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Studium ohne Abitur Die Illusion der Akademisierung

Der Lesesaal in der Universitätsbibliothek Dresden Quelle: dpa

Steigende Studierendenzahlen werden als bildungspolitische Siege verkauft. Ein Studium lohnt sich zwar für den Einzelnen – für die Gesellschaft insgesamt bringt die weitere Akademisierung eher wenig.

Die jüngsten Nachrichten zu den Themen Bildung und Ausbildung offenbaren eine schwer durchschaubare Lage voller Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen. Die Lehren, die man daraus ziehen kann, sind erstens private – vor allem als junger Mensch für den eigenen Ausbildungs- und Berufsweg – und andererseits politische als Bürger und politischer Betrachter der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Während immer mehr Politiker ihre Wertschätzung des dualen Systems der Berufsbildung (wieder-)entdecken und der Bundestag entsprechend des Koalitionsvertrages eine Enquete-Kommission zu deren Stärkung ins Leben gerufen hat, meldete die Kultusministerkonferenz vor wenigen Tagen einen erneuten Höchststand der Abiturientenquote (55 Prozent eines Jahrgangs) – mit der Nebenwirkung einer Rekordzahl an Prüfungsdurchfallern. Kein Wunder also, dass den Handwerksbetrieben und anderen Unternehmen zunehmend Bewerber für Ausbildungen fehlen, während gleichzeitig die Zahl der Studienabbrecher steigt.

Der seit den 1960er Jahren vor allem vom linken Teil des politischen Spektrums gewollte (und von CDU und FDP kaum gebremste) Trend zu höheren (Aus-)Bildungszertifikaten hat sich nach der Jahrtausendwende beschleunigt und nun offenbar ein Niveau erreicht, das immer unangenehmere volkswirtschaftliche Nebenwirkungen erzeugt. Kritiker wie Julian Nida-Rümelin sprechen schon seit Jahren von einem „Akademisierungswahn“. Der Hinweis auf die schon viel früher gestiegenen und noch höheren Studentenquoten in anderen Ländern zeigt schließlich allzu offensichtlich, dass ein Mehr an Studenten und Bildungszertifikaten keineswegs generell mehr wirtschaftlichen Erfolg und weniger Arbeitslosigkeit bedeutet. Nicht nur der Blick auf ökonomisch zuletzt wenig erfolgreiche EU-Länder wie Frankreich oder Italien zeigt das, sondern erst recht der Blick auf die dauerkriselnden Staaten in Afrika und Vorderasien. In Marokko zum Beispiel mit seinen rund 34 Millionen Einwohnern gibt es 900.000 Studenten. Und die Arbeitslosenquote von Uni-Absolventen liegt dort bei 22 Prozent.

Über die aktuelle Meldung: „Rund 60.000 Studierende ohne Abitur“, sollte man deshalb nicht unbedingt so ambivalenzblind jubeln, wie es das CHE Centrum für Hochschulentwicklung tut. Nicht jeder Rekord ist an sich schon bejubelnswert. Gründe dafür, dass es „richtig und wichtig“ gewesen sei, „den Campus auch für Studieninteressierte ohne formale Hochschulreife zu öffnen“, nennt CHE Geschäftsführer Frank Ziegele nicht. „Immer mehr Menschen sind zum lebenslangen Lernen bereit, dafür muss es flexible Wege geben“, sagt er. Aber was hat ein komplettes, abgeschlossenes Hochschulstudium mit lebenslangem Lernen zu tun?

Auch der Allzeitrekord der gesamten Studierendenzahl in Deutschland in diesem Wintersemester – 2,9 Millionen laut Statistischem Bundesamt – ist nicht unbedingt ein Grund zur Freude über deutsche Bildungspolitik. Denn diese Zahl ist natürlich auch der Grund für die bedrohliche Krise der beruflichen Bildung, die für tausende Unternehmen, nicht nur Handwerksbetriebe, zu einem akuten Problem wird. Laut einer Umfrage findet in Berlin jedes zweite Unternehmen nicht genug Bewerber in Lehrberufen. Der DIHK schätzt aus hochgerechneten Antworten in der Befragung, dass insgesamt rund 1,6 Millionen Stellen in Deutschland längerfristig nicht besetzt werden können.

Man sollte eben auseinanderhalten, was im Diskurs der Akademisierungsbefürworter meist (bewusst?) vermischt wird: volkwirtschaftlicher Nutzen und persönlich-privater. Dass weiterhin immer mehr junge Menschen nach einem akademischen Studium streben, bedeutet eben nicht, dass es volkswirtschaftlich nützlich und ratsam ist, den Zugang zu Universitäten zu erleichtern und bislang berufliche Ausbildungen an Hochschulen zu verlagern.

Dass junge Menschen nach einem akademischen Bildungszertifikat streben, ist ökonomisch einleuchtend: Denn der einzelne Absolvent profitiert finanziell von seinem Bildungszertifikat im direkten Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt, solange die Arbeitgeber die Wahl haben zwischen ihm und einem anderen Bewerber ohne Abitur oder Studium. Und: Solange Arbeitgeber davon ausgehen, dass ein Studium tatsächlich eine entscheidende Qualifikation bedeutet. Das ist vermutlich auch der Grund dafür, dass die Arbeitslosigkeit unter Akademikern 2017 bei nur 2,5 Prozent lag – also bei weniger als der Hälfte der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit in Deutschland. Besonders selten arbeitslos werden laut Arbeitsagentur Mediziner, Juristen, Lehramtsabsolventen, Informatiker und Psychologen. Schon etwas weniger gut sind die Chancen (und die Verdienste) für Politologen, Biologen - und Journalistik-Studierende.

Ein Studium – auch eines ohne Abitur auf dem „zweiten Bildungsweg“ – zahlt sich darum für den einzelnen Absolventen in den meisten Fällen finanziell aus. Das gilt nicht für jeden Abschluss in gleichem Maße, aber generell durchaus wie zum Beispiel eine Studie des ifo-Instituts von 2017 zeigt. „Während sich bei Männern ein medizinisches Hochschulstudium während des Erwerbslebens mit einem Plus von durchschnittlich bis zu 983.000 Euro gegenüber einer Ausbildung niederschlägt, sind es im Bereich Sozialarbeit nur 20.000 Euro“, heißt es in der Studie. „Unter den Vollzeiterwerbstätigen verdienen Fachhochschulabsolventen auf dem zweiten Bildungsweg im Durchschnitt monatlich netto 1.163 Euro (62 Prozent) mehr als Personen mit abgeschlossener Lehre. Bei Universitätsabsolventen auf dem zweiten Bildungsweg beträgt der durchschnittliche Verdienstvorteil sogar 1.501 Euro monatlich (79 Prozent).“ Über das gesamte Erwerbsleben gerechnet ist das laut ifo ein Unterschied von 261. 000 beziehungsweise 288.000 Euro.  

Aber heißt das, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland insgesamt deutlich höher und die durchschnittlichen Einkommen deutlich niedriger wären, wenn der Anteil der Studierten an einem Jahrgang geringer wäre? Wohl kaum. Die vergleichsweise hohen Akademikerquoten in vielen ökonomisch vergleichsweise schwachen Ländern legen den Schluss nahe, dass es nicht auf die Zahl der Studenten, sondern auf die Qualität der Bildung ankommt - und zwar sowohl der akademischen als vor allem auch der praktisch orientierten Berufsbildung.  

Dadurch dass die Ausbildung von Hebammen künftig wie in anderen EU-Ländern obligatorisch in Form eines „dualen Studiums“ stattfinden soll - wie die Bundesregierung plant - und deutsche Hebammen also künftig als Akademikerinnen gelten, wird nicht automatisch die Qualität der Geburtshilfe in Deutschland steigen. Die Müttersterblichkeit ist jedenfalls in Deutschland bisher eine der niedrigsten in Europa. Französische Hebammen scheinen auch mit Studienabschluss nicht besser zu sein als deutsche mit Berufsbildung.

Anders gesagt: Auch Bildungszertifikate werden ähnlich wie Geld und andere nicht-materielle Güter inflationiert, wenn sie immer leichter zugänglich werden und damit immer weniger reale Bedeutung haben.  

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