. Denn in allen anderen Kategorien schneidet Köln mit Werten weit unter dem Normbereich ab.
Foto: dpaPlatz 1: Oberhausen
Die ungesündeste Stadt in Deutschland ist laut Bausparkasse Mainz Oberhausen. Einzig im grünen Bereich liegen hier die Werte für Radon. Viel zu hoch sind dagegen die Werte für Bodenversauerung und Lichtverschmutzung. Außerdem leidet die Stadt unter Lärmbelästigung, Grundwasserverschmutzung und hohem Stickstoffdioxid- und Feinstaubgehalt in der Luft. Eine zu hohe Feinstaubbelastung kann zu Schädigungen der Atemwege und der Lunge führen und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Für die Feinstaubkonzentration in der Luft gilt ein Zielwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter im Jahresmittel, der nicht überschritten werden sollte. In Oberhausen liegt die Konzentration über dem Zielwert.
Für die Studie wurden verschiedene öffentlich zugängliche Umweltdaten zusammengefasst etwa von Umweltbundesamt, Roland-Koch-Institut oder dem Bundesamt für Kartographie und Geodäsie. Die Bausparkasse Mainz hat die einzelne Faktoren dann gewichtet und so ein Gesamtergebnis für die Gesundheitsqualität erstellt. Innerhalb der einzelnen Regionen können die Belastungen natürlich unterschiedlich hoch sein.
Foto: dpaDie durchschnittliche Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten in fast allen Ländern stark gestiegen – und steigt weiter. Aber Unterschiede im Wohlstand und der Bildung wirken sich zunehmend auch auf das Lebensalter aus. Sowohl im globalen Vergleich als auch innerhalb der Gesellschaften führt die soziale Spaltung zu großen Unterschieden bei der Lebenserwartung. Darauf macht das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in seiner heute veröffentlichten Studie „Hohes Alter, aber nicht für alle“ aufmerksam.
Geburtstagskerzen werden knapp: Schätzungen der Vereinten Nationen zufolge hatten 1990 weltweit 95.000 Menschen ihren 100. Geburtstag hinter sich. 2015 waren es bereits fast fünfmal mehr. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen dürfte sich ihre Zahl bis 2050 gegenüber heute verachtfachen. (Zum Vergrößern bitte anklicken)
Foto: WirtschaftsWocheDie weltweite Lebenserwartung steigt seit rund hundert Jahren an, in den früh entwickelten Ländern Europas und Nordamerikas schon seit rund 200 Jahren. Der Anstieg ist steil und von kurzen oft regionale begrenzten Einbrüchen durch Kriege und Katastrophen abgesehen stetig. „Von geschätzt rund 30 Jahren um 1900 ist die Menschheit heute bei einem Durchschnitt von rund 71 Jahren angelangt – ein Zugewinn an Lebenszeit von etwa dreieinhalb Jahren pro Jahrzehnt. Frauen in Japan, die weltweiten Spitzenreiterinnen, kommen heute im Mittel auf fast 87 Jahre“, heißt es in der Studie.
Das sieht das nach einem ungebrochenen aus. Selbst wo der Aufwärtstrend zwischenzeitlich stagnierte oder sogar zurückging, etwa in den 1990er Jahren durch die HIV/Aids-Epidemie in Afrika und Asien, ist ein Aufholprozess zu beobachten. In den Industrieländern beruht der stetige Anstieg der Lebenserwartung wesentlich darauf, dass sich durch moderne Medizin und Prävention die Überlebenswahrscheinlichkeit für die hohen Altersgruppen erhöht hat. Biostatistiker rechnen damit, dass die Lebenserwartung mit der Fortentwicklung der medizinischen Versorgung weiter steigt. Hochrechnungen zufolge könnten südkoreanische Mädchen des Geburtsjahrganges 2030 sogar über 90 Jahre alt werden.
Sozialstatus und Bildung entscheidend
Den grenzenlosen Optimismus vieler Forscher, die von einem weiteren ungebremsten Anstieg der Lebensdauer ausgehen, will die Autorin der Berlin-Institut-Studie, Sabine Sütterlin, aber nicht teilen: „Es gibt auch Entwicklungen, die zumindest regional beziehungsweise in bestimmten Schichten der Gesellschaft den Anstieg bremsen.“ Die Gesundheit und damit die Lebenserwartung werde wesentlich von zwei Faktoren bestimmt: Sozialstatus und Bildung. „In vielen Industrieländern ist die Gesellschaft gespalten in Gruppen, die ein sehr hohes Alter erreichen und dabei lange fit und gesund bleiben, und weniger Privilegierte, die tendenziell eher riskante Verhaltensweisen pflegen, denen der Lebensstress zusetzt, die häufiger erkranken und früher sterben.“
Arme und wenig Gebildete sterben früher: In Deutschland leben Frauen und Männer mit höherem sozioökonomischem Status deutlich länger als Vergleichsgruppen mit mittlerem oder niedrigem Status. (Zum Vergrößern bitte anklicken)
Foto: WirtschaftsWocheSo ist für neugeborene Jungen im wohlsituierten bayerischen Landkreis Starnberg mit rund acht Jahren mehr Lebenszeit zu rechnen als für Jungen in der ehemaligen Schuhmacher- und mittlerweile Arbeitslosenstadt Pirmasens in Rheinland-Pfalz. In den USA liegen sogar rund 20 Jahre zwischen dem Bezirk (County) mit der höchsten und jenem mit der niedrigsten mittleren Lebenserwartung.
„Viele Studien belegen, dass zwei Faktoren entscheidend sind für gesundheitliche Ungleichheit und damit das Risiko, vorzeitig zu sterben: der Sozialstatus und das Bildungsniveau“, sagt Reiner Klingholz, der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Je niedriger der sozioökonomische Status, desto höher die subjektiv erlebte Stressbelastung. Auf Dauer fördert dieser Lebensstress die Entstehung von körperlichen Erkrankungen, Depressionen und anderen psychischen Störungen. Hinzu kommt, dass Risikofaktoren für die Gesundheit wie Bewegungsmangel, Übergewicht und Rauchen in Gruppen mit niedrigem Sozialstatus überproportional häufig vorkommen. „Gesellschaft und Politik müssen aktiv werden, um diese Ungleichheiten zu verringern“, so das Fazit der Studie.
Die Rentengrenze von 65 ist obsolet
Angesichts der steigenden Lebenserwartung hält Sütterlin die hergebrachte Altersgrenze von 65 Jahren in der Arbeitswelt für obsolet. Sie schlägt wie die amerikanischen Demografen Warren Sanderson und Sergei Scherbov die Orientierung am durchschnittlich zu erwartenden Lebensende vor. Die Empfindung der Alterung der Gesellschaften würde sich ändern, wenn anstelle der festen Größe 65 die jeweils durchschnittlich verbleibenden 15 Lebensjahre gelten würden. „Die herkömmliche Dreiteilung des Lebens in Ausbildung-Arbeitsphase-Ruhestand lässt sich nicht aufrechterhalten“, glaubt Sütterlin. „Die Menschen werden künftig länger arbeiten, aber die Arbeit stufenweise ausklingen lassen.“