




Kennen Sie Jacob Mincer? Der Mann gilt als Begründer der Arbeitsmarktökonomie und war einer der ersten Ökonomen, die die starke Bedeutung von Bildung für den individuellen Erfolg auf dem Arbeitsmarkt empirisch belegen konnten.
Das liegt sechs Jahrzehnte zurück, doch die sogenannten Mincer-Gleichungen gehören heute zum Standardrepertoire jeder Einführung in die Arbeitsmarktökonomie. Sie besagen, dass das Lebenseinkommen umso höher ausfällt, je mehr Zeit jemand am Beginn der Erwerbskarriere in Bildung investiert.
Obwohl in dem zugrunde liegenden Modell kein Unterschied zwischen akademischer Bildung und anderen Formen der beruflichen Bildung gemacht wird, hat sich in der Bildungspolitik die Vorstellung durchgesetzt, dass es vor allem auf akademische Bildung ankomme. Nicht zuletzt angetrieben von der OECD, haben viele Länder seit den Neunzigerjahren erhebliche Anstrengungen unternommen, ihre Akademikerquote zu erhöhen.
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Hilmar Schneider, 59, ist seit März 2016 Vorsitzender der Geschäftsführung beim Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn. Zuvor war er Direktor des Institute of Socio-Economic Research in Luxemburg.
Im OECD-Durchschnitt erwerben heute mehr als 40 Prozent eines Altersjahrgangs einen akademischen Abschluss. In Deutschland sind es noch deutlich weniger, die Abschlussquote lag vor 20 Jahren bei 20 Prozent, heute sind es 28 Prozent. Doch die Zahl der Hochschulen hat sich in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel erhöht. In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Studiengänge fast verdoppelt. Es gibt aktuell rund 18.000 Studienmöglichkeiten an deutschen Hochschulen, davon jeweils gut 8000 Bachelor- und Masterstudiengänge.
Bachelor-Abschluss: Diese Baustellen sollen behoben werden
Die Reformer wollen teils harscher Kritik begegnen, die es schon seit der Einführung im europaweiten „Bologna“-Prozess gibt. Mit dem 1999 in der norditalienischen Stadt vereinbarten System führt ein Studium zu den international anerkannten Abschlüssen Bachelor und Master. Seither wird der auf sechs Semester angelegte Bachelor gern geschmäht - als gerade mal dreijähriges „Schmalspurstudium“, als „zu verschult“ durch Vorgaben, zu eng getaktet und mobilitätsfeindlich. Einige Schwachpunkte wollen Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) jetzt ausräumen.
Um sehr viele. 2014 erreichten von etwa 320.000 Universitäts- und Fachhochschulabsolventen 70 Prozent einen Bachelor als Erstabschluss. Wie der Mitte Juni veröffentlichte Bericht „Bildung in Deutschland“ zeigt, werden immer weniger Diplom- und Magisterprüfungen abgelegt, das Staatsexamen spielt mit etwa 15 Prozent Anteil noch bei Medizin und Jura sowie in einigen Ländern fürs Lehramt eine größere Rolle. Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes streben drei Viertel der 2,7 Millionen Studenten in einen Bachelor- oder Master-Studiengang. „Bologna“, die Reform für kürzere Studienzeiten, europaweite Vergleichbarkeit von Abschlüssen und mehr studentische Mobilität, ist also in Deutschland voll angekommen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass gut jeder Vierte (28 Prozent) sein Bachelor-Studium abbricht.
Die anvisierten Reformen sollen dafür sorgen, dass Studierende mehr Freiräume erhalten. Die „Übersättigung mit Inhalten“ im knapp bemessenen Bachelor-Studium müsse aufhören, sagt HRK-Vize Holger Burckhart. Er stellt sich das so vor: „Generellere Studienangebote in den ersten beiden Semestern“, fachliche Orientierung im dritten und vierten, Vertiefung im fünften Semester - dann sollen die Studenten entscheiden, ob sie einen Abschluss machen und als Bachelor in einen Beruf gehen oder aber weiterstudieren wollen. Um Druck vom Kessel zu nehmen, sollte nach dem Willen der Bachelor-Reformer in den ersten beiden Semestern auf Noten verzichtet werden, „Bestanden“ oder „Nicht bestanden“ reiche aus. Anfängliche Leistungen würden dann nicht in die Endnote einfließen - eine Erleichterung für viele Studenten.
Um Druck vom Kessel zu nehmen, sollen Hochschulen insbesondere für die ersten beiden Semester von einer Einbeziehung von Noten in die Berechnung der Endnote absehen können. Auch „bestanden“ oder „nicht bestanden“ könne reichen.
Das kalkulieren die Hochschulen ein. „Es sollte künftig keine starre staatliche Vorgabe für eine Gesamtstudienzeit Bachelor und Master von zehn Semestern mehr geben“, sagt HRK-Chef Horst Hippler im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Von dem Karlsruher Physik-Professor ist eine ironische Spitze überliefert: „Ein Bachelor in Physik ist nie im Leben ein Physiker.“ Hippler geht es um Entschleunigung zugunsten von mehr Studienqualität und -tiefe: Lediglich drei Jahre bis zur Bachelor-Prüfung - das lasse doch kaum Raum „für die nötige erste Orientierung, für Blicke über das eigene Fach hinaus, für Praktika oder Auslandssemester“.
„Bachelor-Absolventen machen Karriere“, sagt Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Die Arbeitslosenquote von Fachhochschulabsolventen liegt bei etwa drei Prozent, unter Uni-Absolventen sind es sogar nur rund zwei Prozent. Der Bildungsbericht 2016 notiert: „Zwei Drittel der Bachelors von Universitäten und drei Viertel aus Fachhochschulen, die nach dem Bachelor erwerbstätig werden, sind (...) etwa ein Jahr nach dem Studium in Positionen tätig, für die ein Hochschulabschluss erforderlich ist.“ Die Praxistauglichkeit ist aber umstritten.
Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat ermittelt, dass schon etwa jedes vierte Unternehmen (23 Prozent) Bachelor-Absolventen beschäftigt (2010: 13 Prozent). Laut Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags waren 2015 jedoch nur 47 Prozent der Betriebe mit ihren Bachelor-Zugängen zufrieden.
Im kommenden Wintersemester ändert sich im Uni-Alltag wohl noch nichts. Nun ist eine Vereinbarung zwischen Hochschulen und Ländern fertig. Wie schnell es zur konkreten Umsetzung an den Hochschulen kommt, bleibt abzuwarten..
Ein Blick auf die Liste der Studiengänge gibt allerdings zu denken. Darin finden sich illustre Bachelorabschlüsse in Alternativem Tourismus, Angewandten Kindheitswissenschaften oder Baustellenmanagement. Es darf bezweifelt werden, dass eine derartige Horizontverengung den Einstieg ins Berufsleben erleichtert.
Leidtragende dieser Entwicklung sind nicht nur junge Menschen, die orientierungslose Schleifen drehen, sondern auch das traditionelle duale Ausbildungssystem. Als seien die rückläufigen Jahrgangsstärken nicht Herausforderung genug, finden Ausbildungsbetriebe auch deshalb immer weniger geeignete Bewerber, weil sich ein wachsender Anteil junger Menschen von einer akademischen Ausbildung bessere Einkommensaussichten verspricht als von der dualen Ausbildung.