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Tag der deutschen Einheit „Man kann den Osten nicht einfach an den Westen andocken“

Schriftzug

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung Christian Hirte über schwere Fehler der Vergangenheit, Pläne gegen den Fachkräftemangel und die Chancen auf einen ostdeutschen DAX-Konzern.

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Herr Hirte, wann wird es keinen Ostbeauftragten mehr geben müssen?
Berechtigte Frage. Wir sind schließlich im 28. Jahr der Einheit. Mit dem Ostbeauftragten dokumentiert die Bundesregierung die Sonderstellung des Ostens – und das immer noch zurecht, weil es weiterhin immensen wirtschaftlichen Aufholbedarf gibt. Aber weder gibt es „den“ Osten, noch ist er pauschal ein Problem.

Klingt dennoch so, als würde ihr Amt auch noch die kommenden 28 Jahren überleben.
Ich könnte mir vorstellen, dass es eines Tages einen Beauftragten für strukturschwache Regionen gibt. Ganz unabhängig von Himmelsrichtungen.

Viele Ostdeutsche betonen allerdings selbst, sie seien anders als Westdeutsche. Haben sie Recht?
Die Bürger in den Neuen Länder wurden tatsächlich anders sozialisiert, haben Brüche und Verwerfungen erlebt. Das prägt. Auf 40 Jahre DDR-Diktatur folgte die Euphorie gegenüber allem Neuen. Doch von der Aufbruchstimmung dieser Zeit blieb meist nur der Zusammenbruch der Kombinatswirtschaft. Die Unsicherheiten erschütterten fast jede Familie, von den Großeltern bis zu den Enkeln.

Christian Hirte Quelle: dpa

Nur an ökonomischen Kennziffern gemessen ging es dem Osten jedoch nie so gut wie heute: Löhne und Renten steigen, die Arbeitslosigkeit sinkt.
Übrigens in Ost und West. Das ist der eigentliche Grund zur Freude. Und darüber wird meines Erachtens auch viel zu wenig gesprochen.

Aber?
Die wirtschaftlichen Unterschiede zum Westen bleiben weiterhin groß. Der Osten hat eine kleinteiligere Wirtschaft, keine Großkonzerne, viele Geringverdiener. An der bayerisch-thüringischen Grenze müssen sie manchmal buchstäblich nur wenige Meter gehen, schon gelten für sie ganz andere Tariflöhne. Da fühlen sich die Menschen im Osten hintangestellt. Da entsteht ein Gefühl der Benachteiligung.

Wie lockt man künftig mehr Fachkräfte in den Osten?
Mit Fakten: Wohnen ist hier bezahlbar, Häuser sind noch erschwinglich, es gibt mehr Kitas. Und wir haben wundervolle Landschaften und großartige Kultur. Für den eigenen Urlaub wissen das alle. Ich kann allen nur sagen: Man muss nicht erst Rentner sein, um sich an der Ostsee oder in Weimar niederzulassen.

Das war der Werbeblock. Was muss politisch passieren?
Die Kommission für gleichwertige Lebensverhältnisse mag einen sperrigen Namen haben, aber ihr Auftrag ist nicht hoch genug einzuschätzen: Ländliche Regionen ernst nehmen und fördern, gewachsene Strukturen erhalten, besser noch stärken. Nur ein Beispiel: Es hat vieles für sich, etwa Behörden aus den Metropolen und Landeshauptstädten zu verlagern. Da muss der Staat vorangehen.

Ein effizienter Einsatz von Staatsmitteln ist da zweitrangig?
Im Gegenteil, das ist doch ein Dienst an Bürgern. Nicht alle sind Städter, nicht alle wollen es werden. Oder etwas pathetisch ausgedrückt: Nennen wie es Demokratiedividende, wenn wir die Regionen und die Bürgergesellschaften dort nicht im Stich lassen. Wenn wir Vertrauen in den Staat wollen, muss er auch sichtbar sein.

Welchen Fehler der Vergangenheit sollte die Politik im Osten künftig nicht nochmal machen?
Der größte Fehler war zu glauben, man könne den Osten einfach andocken: politisch, wirtschaftlich, auch kulturell. Das war eine Illusion. Bis heute tun einige so, als gäbe es eine Art westdeutschen Null-Meridian und der Osten müsse diesen erreichen.

Und wann wird der Osten seinen ersten Dax-Konzern beheimaten?
(lacht) Hoffentlich bald! Aber ich fürchte, das wird noch dauern…

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