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Tag der Deutschen Einheit Ein letzter Tusch für Bonn

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Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa

Doch die Bonner Stadtverwaltung überzeugte das so sehr, dass sie nicht mal einen Passus in den Vertrag aufnahm, was im Falle einer Insolvenz des Investors geschehen solle. Wenig später trat  genau das ein und das finanzielle Desaster nahm seinen Lauf: Das Projekt fiel an den Auftraggeber, die Stadt, zurück. Seit 2009 steht der Bau nun still, Gutachten über Gutachten wird erstellt um auszurechnen, wie sich das ganze am günstigsten realisieren lässt. Denn es muss nicht nur zu Ende gebaut werden, eine ganze Reihe von Gläubigern wartet nach wie vor auf ihr Geld. Am Ende wird es die Stadt wohl rund 100 Millionen kosten. Geld, das ihr anderswo fehlt. Seitdem wird gespart, wo es die kommunale Kasse hergibt. Schwimmbäder schließen, Museen und Theater bekommen weniger Geld, weitere Sparvorschläge sollten Anfang des Jahres die Bürger selbst in einer Beteiligungsaktion „Bonn packt’s“ ranschaffen. Die Hoffnung auf den großen internationalen Ruhm hat sich so umgekehrt in die Bedrohung für den Standard der gediegenen Akademikerstadt. 

Sponsoren springen ab

Mit ähnlichen Zielen, doch unter gänzlich anderen Vorzeichen begann auch das Projekt, aus Bonn eine Kulturstadt zu machen. Denn schließlich ist Bonn die Geburtsstadt Beethovens, ein hübsches Denkmal beherrscht den Marktplatz der Stadt, mit dem Beethovenfest versammelt die Stadt Jahr für Jahr Orchester und Dirigenten stets gehobenen und mitunter herausragender Provenienz an den Rhein. 2020 will man Kulturhauptstadt Europas werden. So wurde der Traum geboren, aus Bonn wenn schon kein Washington, dann doch ein Salzburg am Rhein zu machen. Dafür sollte die alte Beethovenhalle, die zwar viel Hauptstädtchencharme doch wenig Klangqualität bietet, einem neuen Prachtbau der iranischen Stararchitektin Zaha Hadid weichen. Doch damit nicht genug: Es fanden sich mit Telekom, Post und Postbank sogar drei höchst seriöse Hauptsponsoren, die bereit waren, die Finanzierung von rund 100 Millionen Euro vollständig zu übernehmen. Drei Millionen Euro Betriebskosten im Jahr, mehr wären der Stadt nicht geblieben. Weltruhm geschenkt, ein Angebot wie es andere Städte im ganzen vergangenen Jahrhundert nicht bekommen haben.

Doch in Bonn ist hat man sich wohl zulange daran gewöhnt, aus den Geschenken anderer nur die angenehmsten herauszupicken. Und so stand sich diesmal die Bürgerschaft selbst im Wege: So marode sie auch war, man wollte sich nicht von der alten Halle trennen. Man könne die neue ja zusätzlich an anderer Stelle errichten. Zwei Konzerthallen auf 300.000 Einwohner, das jedoch lassen weder Etat noch halbwegs seriöse Nachfrageplanung zu. Seit Jahren liegen die Zusagen auf dem Tisch, doch solange wurde der Baubeginn verschleppt, bis im vergangenen Jahr zunächst die Telekom und Anfang 2011 auch die Postbank als Sponsoren absprangen. Allein will aber auch die Deutsche Post nicht mehr. Resigniert schlug Oberbürgermeister Nimptsch Ende 2010 gar vor, man solle Oper und Theater doch gleich ganz nach Köln verlagern.

Wer an diesem Wochenende nach Bonn kam, der erlebte eine fröhliche, lebendige, prosperierende Stadt. Doch viele solche Geschenke wird sie nicht mehr bekommen.

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