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Tag der Deutschen Einheit Ein letzter Tusch für Bonn

Der Tag der Deutschen Einheit steigt dieses Jahr in Bonn. Für die Stadt ist es ein einzelner Konfettiregen im von Skandalen und Abstiegssymptomen geprägten Alltag.

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Nordrhein-Westfalens Quelle: dpa

Seit diesem Wochenende ist Bonn wieder mal um eine Attraktion reicher. „Langlebigkeit, geraden Wuchs und eine aufrechte Krone“ verspricht NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), als sie dem Bonner Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch (SPD) zur Feier der Tage einen noch jungen Ahornbaum überreicht. Auch darüber freut sich Nimptsch, denn er freut sich viel an diesem Wochenende, das für ihn ein großes Geschenk ist. Schließlich ist Bonn aus seiner Sicht „Schauplatz eines Ereignisses, das es in dieser Form viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte nicht mehr geben wird“. Am Tag der Deutschen Einheit vereinen sich in Bonn gleich zwei Feierlichkeiten: Die zur deutschen Wiedervereinigung und zum Gründungsjubiläum des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Nun werden beide Feiern einmal im Jahr ausgerichtet und man könnte einwenden, spätestens in 16 Jahren wird das Jahrhundertereignis wieder stattfinden, doch für Bonn sind solche Aspekte nebensächlich. Mehr als 500.000 Besucher sind bereits zu dem Fest gekommen, große Teile der bundespolitischen Prominenz sind vereint, endlich ist man mal wieder wer.

Mehr Jobs als vor der Einheit

Bonn ist viel geschenkt worden in den letzten zwei Jahrzehnten, gemacht hat man daraus erstaunlich wenig. Wer die Bonner Stadtoberen mit dieser Wahrheit konfrontiert, der bekommt zwar umgehend die vermeintlichen Gegenbeweise präsentiert. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen ist heute deutlich höher als vor der Verlagerung des Dienstsitzes von Bundestag und Bundesregierung nach Berlin 1999, die Stadt verbucht eine der höchsten Zuzugsraten im ganzen Bundesland NRW. Das BIP pro Kopf steigt und Vater Rhein ist schließlich immer noch da. Die „Bundesstadt“ Bonn beheimatet nach wie vor gut 8000 Arbeitsplätze in Bundesministerien, 22 Bundesbehörden haben hier ihren Sitz. Das sind fast doppelt so viele wie vor dem Umzug der Regierung, doch von einer Hauptstadt ist hier nichts zu spüren. Kein Wunder, sind es doch auch vor allem die unteren Managementebenen der Ministerien, die sich hier angesiedelt haben, hinzu kommen wenig klangvolle Institutionen wie das Bundesverwaltungsamt. Und so vollzieht sich seit Jahren ein schleichender Abstieg.

Am östlichen Rheinstrand in Bonn-Beuel qualmt es, meterhoch schlagen die Flammen in den Himmel. Doch schon tauchen acht Amphibienfahrzeuge auf, rauschen ins Wasser und vereinen sich innerhalb weniger Minuten zu einer Fähre. Sechs Feuerwehrautos kommen an Bord, überqueren den Fluss und löschen den Brand. Es ist eine der vielen spektakulären Vorführungen der Bundeswehr beim Deutschlandfest in Bonn, man könnte es als Bekenntnis zum Standort verstehen. Doch das Gegenteil ist wahr. Erst nach erheblichem Murren in der Partei gab Bundesverteidigungsminister Thomas de Mazière (CDU) vor kurzem seinen Plan auf, mittels Gesetzesänderung den Dienstsitz seines Ministeriums vom Rhein nach Berlin zu verlegen. Dennoch lässt er an seinen Unmut über die andauernde Teilung des Regierungssitzes keinen Zweifel. Er wolle „so viele Mitarbeiter wie möglich nach Berlin holen“. De Mazière macht zudem klar, dass die Region Bonn bei der Bundeswehrreform keine privilegierte Stellung haben wird.

Baustelle des World Conference Quelle: dpa

De Mazières allzu deutlich artikulierter Wunsch, der Stadt möglichst bald und möglichst umfassend den Rücken zu kehren ist dabei nur der öffentlich artikulierte Teil eines Eisbergs, der seit den 90er Jahren Rutschbahneffekt genannt wird. Die Sorge damals: Auch wenn man die Position Bonns gesetzlich fixiere, nach und nach werde es die Bundesbeamten nach Berlin ziehen. Genau das scheint einzutreten. Berlin ist als Arbeitsplatz schlichtweg attraktiver. Und so findet ein überwiegender Teil der Neueinstellungen seit Jahren in Berlin statt, statt über 60 Prozent arbeiten heute nur noch rund 45 Prozent der Angestellten in Bonn. Für fünf Ministerien, darunter der Bereich Verteidigung, gibt das Bonn-Berlin-Gesetz vor, dass der zentrale Dienstsitz in Bonn verbleiben müsse. Doch wen diese Regelung nicht bindet, der sieht zu, dass er unauffällig Land gewinnt. Zuletzt war es Ex-Justizministerin Brigitte Zypries (SPD), die vormachte, wie man die Stadt geräuschlos räumt. Nach und nach gliederte sie einen erheblichen Teil ihrer Mitarbeiter in Bundesbehörden aus, die verbleibenden Ministerialbeamten holte sie fast alle nach Berlin.

Washington als Benchmark

Dabei hat der Bund über Jahre alles getan, um die Stadt herauszuputzen, ihr anstelle des bundesrepublikanischen Herzens ein neues zu implantieren. Mit den Nachfolgeunternehmen der Deutschen Bundespost hat man drei Großkonzerne hier angesiedelt, Mehr als 1,4 Milliarden Euro sind dafür allein zwischen 1999 und 2004 in die Stadt geflossen, mehr als jede Kommune vergleichbarer Größe in Ostdeutschland im selben Zeitraum an Bundesmitteln ausgeben durfte. International sollte es sein und auch ein bisschen was mit Kultur. Der erste Anspruch kostete die Stadt ihre finanzielle Unschuld, der zweite offenbarte ihre Provinzialität.

Zunächst blieb für Bonn dabei nur der Trostpreis. An UN-Institutionen konnte man sich lange Zeit nur mit dem Sekretariat des Abkommens zur Erhaltung der Fledermauspopulationen in Europa schmücken, in dem heute vier Mitarbeiter beschäftigt sind. Später folgte das Klimasekretariat, eine durchaus bedeutsame Institution, mehr als 800 Mitarbeiter brachte sie an den Rhein, im Langen Eugen, wo früher die Parlamentarier hausten, versuchen sich heute Mitarbeiter aus 170 Ländern an der Rettung des Weltklimas. Doch mit diesem ersten Erfolg kam nach Bonn auch der Leichtsinn. In diesen Tagen beginnt im Landgericht der Stadt gegen den südkoreanischen Staatsbürger Man Ki Kim, der die Stadt an der Nase in einer Weise an der Nase herumgeführt hat, die kaum vorstellbar ist.

Um neben dem UN-Sekretariat auch Großveranstaltungen des Ländernetzwerks in die Stadt zu holen, hatte der Rat der Stadt sich 2002 entschlossen, den ehemaligen Bundestag zu einem Veranstaltungszentrum umzubauen, im Namen steckte der Anspruch: „World Conference Center Bonn“, nicht Wuppertal oder Essen, Washington und Genf waren die Benchmark. Der koreanische Hallodri stand der Stadt in Sachen Großspurigkeit in nichts nach trat ihr mit dem Versprechen entgegen, den Bau des Zentrums zu finanzieren und zu betreiben. Als Ausweis seiner Glaubwürdigkeit musste dabei der Firmenname SMI Hyundai genügen, der eine Verbindung zum bekannten Großkonzern nahelegen sollte, die es nie gab. Zudem lockte Kim mit der vagen Aussage, schon am Bau des Berliner Hauptbahnhofs in leitender Rolle beteiligt gewesen zu sein. Dabei hatte er bloß den Bau eines einzelnen Bürotrakts überwacht.

Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: dpa

Doch die Bonner Stadtverwaltung überzeugte das so sehr, dass sie nicht mal einen Passus in den Vertrag aufnahm, was im Falle einer Insolvenz des Investors geschehen solle. Wenig später trat  genau das ein und das finanzielle Desaster nahm seinen Lauf: Das Projekt fiel an den Auftraggeber, die Stadt, zurück. Seit 2009 steht der Bau nun still, Gutachten über Gutachten wird erstellt um auszurechnen, wie sich das ganze am günstigsten realisieren lässt. Denn es muss nicht nur zu Ende gebaut werden, eine ganze Reihe von Gläubigern wartet nach wie vor auf ihr Geld. Am Ende wird es die Stadt wohl rund 100 Millionen kosten. Geld, das ihr anderswo fehlt. Seitdem wird gespart, wo es die kommunale Kasse hergibt. Schwimmbäder schließen, Museen und Theater bekommen weniger Geld, weitere Sparvorschläge sollten Anfang des Jahres die Bürger selbst in einer Beteiligungsaktion „Bonn packt’s“ ranschaffen. Die Hoffnung auf den großen internationalen Ruhm hat sich so umgekehrt in die Bedrohung für den Standard der gediegenen Akademikerstadt. 

Sponsoren springen ab

Mit ähnlichen Zielen, doch unter gänzlich anderen Vorzeichen begann auch das Projekt, aus Bonn eine Kulturstadt zu machen. Denn schließlich ist Bonn die Geburtsstadt Beethovens, ein hübsches Denkmal beherrscht den Marktplatz der Stadt, mit dem Beethovenfest versammelt die Stadt Jahr für Jahr Orchester und Dirigenten stets gehobenen und mitunter herausragender Provenienz an den Rhein. 2020 will man Kulturhauptstadt Europas werden. So wurde der Traum geboren, aus Bonn wenn schon kein Washington, dann doch ein Salzburg am Rhein zu machen. Dafür sollte die alte Beethovenhalle, die zwar viel Hauptstädtchencharme doch wenig Klangqualität bietet, einem neuen Prachtbau der iranischen Stararchitektin Zaha Hadid weichen. Doch damit nicht genug: Es fanden sich mit Telekom, Post und Postbank sogar drei höchst seriöse Hauptsponsoren, die bereit waren, die Finanzierung von rund 100 Millionen Euro vollständig zu übernehmen. Drei Millionen Euro Betriebskosten im Jahr, mehr wären der Stadt nicht geblieben. Weltruhm geschenkt, ein Angebot wie es andere Städte im ganzen vergangenen Jahrhundert nicht bekommen haben.

Doch in Bonn ist hat man sich wohl zulange daran gewöhnt, aus den Geschenken anderer nur die angenehmsten herauszupicken. Und so stand sich diesmal die Bürgerschaft selbst im Wege: So marode sie auch war, man wollte sich nicht von der alten Halle trennen. Man könne die neue ja zusätzlich an anderer Stelle errichten. Zwei Konzerthallen auf 300.000 Einwohner, das jedoch lassen weder Etat noch halbwegs seriöse Nachfrageplanung zu. Seit Jahren liegen die Zusagen auf dem Tisch, doch solange wurde der Baubeginn verschleppt, bis im vergangenen Jahr zunächst die Telekom und Anfang 2011 auch die Postbank als Sponsoren absprangen. Allein will aber auch die Deutsche Post nicht mehr. Resigniert schlug Oberbürgermeister Nimptsch Ende 2010 gar vor, man solle Oper und Theater doch gleich ganz nach Köln verlagern.

Wer an diesem Wochenende nach Bonn kam, der erlebte eine fröhliche, lebendige, prosperierende Stadt. Doch viele solche Geschenke wird sie nicht mehr bekommen.

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