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Tauchsieder
Wenn Journalisten heute dem YouTuber Rezo mit einem Faktencheck kommen, als sei er ein Widergänger Donald Trumps, dann ist das leider nichts weniger als verlogen. Quelle: dpa

Abgründe des Desinteresses

Junge Wähler wenden sich ab von Volksparteien, Politikern und Medienmachern? Schön wär’s. Die Wahrheit ist: Beide Seiten ignorieren sich nicht mal mehr. Und das ist besonders schlimm.

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Ein 26-jähriger YouTuber hat in dieser Woche ein Video veröffentlicht. Er nennt sich Rezo und rechnet in 50 Minuten mit der Regierungspolitik ab, vor allem mit der Union, die in diesem Land fast immer den Kanzler gestellt hat, zuletzt in 29 von 36 Jahren. Das Video, in dem Rezo fast im Sekundentakt Grafiken einblendet und Quellen für seine Behauptungen offenlegt, hat mittlerweile mehr als neun Millionen Zuschauer (Stand Samstagvormittag) gefunden. Und ein Kommunikationsdesaster bei der Union ausgelöst. Erst sollte der CDU-Abgeordnete Philipp Amthor, auch er 26, per Video parieren. Dann patzte Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrem rüden Rempelversuch („Ich habe mich gefragt, warum wir nicht eigentlich auch noch verantwortlich sind für die sieben Plagen, die es damals in Ägypten gab“ – es waren zehn). Schließlich entschied man sich in der CDU für ein schriftliches Statement, um auf denkbar arrogante Weise einen größtmöglichen Seriösitätsabstand zu markieren: „Die Währung von YouTubern sind Klickraten. Die Währung einer Volkspartei wie der CDU ist Vertrauen.“

In diesem Satz reißt der ganze Abgrund des Unverständnisses und Desinteresses auf, mit dem sich junge Wähler auf der einen Seite sowie Volksparteien, Politiker und Medienmacher auf der anderen Seite mittlerweile begegnen. Aber was heißt schon begegnen? Die Wahrheit ist: Meistens ignoriert man sich nicht mal mehr. Bei den vergangenen Bundestagswahlen 2017 entschied sich gerade noch jeder vierte Wähler bis 35 für die Union, nicht mal mehr jeder Fünfte für die SPD – ein Trend, der sich im Zuge von #fridaysforfuture, der Jugendproteste gegen die Urheberrechtsreform und auch wegen Rezo bei der Europawahl fraglos fortsetzt: Glaubt man Forsa, votiert nur noch jeder elfte Schüler und Student für Union oder SPD.

Und die Medienmacher? Reagieren beinahe noch panischer, paternalistischer, überheblicher als die Politiker und schwingen sich bestenfalls zu Meta-Kommentatoren auf, schlimmstenfalls zu Faktencheck-Rezensenten. Im heute-journal des ZDF beeilt sich Christian Sievers, den saloppen Sprachduktus des jungen Mannes und seinen argumentativen Einseitigkeitseifer moderatoren-onkelhaft wegzulächeln, um seinen Ü-60-Zuschauern auch mimisch zu versichern, dass Mainz immer noch das Ankerzentrum seriöser Informationsvermittlung ist. In der FAZ, zu deren Bezeichnung im vorigen Jahrhundert noch die Vokabel „Leitmedium“ zur Verfügung stand, indexiert Innenpolitik-Chef Jasper von Altenbockum das Video sogar als „Hetzkampagne“ und „Propaganda“ – als habe sich der Verfassungsschutz umgehend mit einem linksterroristischen Volksverführer und seiner treudummen Gefolgschaft („Jedes Like ein Armutszeugnis“) zu befassen. Viele andere Redaktionen wiederum zerren den armen Rezo vor eine Art „Wahrheitskommission“, um ihn darüber zu belehren, dass sich die ein oder andere Statistik durchaus auch anders interpretieren lässt.

Das alles ist so unsouverän, so peinlich wie zuletzt schon der Umgang mit der 16-jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg und der Kapitalismuskritik von Kevin Kühnert: Man behandelt sie wie ungezogene kleine Kinder, die je nach politpädagogischer Selbstverortung verhöhnt (AfD), gemaßregelt (AfD, FDP, Union), gönnerhaft getadelt (SPD), moralemphatisch bejubelt (Grüne, Linke), auf jeden Fall aber belehrt zu werden verdienen – um sich das Nachdenken über die Substanz(losigkeit) der Einreden zu ersparen. Tatsächlich ist es doch so: Politiker und Medienschaffende setzen Thunberg, Kühnert und Rezo herab – ganz gleich, ob sie für nur für sich sprechen oder zehntausende Wissenschaftler hinter sich wissen, ob sie faktenfern moralisieren oder stichhaltig argumentieren, ob sie politisch auftreten, aktivistisch oder journalistisch. Rezo zum Beispiel hat einen langen Kommentar gefilmt oder einen Leitartikel vertont, nichts weiter – also exakt das gemacht, was jeder Journalist zuweilen macht. Mit dem Unterschied, dass er kein gelernter Journalist ist und 7,5 millionenfach geklickt wird, also als Laie locker tausend mal mehr Menschen erreicht als von Altenbockum in der FAZ (oder auch ich hier mit diesem Stück).

Für Politiker, Medienschaffende, auch für die intellektuellen Eliten mag das kränkend sein: Sie bestimmen nicht mehr die Agenda und verlieren die Diskurshoheit, ihren Einfluss auf die öffentliche Meinung. Kein Wunder. Die Nachrichten im Fernsehen gleichen bereits seit Wochen einer Dauerwahlwerbesendung für ein soziales Europa einander bejahender Menschen: Hier wird „Stimmung“ im romantischen Sinne des Wortes erzeugt, nicht (mehr) politisch aufgeklärt. Und das, was an der schönen neuen Medienwelt der „Generation Rezo“ tatsächlich zu kritisieren wäre – etwa das Übergewicht des scharfrichterlichen Bemeinens über das komplexe, widerspruchsvolle Argumentieren, Zuhören und Diskutieren; das Übermaß der Blinklist-Bildung, des Wikipedia-Wissens und der Spiegel-Online-Referenzen gegenüber der Vor-Ort-Recherche, des gründlichen Studiums von Papieren, Aufsätzen und Büchern; der infantil-hochmütige Exhibitionismus sendungsbewusster Viertelbegabter, deren Outputbedürfnis allen Lebens- und Lektürerückständen zum Trotz jeden Lernwillen übersteigt – wird nicht etwa zu einem politkulturellen Kardinalproblem unserer Demokratie erklärt, sondern aus alten Schützengräben heraus bekämpft. Als könnte man Facebook, Twitter, Instagram und Youtube, Newsfeeds, Podcasts, Influencer und allzeit erregungsbereite Ego-Shooter mit konkretpolitischen Campaigning- und Lobbying-Interessen einfach wieder aus der Welt schaffen. Kann man nicht. Viel wahrscheinlicher ist, dass sich die Machtverhältnisse in der „Öffentlichkeit“ in den nächsten Jahren sehr stark zuungunsten der Parteizentralen und Redaktionen entwickeln. Dass der kostspielige Primärjournalismus der vierten Gewalt – Korrespondentenberichte, investigative Recherche, nah beobachtende Machtkontrolle, tiefe und breite Analyse – gegenüber einem parasitären Sekundärjournalismus, der die produzierten Nachrichten meinungsstark-unterhaltsam aufbereitet, stark an Boden verlieren wird. Die subjektiv zugespitzte Aufbereitung von Zahlen und Statistiken und die Vereinseitigung von Gründen, sowie die Parzellierung von Interessen und der Zielgruppenerfolg aktivistisch bewegter Agenda-Setter gehen auf Kosten der ideellen Neutralität, mit der Journalisten früher einmal über das berichteten, was ist.

„Die Empörung über Rezo ist zwecklos...“

Früher einmal, wohlgemerkt. Denn wenn Journalisten heute Rezo mit einem Faktencheck kommen, als sei er ein Widergänger Donald Trumps, dann ist das leider nichts weniger als verlogen: Sie umfloren sich mit dem Odium der Wahrheit – und denunzieren Youtuber als Produzenten „postfaktischer Politik“. Postfaktisch – damit ist ein politisches Denken, Sprechen und Handeln gemeint, das nicht auf Fakten und guten Gründen basiert, sondern auf vernunftfernen Gefühlen und Stimmungen, die auch unter Zuhilfenahme von Gerüchten und Falschheiten erzeugt, bearbeitet, angeheizt und ausgebeutet werden. Darum aber ist es Rezo erkennbar nicht zu tun. Und mehr noch: Blickten die Rezo-Rezensenten tatsächlich einmal „vernünftig“ auf das wirtschaftliche System, den Klimawandel, die soziale Ungleichheit oder die mangelnde Durchlässigkeit im Bildungssystem, müsste ihnen aufgehen, dass die Irrationalität in den vergangenen 36 Jahren oft ausgerechnet aufseiten der „ökonomischen Vernunft“ stand: Postfaktisch ist eine Wirtschaftsordnung, in der Geld aus dem Nichts geschöpft wird und kostenlos auszuleihen ist, in der systemrelevante Banken ohne Restrisiko agieren, Firmenzentralen die Größe eines Briefkastens haben und weite Teile der digitalisierten Finanzmärkte buchstäblich der Realwirtschaft entzogen sind. Fakt hingegen ist, dass in den westlichen Industrienationen die Ungleichheit zunimmt und Kapitaleinkommen höher rentieren als Arbeitseinkommen, dass Globalisierung, Automatisierung und Migration die Löhne, besonders von geringer Qualifizierten, drücken und dass die Mittelschichten erodieren.

Vielleicht sollte man vielen Unionspolitikern daher einmal raten, ein schmales Bändchen des Soziologen Bruno Latour zu lesen: Es könnte eine Brücke schlagen über die Verständniskluft zu den Jungen. Latour deutet in einem „terrestrischen Manifest“ anscheinend unterschiedliche Phänomene wie Populismus und Massenmigration, Kapitalmobilität („Offshoring“) und Steuervermeidung, die wachsende Ungleichheit in vielen Industrieländern und die Leugnung des Klimawandels alle gemeinsam als Realitäts-Flucht-Bewegungen von Entwurzelten. Der Unterschied bestehe allein darin, dass manchen das Privileg zuteil wird, offiziell erklären zu können, die Welt nicht mehr mit ihren Mitmenschen teilen zu wollen (die Superreichen, die Neo-Nationalisten, Donald Trump als Anführer der Leugner des menschengemachten Klimawandels) – während anderen buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen wird (den Klimaopfern, den Kriegs- und Armutsflüchtlingen, den Dienstleistungsproletariern).

Die Eliten, so Latour, hätten bereits seit den Neunzigerjahren beschlossen, „sich schleunigst von der gesamten Last der Solidarität zu befreien (daher die Deregulierung); dass eine Art goldene Festung für jene Happy Few errichtet werden müsse, die in der Lage wären, sich aus der Affäre zu ziehen (daher die Explosion der Ungleichheiten); und dass der bodenlose Egoismus einer solchen Flucht aus der gemeinsamen Welt nur vertuscht werden konnte, indem sie die Ursache der verzweifelten Flucht schlichtweg negierten (daher die Leugnung des Klimawandels)“. Ihr Rückzug in „gated communities“ sei ein Akt der gewollten Weltabgewandtheit, der gesuchten Realitätsflucht und des absichtlichen Vernunftbetrugs. Und ihr Rückzug aus der Welt der Solidarität und der Fakten sei der Engstirnigkeit der Fake-News-Gläubigen, ihrem reaktionären Sinn fürs Völkische, Identitäre und Grenzwertige vorausgegangen.

Was, wenn man diese Zeilen ergänzte um den Gedanken, dass nach vielen AfD-Wählern sich nun auch viele junge Menschen von der großkoalitionären Regierungspolitik abwenden – aus ähnlichen Gründen, aber mit viel besseren, nämlich inklusiven, progressiven Absichten? Dann wäre es nicht nur „völlig nutzlos“, so Latour, sondern auch ein politisches Versagen, sich über die Empörten zu empören – weil sie faktisch in alternativen Welten leben. Das Problem wäre nicht, dass sie an intellektuellen Defiziten litten, sondern dass es im Verhältnis zwischen Regierenden und Regierten (Elite und Volk) ein Defizit an gemeinsamer Praxis gibt. Für die CDU stellt sich die Lage daher eigentlich ganz einfach dar: Die Empörung über Rezo ist zwecklos, solange nicht nur die Empörten, sondern vor allem auch die CDU nicht wieder gewillt sind, auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.

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