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Tarifverhandlungen Wie viel Lohnerhöhung verträgt das Jobwunder?

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Ruppige Gewerkschaften

Die Internet-Riesen suchen Mitarbeiter
Der Pharmahersteller Sanofi-Aventis will einem Bericht zufolge in Frankfurt rund 1000 neue Stellen schaffen. Noch in diesem Jahr wolle der Konzern 500 zusätzliche Mitarbeiter an seinem Standort in Frankfurt-Höchst einstellen, berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Samstag) unter Berufung auf „informierte Kreise“. Bis 2017 sei ein weiterer Personalaufbau um 500 Arbeitsplätze geplant. Für die Produktion von Medikamenten für Zuckerkranke werde mehr Personal benötigt, schreibt die Zeitung. Eine Sprecherin des Unternehmens wollte den Bericht am Samstag nicht kommentieren. Das Frankfurter Werk ist laut Sanofi der weltweit größte Produktionsstandort für Insulin. Quelle: dpa
Der Gabelstapler-Hersteller Kion will kräftig in seine Forschung und Entwicklung investieren. In China sollen in den nächsten eineinhalb Jahren bis zu 150 neue Entwickler eingestellt werden, sagte Vorstandschef Gordon Riske in einem dpa-Interview in Wiesbaden. Der weltweit zweitgrößte Gabelstapler-Hersteller hat insgesamt elf Entwicklungszentren mit rund 950 Beschäftigten, davon vier in den Wachstumsmärkten China, Indien und Brasilien. Alleine etwa 300 Entwickler arbeiten in China. Mit den neuen Jobs will Kion vor allem Fahrzeuge für den asiatischen Raum entwickeln, aber auch Produktplattformen für andere Wachstumsmärkte entwerfen. Quelle: dpa
Der Autobauer Daimler übernimmt an seinem größten Produktionsstandort Sindelfingen 200 Leiharbeiter in eine Festanstellung. Dies teilte der Betriebsrat mit. Hundert von ihnen bekommen zunächst allerdings auf ein Jahr befristete Verträge. „Daimler wächst weltweit“, erklärte ein Sprecher. „Deshalb schaffen wir im Konzern neue Stellen.“ Der Autobauer steht derzeit wegen seiner Werkverträge in der Kritik und bemüht sich nun um eine Besserstellung der nicht fest angestellten Arbeitskräfte. Zuletzt hatte der Dax-Konzern bereits zahlreiche Werkverträge in bessergestellte Leiharbeitsverhältnisse geändert. Für diese gelten Tarifrechte wie der Anspruch auf eine feste Stelle nach 24 Monaten. Quelle: REUTERS
Dank guter Auslastung in seinen deutschen Werken übernimmt der Volkswagen-Konzern zum Jahreswechsel rund 1500 Leiharbeiter. 912 Zeitarbeitskräfte im Wolfsburger Stammwerk und 572 Zeitarbeitskollegen aus den anderen deutschen VW-Fabriken werden fest angestellt. Die Regelung gelte für alle VW-Leiharbeiter, die im Dezember, Januar oder Februar seit drei Jahren durchgehend in den deutschen VW-Werken gearbeitet haben werden. Eine neue Befristung wäre für die rund 1500 auf Zeit Angestellten gesetzlich verboten gewesen - VW hätte sie also entlassen oder, wie nun geplant, fest übernehmen müssen. Quelle: AP
Bosch stellt in Deutschland, Italien, Portugal und Spanien zusätzlich 100 Ausbildungsplätze für Jugendliche aus Südeuropa zur Verfügung. Hintergrund der Maßnahme ist die dort hohe Jugendarbeitslosigkeit. Das Projekt soll mit Ausbildungsjahr 2014 starten. Zusätzliche 50 Ausbildungsplätze in Deutschland werden mit Bewerbern aus Spanien besetzt. Für die Initiative werden rund 7,5 Millionen Euro über die nächsten vier Jahre zur Verfügung. Quelle: dpa
Der Sportwagenbauer Porsche hat im vergangenen Jahr seinen Mitarbeiterstamm deutlich ausgebaut. Ende September beschäftigte die VW-Tochter 18.882 Mitarbeiter nach 17.066 im Vorjahr, wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte. Rund 700 Stellen seien im neuen Macan-Werk in Leipzig geschaffen worden, sagte ein Sprecher, der Rest am Porsche-Stammsitz in Zuffenhausen und im Entwicklungszentrum in Weissach nahe Stuttgart. Bis 2018 will Porsche seine Belegschaft auf gut 20.000 ausbauen. Der operative Gewinn der Sportwagenschmiede stagnierte allerdings in den ersten neun Monaten bei 1,89 Milliarden Euro. Grund seien die hohen Investitionen, sagte Porsche-Chef Matthias Müller. Porsche investiert in diesem Jahr rund 1,3 Milliarden Euro - unter anderem in die neue Macan-Produktion in Leipzig und rechnet deshalb 2013 mit einem Gewinn auf Vorjahresniveau. Bei Umsatz und Absatz ist der Sportwagenbauer dagegen auf dem Weg zu neuen Rekordwerten. Die Erlöse steigerte Porsche in den ersten neun Monaten um drei Prozent auf 10,4 Milliarden Euro. Dabei lieferte der Sportwagenbauer von Januar bis September fast 120.000 Fahrzeuge an Kunden aus - ein Plus von 15 Prozent. Quelle: dpa
BNP Paribas wird ihr Geschäft in Deutschland ausbauen und rund 500 Menschen einstellen. Es ist eine der führenden Geschäftsbanken in Frankreich - und eine der größten Banken Europas. Sie wird damit zum Konkurrenten der Deutschen Bank. Mit der Aufstockung der Mitarbeiter hat BNP Paribas dann rund 4000 Mitarbeiter in Deutschland. Quelle: REUTERS

Tatsächlich haben die Arbeitnehmer nach Berechnungen der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung monetär kaum vom Aufschwung profitiert. 2011 stiegen die Reallöhne (brutto) pro Kopf um magere 1,1 Prozent, 2010 war es nur 1,0 Prozent. Für die Jahre zuvor listeten die Wissenschaftler stets eine Null oder ein kleines Minus auf. Von 2000 bis 2011 sind die Reallöhne so insgesamt um 2,93 Prozent gesunken. Dabei traf es Fachkräfte genau wie Ungelernte. In einer Studie über die Lohnentwicklung schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Die vergangene Dekade war für die Arbeitnehmer „ein verlorenes Jahrzehnt“.

Allerdings gab es für den Sparkurs einen Grund. In der ersten Hälfte der Neunzigerjahre waren die Löhne mit dem Wiedervereinigungsboom um bis zu zwölf Prozent hochgeschossen. Deutschland startete mit einem Kostenhandicap in die Währungsunion, die Arbeitslosenzahl erklomm schwindelerregende fünf Millionen. Um die Belegschaften zu retten, stimmten die Gewerkschaften schließlich moderaten Lohnabschlüssen zu. Von 1999 bis 2007 sanken die Lohnstückkosten in der Gesamtwirtschaft um knapp vier Prozent. Eine Brachialkur mit Erfolg: Die Betriebe gewannen ihre Wettbewerbsfähigkeit zurück und schufen seit Anfang 2006 fast 3,2 Millionen sozialversicherungspflichtige Jobs.

Keine Einigung unter drei Prozent

Heute indes üben sich die Gewerkschaften in traditioneller Ruppigkeit. Für den öffentlichen Dienst bereitet Verdi erste Warnstreiks vor, eine Streikleitung ist schon eingerichtet. 6,5 Prozent mehr Geld haben Verdi und Beamtenbund gefordert. „Die Erwartungshaltung der Beschäftigten ist diesmal sehr hoch“, sagt Verdi-Chef Frank Bsirske. Er verlangt „von den Arbeitgebern in der ersten Runde ein verhandlungsfähiges Angebot. Wenn das ausbleibt, sind wir sehr kurzfristig mobilisierungsfähig.“

Den Arbeitgebern schwant bereits ein teures Ende: „Wir werden keine Einigung unter drei Prozent hinbekommen“, sagt der Chef eines Kommunalverbands. Und jeder Prozentpunkt mehr Lohn kostet die Kämmerer rund 760 Millionen Euro pro Jahr. Bei einem hohen Abschluss werde „vielen Kommunen nichts anderes übrig bleiben, als ihre Leistungen zu reduzieren und frei werdende Stellen nicht wieder zu besetzen“, warnt Thomas Böhle, Präsident der Vereinigung der kommunalen Arbeitgeberverbände.

Billig wird 2012 kein Abschluss werden. Auch die sonst eher moderate IG Bergbau, Chemie, Energie will sechs Prozent mehr Lohn rausholen, die IG Metall fordert 6,5 Prozent. Der Druck ist hoch: Wegen der Krise hatten die Metaller bei der letzten Runde auf eine Lohnforderung verzichtet. Sie akzeptierten einen Vertrag, der für 2010 nur eine Einmalzahlung vorsah und von April 2011 an ein Plus von 2,7 Prozent. Intern gilt in der IG Metall nun ein Abschluss von 3,8 Prozent als absolute Untergrenze.

Umso entsetzter waren die Arbeitgeber, als Bundesarbeitsministerin von der Leyen mahnte, die Beschäftigten müssten das Lohnplus jetzt „auch spüren“. BDA-Präsident Dieter Hundt lud seinen Ärger telefonisch ab, Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser wählte die Fernsehkamera. Er frotzelte, von der Leyen gebärde sich als „Inge Meysel der Sozialpolitik“. Niemand müsse die Unternehmen belehren, was sie ihren Mitarbeitern schuldig seien.

Doch genau um diese Schuld geht es in der Tarifrunde – und um die Frage, wer die Kosten der Krise getragen hat. Als die Konjunktur im Sommer 2007 weltweit auf Talfahrt ging, setzten Unternehmen in den USA oder Großbritannien Tausende Mitarbeiter vor die Tür. Anders in Deutschland: Unterstützt durch staatlich subventionierte Kurzarbeit hielten die Betriebe, so weit es ging, an ihren Beschäftigten fest.

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