WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Studiengebühren Was bringt die Campus-Maut?

Noch nehmen zwei Bundesländer Geld fürs Studium. Doch schon bald dürfte es damit vorbei sein: In Niedersachsen will die neu gewählte Landesregierung die Gebühren abschaffen, in Bayern kommt ein Volksentscheid. Dabei gibt es gute Argumente für die Gebühren. Zeit für eine nüchterne Bestandsaufnahme.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Die neugewählte Landesregierung in Niedersachsen will die Studiengebühren abschaffen und auch in Bayern könnte es durch den Volksentscheid bald damit vorbei sein. Quelle: dpa

Von einer Ära der Studiengebühren zu sprechen, die nun bald zu Ende gehen könnte, wäre vermessen. Anfang 2005 kippte das Bundesverfassungsgericht das Verbot allgemeiner Studienbeiträge. Was in den Jahren danach folgte, war der vorsichtige Versuch einiger weniger  Bundesländer, für das Studium Geld zu verlangen. Die Summe von 500 Euro pro Semester übertrafen die Gebühren nirgendwo. Gerechnet auf einen dreijährigen Bachelorstudiengang bedeutete dies also eine Belastung von 3.000 Euro. Auch mit einem angeschlossenen Master-Studiengang oder nur mit etwas Bummelei dürfte ein Uni-Abschluss in Deutschland nicht mit mehr als 5.000 Euro zu Buche geschlagen haben.

Studium in Italien erstaunlich teuer
EnglandEnglische Universitäten sind am teuersten. Bis zu 11.500 Euro müssen Studierende pro Studienjahr zahlen. Bislang mussten Studierende in England, Wales und Nordirland für einen grundständigen Bachelor-Studiengang jährlich maximal 4200 Euro bezahlen. Ab 2012 können zwischen etwa 7.500 und 11.200 Euro verlangt werden. Ein nationales Stipendienprogramm soll vor allem Studierende mit wenig Einkommen unterstützen. Grundsätzlich erhalten Studierende in England - wie in Deutschland - ein Darlehen, das es ihnen ermöglicht die Gebühren zu zahlen. Zurückzahlen müssen sie sie erst, wenn sie eine relativ gut bezahlte Stelle gefunden haben. Quelle: REUTERS
LiechtensteinVor idyllischer Kulisse ist das Studium in Liechtenstein eines der teuersten in Europa. Pro Jahr müssen alle Studierenden aus dem In- und Ausland etwa 1240 Euro pro Jahr bezahlen. Die staatliche Hilfe beträgt maximal 20.700 Euro, von denen 40 bis 60 Prozent Zuschüsse sind, der Rest Darlehen. Quelle: gms
Universität Bologna Quelle: Creative Commons-Lizenz
Universitätsbibliothek Sofia Quelle: dpa
Firmenschild der Universität Sorbonne Quelle: Presse
PortugalDie Gebühren für das Bachelor-und das Masterstudium sind weitestgehend gleich und liegen bei mindestens 631 Euro und maximal bei 999,71 Euro. Die Höhe wird jedes Jahr vom Bildungsministerium bestimmt und wird unter anderem von der Inflation beeinflusst. Stipendien können auf Basis des Nutzens und der Leistung berechnet werden. Das Begabtenstipendium beträgt 2425 Euro. Quelle: dapd
Universität Sofia Quelle: dpa

2013 droht dem hochschulpolitischen Experiment trotzdem schon wieder der Abbruch. Von einst sieben Bezahl-Ländern sind noch zwei übrig geblieben: Niedersachsen und Bayern. Die zukünftig amtierende rot-grüne Regierung in Hannover hat das Ende der Beiträge angekündigt; in Bayern wird ein Volksentscheid die unpopuläre Campus-Maut aller Voraussicht nach kippen (die CSU will sie mittlerweile auch loswerden).

Ein ideologisch aufgeladener Konflikt wird damit beendet, vorerst zumindest, denn entschieden ist er nicht wirklich. Die inhaltliche Bilanz der Studiengebühren fällt besser aus, als es der politische Rückzug vermuten ließe.

Etappensieg für die Gegner der Studiengebühren

Attraktivität des Studiums

Noch nie waren die Hörsäle und Bibliotheken in Deutschland so voll wie heute. Rund 2,5 Millionen Menschen studieren derzeit an Universitäten und Fachhochschulen. Natürlich: Einige Sondereffekte tragen dazu bei. Viele Ausländer drängen nach Deutschland, nicht zuletzt dank der stabilen Wirtschaftslage und der guten Jobaussichten. Und die verkürzten Schuljahrgänge spülen zudem doppelte Abi-Jahrgänge in die Hochschulen.

Doch auch abgesehen davon ist die Nachfrage nach akademischer Bildung so hoch wie noch nie: Fast 54 Prozent eines Jahrgangs beginnen mittlerweile ein Studium, 2002 waren es noch 37 Prozent. Es gibt keinen belastbaren Beleg, dass Studiengebühren auf die Studierneigung einen dämpfenden Effekt gehabt hätten. Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin hatte die Frage zuletzt 2011 untersucht. Fluchtbewegungen von Bezahl- in Gratisländer gab es ebenfalls kaum oder gar nicht, analysierte der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft.

Atmende Finanzierung

Die Noteninflation an den Unis
Sprach- und KulturwissenschaftenIm Prüfungsjahr 2000 bekamen 80,5 Prozent der Absolventen (ohne Promotionen) die Noten sehr gut oder gut. 2011 waren es schon 88,4 Prozent. Quelle: destatis Quelle: dapd
SportDer Anteil der sehr guten und guten Noten veränderte sich zwischen 2000 und 2011 von 80,4 auf 83,3 Prozent. Quelle: Fotolia
Rechts-, Wirtschafts- und SozialwissenschaftenIn Jura wird traditionell streng benotet. Bei Soziologen und Ökonomen dagegen nicht. Gemeinsam ergibt sich dadurch ein Anteil der Einser- und Zweier-Zeugnisse von 55,3 (2000) beziehungsweise 71,8 Prozent (2011) Quelle: Fotolia
Mathematik und NaturwissenschaftenDie „harten“ Naturwissenschaftler haben die Inflation offenbar schon hinter sich. Schon 2000 wurden 83,3 Prozent der Absolventen wurden mit „sehr gut“ oder „gut“ bewertet. Nun sind es 83,6 Prozent. Quelle: Fotolia
MedizinAußer den Juristen sind Medizinprofessoren die härtesten Notengeber. Der Anteil der mindestens als „gut“ benoteten Absolventen stieg dennoch von 57,3 auf 71,3 Prozent.  Angehende Tierärzte wurden sogar nur zu 56,5 Prozent mit mindestens „gut“ benotet. Quelle: dpa
Agrar-, Forst- und ErnährungswissenschaftenDie Landwirte machen vor, dass es auch anders geht. Der Anteil der „sehr guten“ und „guten“ Abschlüsse sank von 80,2 auf 77 Prozent. Quelle: dpa
IngenieurwissenschaftenDie Ingenieure werden noch relativ streng benotet. Aber auch bei ihnen war die Noteninflation deutlich: 76,3 auf 79,6 Prozent. Quelle: dpa/dpaweb

Studiengebühren hatten angesichts dieses Runs einen besonderen Pluspunkt. Mit steigenden Studierendenzahlen stiegen die verfügbaren Mittel der Hochschulen parallel an. Mehr Menschen bedeuteten zusätzliches Geld und damit mehr Tutoren, bessere Bücherauswahl, längere Öffnungszeiten. In Bayern kamen zuletzt 180 Millionen Euro extra in die Kassen, in Niedersachsen 100 Millionen.

Zwar finanzieren Bund und Länder mit dem Hochschulpakt ohnehin mehrere hunderttausend neue Studienplätze. Doch die seit Jahren angespannte Haushaltslage der Unis wurde durch die Beiträge spürbar entlastet. Und: Bessere Betreuung hilft gerade den eher bildungsfernen neuen Studierenden, die nicht auf die Erfahrung und Unterstützung von Akademikern in der Familie vertrauen können. In Zeiten der Massen-Hochschule wichtiger denn je.

Bildungsgerechtigkeit

Eines der gewichtigsten Pro-Argumente von Ökonomen ist die Schieflage der deutschen Bildungsfinanzierung. Dort, wo der gesellschaftliche Nutzen am größten, die individuelle Förderung am wichtigsten wäre, in der vorschulischen Bildung, ist der staatliche Mitteleinsatz vergleichsweise spärlich. Die Schule verkommt so zu einem mühsamen Reparatur- und Stützbetrieb, der kaum noch korrigieren oder nivellieren kann, was vor der Einschulung versäumt wurde. Mehrere hundert Euro Kosten pro Monat für eine Kita oder einen Kindergarten werden akzeptiert, gegen rund 85 Euro Studiengebühren monatlich hingegen wird rebelliert. Ist das gerecht? Nein, ist es nicht.

Wenn ein Kapitel der Bildungsbiografie bezahlt werden müsste, dann – so sind sich fast alle Experten einig – sollte dies zuallererst die akademische Kür treffen. Akademiker sind am seltensten arbeitslos und verdienen am meisten. Das verdanken sie ihrem hohen Qualifikationsniveau. Natürlich tragen sie über hohe Steuern quasi ihre Nutzung der  staatlich bezahlten Bildungsinfrastruktur wieder ab. Dennoch: im Sinne der Chancengerechtigkeit ist ein gebührenfreies Studium nicht halten – erst recht nicht, wenn gleichzeitig Bund, Ländern und Kommunen das Geld fehlt, um die Bildungsphase vor der Schule finanziell und qualitativ zu stärken.

Mitsprache

Was sich 2013 für Studenten ändert
BafögSchnelles Studieren oder besonders gute Noten haben sich für Bafög-Empfänger bislang doppelt ausgezahlt. Auf Antrag konnte ihnen bis zu 25 Prozent der Rückzahlung erlassen werden. Diese Belohnung für Schnelligkeit und Qualität erhalten Studenten, die nach dem 31.12.2012 ihr Studium abschließen, nicht mehr. Die Regelung wird abgeschafft. Wer vorher abgeschlossen hat, kann aber weiterhin den Antrag auf Teilerlass stellen – nämlich sobald der Rückzahlungsbescheid im Briefkasten landet.    Quelle: AP
MinijobsViele Studenten arbeiten auf 400-Euro-Basis. Diese Verdienstgrenze wird ab Januar 2013 auf 450 Euro angehoben und es besteht eine Rentenversicherungspflicht. Für Bafög-Empfänger ärgerlich, denn für sie gibt es nicht mehr Geld. Die zusätzlichen 50 Euro werden vom Bafög abgezogen, da die Hinzuverdienstgrenze nicht an die Minijob-Gehälter angepasst wurde. Quelle: dpa
KrankenversicherungAnders bei der gesetzlichen Krankenversicherung: Hier wurden die Grenzen an die Erhöhung der Minijob-Gehälter angepasst. Studenten die ab 2013 450 Euro bei ihrem Minijob verdienen und unter 25 Jahren sind, dürfen weiterhin beitragsfrei bei ihren Eltern mitversichert bleiben. 2012 lag die Grenze noch bei 400 Euro. Arbeitet der Student nicht auf Minijob-Basis, liegt die Verdienstgrenze ab 2013 bei 385 Euro pro Monat. Verdient ein Student regelmäßig mehr als die 385 Euro beziehungsweise 450 Euro im Minijob, muss er sich eine eigene Krankenversicherung zulegen. Quelle: dpa
PflegeversicherungWer sich selbst versichern muss, zahlt als Student für die gesetzliche Krankenversicherung weiterhin 64,77 Euro. Die Pflegeversicherung steigt aber leicht an. Kinderlose Studenten ab 23 Jahren zahlen monatlich 13,73 Euro, alle anderen 12,24 Euro. Quelle: Fotolia
ExistenzminimumGestern haben sich die Parteien im Vermittlungsausschuss darauf verständigt, dass der steuerfreie Grundfreibetrag von derzeit 8.004 Euro nächstes Jahr um 126 Euro auf 8.130 Euro angehoben wird. Diese Anhebung des Existenzminimums dürfte vor allem Studenten zugutekommen, die im Laufe des nächsten Jahres abschließen und anfangen zu arbeiten. Der ein oder andere dürfte durch diese Neureglung knapp unter dem Freibetrag bleiben und den Steuern ein letztes Mal entgehen. 2014 soll der Grundfreibetrag sogar auf 8.354 Euro angehoben werden.  Quelle: Fotolia
KfW-StudienkreditAb Sommersemester 2013 können mehr Studenten den Studienkredit der KfW in Anspruch nehmen.  Ab April fördert die Bank auch Zweitstudiengänge, Zusatz-, Aufbau- und Ergänzungsstudiengänge. Selbst wer promoviert kann einen Kredit beantragen. Ebenfalls erhöht die KfW die Altersgrenze für die Kreditnehmer von 34 auf 44 Jahre. Auch Studenten, die beispielsweise berufsbegleitend studieren, können sich ab April freuen. Dann gibt es den KfW-Studienkredit auch für Teilzeitstudenten. Quelle: dpa
DeutschlandstipendiumMaximal ein Prozent der Studenten an einer Hochschule können bislang vom Deutschlandstipendium  profitieren und mit 300 Euro monatlich gefördert werden. Diese Grenze wird ab August 2013 auf 1,5 Prozent erhöht. Mittelfristig soll die maximale Förderquote je Hochschule auf acht Prozent steigen.  Beim Deutschlandstipendium übernimmt der Staat die Hälfte der Förderung. Die restlichen 150 Euro müssen die Hochschulen bei privaten Spendern einsammeln. Quelle: dpa

Die Analogie zu Unternehmen und Kunden sollte an Hochschulen nicht überstrapaziert werden. Der akademische Raum muss Freiheit, Muße, auch Ziellosigkeit all denen gewähren, die sie suchen. Mit kaufen und bezahlen hat das nur am Rande zu tun. Und trotzdem darf die Beteiligung der Studierenden an der Alimentierung ihrer Lehrstätte als etwas positives gelten. Sehr viele Unis hatten ausgewogen besetzte Gremien geschaffen, in denen die Gebührenzahler über die Verwendung der Mittel mitbestimmten. Wer sollte besser darüber entscheiden können, ob die Bibliothek länger öffnen, die Tutorien besser ausgestattet oder die Praktikumsberatung ausgebaut werden sollte? Eben. Wer zahlte, bestimmte mit.

Und was ist dann falsch gelaufen?

Studiengebühren sind keine lupenreine Erfolgsstory. Ganz sicher nicht. Kluge Bezahlmodelle, bei denen die Rückzahlung der Gebühren erst nach erfolgreichem Studium und bei einem gewissen Mindesteinkommen begänne, wurden flächendeckend nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Auch wer sich mit BaföG ohnehin schon verschuldet hat, sollte grundsätzlich nicht noch weiter belastet werden. Das ist die politische Seite, die besser hätte gelöst werden müssen.

Deutschland



Die andere spielt sich in den bürokratischen Ebenen der Unis selbst ab, denn in der Verwendung der Gelder waren Unileitung und Studierende nie ganz frei. Bisweilen wurden eigentlich unnötige Anschaffungsorgien neuer Computer zelebriert, Callcenter oder große Studienfahrten finanziert, weil das Geld irgendwo hin musste. Dauerhafte Dozenten- oder gar Professorenstellen durften aus den Gebühren nicht eingerichtet werden. Also wuchs nur die Zahl der (studentischen) Tutoren und Gastlehrer bisweilen über das gebotene Maß.

Die Reform der Studienfinanzierung war gut gedacht und nicht selten schlecht gemacht. Ein neuer Versuch, so Politiker ihn denn in einigen Jahren wagen, muss besser werden.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%