Tarifstreit Lokführergewerkschaft GDL droht mit Streiks

Exklusiv

Claus Weselsky, der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, geht auf Konfrontationskurs: Wenn es beim Spitzengespräch mit der Bahn am Freitag keinen Durchbruch gibt, droht eine Streikwelle im Bahnverkehr.

Claus Weselsky, Vorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) Quelle: dpa

Herr Weselsky, an diesem Freitag trifft sich Ihre Gewerkschaft mit der Bahn, um über die Forderungen der GDL - ein Versetzungsschutz für Lokführer und eine Versicherung gegen Arbeitsunfähigkeit - zu verhandeln. Glauben Sie an eine Einigung?

Claus Weselsky: Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Wir verhandeln aber bereits seit zwei Jahren über eine bessere Absicherung für Lokführer. Ehrlich gesagt: Ich erwarte von dem Gespräch keinen Durchbruch.

Wie geht es danach weiter?

Das Zeitfenster für eine Einigung schließt sich am 15. Januar. Danach beginnen wir mit den Vorbereitungen für Streiks im Bahnverkehr...

...die wann und wo stattfinden sollen?

Das haben wir intern noch nicht festgelegt. Das kann aber ganz schnell gehen, unser Organisationsgrad bei den Lokführern liegt bei rund 80 Prozent. Wir werden mit punktuellen Warnstreiks beginnen. Wenn das nicht hilft, wird es zeitnah eine Urabstimmung  über einen Flächenstreik geben. Das könnte schon im Februar der Fall sein.

Die neue Bundesregierung denkt darüber nach, die Tarifmacht von  Spartengewerkschaften zu beschneiden. Ist es da nicht ein strategischer Fehler, einen Streik vom Zaum zu brechen, der in der Öffentlichkeit auf wenig Verständnis treffen dürfte?

Das ist Ihre Interpretation. Einen guten Zeitpunkt für Streiks gibt es aus Sicht der Bahnkunden nie. Sollen wir brav sein und ein Jahr lang stillhalten, nur weil die Politik ein Gesetz diskutiert?  Ein Gesetz zur Tarifeinheit können wir nur durch den Gang zum Bundesverfassungsgericht stoppen - nicht aber, indem die GDL ihre Arbeit einstellt.

Der Streit mit der Bahn dreht sich im Kern um den so genannten Demografietarifvertrag, den die Bahn anbietet. Ihre Konkurrenzorganisation, die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG),  hat den Vertrag unterschrieben. Die GDL weigert sich. Warum?

Der Tarifvertrag ist eine reine Mogelpackung.

Obwohl es darin de facto eine lebenslange Beschäftigungsgarantie gibt?

Was die Kollegen der EVG abgesegnet haben, ist ein Landverschickungsprogramm des Arbeitgebers zu Lasten der Beschäftigten. Wenn Strecken  neu ausgeschrieben werden und die Bahn dann alte Strecken verliert und neue  dazugewinnt, müssen die Lokführer umziehen - und das im Extremfall alle zehn Jahre. Das halte ich für die 13 000 Lokführer im Nahverkehr und deren Familien nicht für zumutbar. Wir fordern daher einen Versetzungsschutz. Hinzukommen muss eine Versicherung, die das Einkommen von Lokführern sichert, die ihren Beruf nicht mehr ausüben können. Nur ein Beispiel: Es gibt pro Jahr zwischen 800 und 900 Suizide im Bahnverkehr. Statistisch gesehen erlebt jeder Lokführer zwei bis dreimal in seinem Berufsleben, dass sich jemand vor seinen Zug wirft. Das sind traumatische Erlebnisse. Wer das nicht verkraftet und den Job aufgibt, braucht die finanzielle Unterstützung der Bahn.

Der EVG-Vorsitzende Alexander Kirchner wirft der GDL vor, „Machtpolitik zu betreiben anstatt vernünftige Tarifverträge zu vereinbaren“.

Wir sind stark, weil wir uns für die Interessen unserer Mitglieder einsetzen. Gute Politik für Mitglieder ist allemal besser als Schaukämpfe für Mitglieder, die man nicht hat. Kollege Kirchner kann nicht für die Lokführer sprechen.

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Das kann man auch anders sehen. Wenn die GDL durch einen Streik der Bahn wirtschaftlichen Schaden zufügt - schadet sie dann nicht auch den Beschäftigten, die nicht Lokführer sind?

Nein. Die Erfahrung zeigt: Was wir an zusätzlichen Leistungen für die Lokführer herausholen, kommt später auch bei den anderen Mitarbeitern der Bahn an. 

Aber schwächt der ständige Bruderstreit der beiden Bahngewerkschaften nicht die gewerkschaftliche Durchsetzungskraft insgesamt?

Nein, wieso? Wir leider finden keine gemeinsame Basis für eine friedliche Koexistenz. Die EVG agiert wie ein Lobby-Partner des DB-Konzerns und bekommt bei privaten Bahnunternehmen keinen Fuß in die Tür. An dieser Stelle trennen uns Welten.

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